Siebentes Kapitel

Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet, die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid, und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den Schultern saß. Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.

Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde Rehaugen starrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien. Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war. Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter einem Zelt die alte Dame. „Ah!“ sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr am Boden, „ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine Viertelstunde hier rasten?“ Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. „Es war schön im Walde,“ sagte sie, „und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!“

„Ja, es ist ein finsteres Schloß,“ sagte die Alte.

„Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ja, das weiß ich ganz bestimmt.“

„Fürchten Sie sich da oben ganz allein?“ fragte die Alte, die das Fürchten nicht kannte.

„Nein,“ sagte Mariclée gedehnt und schüttelte den Kopf, „ich genieße es.“ Dann fügte sie hinzu, indem sie zu ihr aufsah: „ich wüßte gerne, ob Sie abergläubisch sind.“

„Ich grüße stets eine Elster, die einzeln vorüberfliegt: One for sorrow, Two for mirth, Three for a wedding, Four a birth“, rezitierte sie und nickte jedesmal mit dem Kopfe.