„Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß es nur flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.“
Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt, als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die sie von jenem Zimmer schied . . .
„Wie grauenhaft!“ entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: „Wie lang ist es her?“
„O an die dreißig Jahre mindestens.“
„Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,“ versuchte sie zu scherzen.
„Sie haben ja gar nichts gegessen!“ sagte Lord S.
„Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,“ und sie erhob sich rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. „Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und ich will sie in der Halle erwarten.“ Damit ging sie zur Türe und sie trennten sich.
Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.
„Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich nicht nötig.“ Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen, und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.
Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst, die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis — und dies war nicht anzuzweifeln — im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische, noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. — Aber plötzlich riß ihr der Faden. „Ich habe ja noch zwei Nächte,“ dachte sie, „für diese langweilige Sippe.“