„Drei Wochen,“ erwiderte sie unbedacht, weil er vorhin „drei Wochen“ gesagt hatte. Eine jähe Röte stieg ihr zu Gesicht. „Oder vierzehn Tage,“ verbesserte sie. „Ich weiß es noch nicht.“

Er nahm stets den äußersten Termin bei ihr an. Sie hatte es nur zu wohl erfahren, als sie in anderen Städten mit ihm zusammentraf. „Innerhalb drei Wochen wären Sie also noch zu erreichen?“ wiederholte er.

„Ja,“ gab sie bei.

Da öffnete sich die Türe. Mariclée hatte das Gefühl, als lägen ihre Arme und Beine in den vier Ecken des Zimmers verstreut und als müßte sie sie dort holen gehen, in Wahrheit aber schoß sie kerzengerade in die Höhe. Sie hörte, wie das Exemplar sie vorstellte, begrüßte die Eintretende mit großer Natürlichkeit und näherte sich dann dem Fenster. Ihre Haltung war plötzlich tadellos. Etwas appellierte an ihr Selbstbewußtsein oder ihren Stolz und es war, als zöge unvermutet eine andere Fahne auf.

„Wir sprachen von Wiener Bekannten,“ hub sie im leichten, klangvollen Tone an und kehrte vom Fenster zurück. Sie war jetzt die Grazie und Sicherheit selbst. Auch die Steifheit und Spannung im Auge des Exemplars hatte sich gehoben, und ein Gespräch zwischen den Dreien geriet richtig in Fluß. Mariclée zeigte sich lebhaft, ohne von einer eisigen Reserve zu lassen, und brachte es zustande zu lachen, ohne doch jemals zu lächeln. Sie unterhielten sich über die Juden, deren soziale Position in England eine viel gesichertere sei wie am Kontinent, und das Exemplar meinte, es sei eben auch die beste Sorte Juden in diesem Lande zu finden, und streute amüsante und scharfe Bemerkungen ein.

Hin und wieder nahm sie ihre Tasse zur Hand setzte sie aber wieder hin, weil sie fürchtete, man könne das Zittern ihrer Hand bemerken. Sie hätte gerne ihren Tee genommen, und wie die andern etwas dazu genossen, um sich weniger erschöpft zu fühlen, aber von essen konnte jetzt ebensowenig die Rede für sie sein, wie für einen Schatten oder eine Abgeschiedene. Sie nahm statt dessen eine Zigarette — die war nicht so schwer wie eine Tasse — und sie rauchte und erzählte von Irland, und wie ihr die Irländer gefielen und mißfielen und von der Unmenge von Priestern. Indes lag jetzt in der blassen, schwebenden Hand, mit der sie ein wenig gestikulierte, während sie sprach, ein so ergreifender Ausdruck, daß Mariclée, der das Schöne, woher es auch kam, nicht leicht entging, davon betroffen ward und sie senkte; doch das Exemplar hatte sich schon von seinem Platze erhoben, und sie wußte, es war, weil, ohne zu wollen, ihre Hand ihn gerufen hatte.

„Hier ist Feuer,“ sagte er, indem er sie schnell erfaßte. „Ihre Zigarette ist erloschen.“

Und dies war die einzige Begrüßung, die zwischen ihnen stattfand. Mariclée wurde dessen nur wie von ferne gewahr. Sie hatte ja so viel zu tun, um jegliche Gefühle in sich auszuschalten, auf daß die leicht vibrierende Stimme, mit der sie redete, nicht brach. Man kam auf seine verflossene Seereise zurück, während welcher er niemals nach Hause schrieb.

„Er ist ja zu Briefen einfach nicht zu bewegen,“ sagte seine Frau; „schreibt er Ihnen je?“

„Niemals!“ lachte Mariclée und schüttelte den Kopf. Die umfängliche Schachtel, in der sie seine Briefe aufbewahrte, faßte sie zwar längst nicht mehr. Aber konnte sie etwas anderes sagen, als was sie eben von dieser Seite vernahm? Und dann: was waren das für Briefe? Meist flüchtig hingeworfene Zettel. So war es, trotz der überfüllten Kassette fast wahrheitsgetreu zu sagen „Niemals“.