„Ich möchte gerne einen Mann ertappen, wie er gerade vor einer einschichtigen Elster den Hut abnimmt.“

„O Kind,“ erwiderte die Alte, „deshalb ist ein Ding noch lange nicht töricht, weil es sich mit einem Manne nicht wohl verträgt.“

Gibt es etwas schöneres, dachte Mariclée, wie so ein mütterliches, altes Weib?

Aber die Tochter hatte ihr Spiel beendet und Mariclée war wieder aufgesprungen, denn sie hatte nur Zeit, sich umzuziehen.

Zum Lunch erschienen zwei Fräuleins, Töchter eines gewesenen Botschafters, denen es das Leben nicht mehr recht machen konnte. Sie waren beide baumlang und nicht sympathisch. Die eine war ältlich, die andere noch leidlich schön, aber im Begriff zu verblühen. Mariclée wünschte der jüngeren einen Mann und beide zum Hause hinaus. Denn sie hatten sich in Amerika, dem letzten Posten ihres Vaters, eine höchst unangenehme Sprechweise angewöhnt, die auf die Nerven ging. Sie sahen Glenford zum ersten Male und kreischten vor Bewunderung bei jedem Stück, ja im großen Saale schrien sie wie am Spieß. Mariclée bekam starkes Herzklopfen von ihren Organen, sie war müde von ihrem Spaziergang und ihrer schlaflosen Nacht. Aber die beiden Damen wollten das Schloß ansehen der Länge und der Quere nach, nicht nur die Kapelle und alle Zimmer, sondern auch die Souterrains und alles Porzellan. Arbeit genug für zwei Stunden, aber sie führten einen großen Vorrat von Bewunderung mit. Lady S. fühlte sich plötzlich von Mariclée am Ärmel gezupft:

„Bitte, führe sie nicht in mein Zimmer,“ flüsterte sie, „bei mir liegt alles so herum,“ und sie schlich hinauf, warf sich auf ihr Bett und schlief sofort ein.

Als sie etwas verspätet zum Tee herunterkam, waren die beiden Damen noch da und der Quell ihrer Bewunderung sprudelte noch immer. Dafür trug die Miene der Frau des Hauses deutliche Symptome von Erschöpfung zur Schau. Mariclée konstatierte es mit Bedauern, aber ohne Gewissensbisse, denn sie war der Meinung, daß solche Leiden nicht besser werden, indem man sie teilt. Auch harrte schon ein Diener, mit Mänteln bepackt, im Hintergrund, die jüngere hatte einen kleidsamen Schleier über ihren weitläufigen Federhut geworfen und als sie sich jetzt wirklich erhoben und, wenn auch unter einem neuen Schwall von Worten, wirklich verabschiedeten und wirklich zur Türe gingen, war Mariclées Lächeln und ihr Händegruß von bezaubernder Wärme. Denn sie wünschte ja allen Menschen das Beste.

Die beiden fuhren durch dieselbe Allee von dannen, durch welche gestern Don Juan mit der schönen Herzogin entschwand. „Und jetzt Mariclée, ich bitte dich, gehen wir spazieren,“ sagte Lady S. Und sie nahmen ihren Weg durch die entzückenden Gärten; aber sie kamen nicht weiter als bis zum Fluß. Inmitten blauer Glyzinen, blauer Gladiolen, einem Dunstkreis langstieliger blauer Lavendel stand eine marmorne Bank. Hier machten sie Halt und hier vergaßen sie weiter zu gehen.

Mariclée hatte indessen wieder einen Plan. Sie starrte in den sinkenden Tag nur von dem einen Gedanken erfüllt: Wie lenke ich das Gespräch unauffällig auf das Exemplar? Er gehörte aber den Kreisen ihrer Freundin an, und er war in Glenford gewesen, seitdem sie ihn nicht mehr gesehen hatte: sie wußte es von ihm selbst. „Mein Gott!“ sagte sie, „was für ein blauer Abend, welch köstliche Stunde! Sieh diese blaue Libelle.“ Es ist doch so leicht, dachte sie, ich brauche das Gespräch nur auf gemeinsame Bekannte zu lenken. Allein sie mußte doch einen gewaltigen Anlauf nehmen, um seinen Namen zu nennen, denn sie hatte Angst vor dem, was sie jetzt hören würde; sie dachte nicht an seine Ehe, aber an seine Gesundheit; denn sie wußte, wie krank er war. Noch kein halbes Jahr war es her, daß sie auf der Welt nichts anderes wie englische Zeitungen las, um Nachrichten über seinen Zustand zu erfahren. Und durfte sie von einer Besserung lesen, so las sie bald darauf von einem Rückfall. Dabei konnte sie sich durch nichts anderes, als diese greulichen Blätter informieren: sein Zusammenbruch war unmittelbar nach seiner Heirat erfolgt und von seinen neuen Leuten, bei denen er todkrank darniederlag, kannte sie niemand. Jetzt erfuhr sie, daß er sich mit dem Haus eines der reichsten Herzöge Englands alliiert hatte, und mitten in ihre Spannung kam ihr das Lachen: Er war kein Snob, aber dies sah ihm so ähnlich.

„Jetzt geht es aber wieder vorwärts mit ihm?“ fragte sie.