Mitten drin trat auch die Frau einmal zum Fenster hin, um Mariclée, die im Halbdunkel saß, von rückwärts und vom Profil zu mustern, und kehrte dann zu ihrem Platze zurück. Und auch dieses fühlte Mariclée nur wie von fern.
Man sprach noch von diesem und jenem: von deutschen Stücken, für die er eine Vorliebe hegte und von Hauptmanns „Griechischem Frühling“, den Mariclée überall verkündigen und lobpreisen mußte, weil das Buch ihre Marotte war; und endlich von dem kürzlich erfolgten Tode Tyrrels, wobei sie sich über die unversöhnliche Haltung des Klerus mächtig ereiferte. Niemand war in ihre Gedanken besser eingeweiht und mehr von ihnen eingenommen wie das Exemplar, weshalb es ihm oft viel Spaß machte ihr zu widersprechen. So nahm er jetzt, der als Anglikane in solchen Fragen in keiner Weise engagiert war, für die schroffe Haltung der Kirche Tyrrel gegenüber munter Partei, und sie wollte ihm etwas entgegnen, als ein Diener mit der Meldung eintrat, das Auto sei vorgefahren. Da empfand sie den Schmerz des mitten aus tiefem Schlafe jäh Aufgescheuchten und erhob sich; das Exemplar schien von der Unterbrechung keine Notiz nehmen zu wollen, doch mahnte ihn seine Frau, daß es Zeit wäre zu fahren, um nicht in die Nachtluft zu kommen, der er sich nicht aussetzen durfte. Da brach er seinen Äußerungen über Tyrrel mit einer äußerst frivolen, aber so witzigen Wendung die Spitze ab, daß Mariclée ihn ansehen und lachen mußte. Denn zur Wirklichkeit und dem Bewußtsein ihrer Situation kehrte sie erst zurück, als sie wieder in der Halle stand und mit den beiden der offenen Pforte zuschritt.
„Da wir uns nun endlich kennen lernten, werden wir uns hoffentlich wiedersehen,“ sagte seine Frau.
„Ich hoffe es auch,“ erwiderte Mariclée höflich und rasch, doch ohne den Schatten eines Lächelns, denn ihr Gesicht war wieder wie versteinert. Und sie ging die Stufen hinab. Aber da erschien er noch einmal vor dem Hause und trat weiter hervor, als sähe er nach dem Wetter und nickte ihr zu, und blickte sie an mit einem Lächeln, in dem alles lag, und dem alles entglitt, das von den Dingen so wohl Bescheid wußte, das ein so weltweises, so kundiges Lächeln war, mit Idealismen zwar vertraut, doch jeglicher Illusion erstorben, ein so blasses, flickerndes und winterliches Lächeln, daß es Mariclée, der Schutzlosen und Gefährdeten, vom Leben so viel rauher Angefaßten, ins Herz schnitt und sie jeden Tropfen ihres Blutes aufbot, um Sonne in ihr eigenes Lächeln zu weben, und ihn anstrahlte, ohne Trauer, als sei nichts verloren. Dann riß sie ihre Blicke los und zog ihren verlassenen Weg und sah nicht einmal hin, als sein Auto, das ihn an den Meeresstrand zurücktrug, an ihr vorübersurrte. Denn jetzt war kein Licht mehr in ihren Augen und ihre Kräfte waren ausgegeben.
Der Tag schien nur um ein geringes blasser und es dämmerte noch nicht. Aber es war, als ob alle Uhren jetzt verschwunden seien, ihr wenigstens fiel keine mehr ins Auge; sie dachte nicht mehr an die Zeit. Ihre Ernüchterung war grenzenlos. Dies also war der Mensch, der sie so wert dünkte, den sie mit solchen Gefühlen und solchen Gedanken behing, diese Puppe! — Mariclée stieß gegen ein Haus und taumelte. Wahrhaftigen Gottes, er sah aus wie eine Puppe!
Sie stand plötzlich auf dem Trafalgar-Platz, sie wußte nicht wie. Nun, es war wirklich gut, es war sicher ganz vortrefflich, daß sie ihn wiedergesehen hatte. Aber wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Also das war er; — diese Puppe? und wenn sie es nicht selbst gewesen wäre, hätte sie eine große Lachlust verspürt. Was für eine Puppe, sagte sie ganz laut und wiederholte noch einmal, um das Erstaunliche auch auf englisch zu hören: „What a doll!“
„Jetzt nehme ich ein Hansom,“ dachte sie. Aber wozu? Welche Zeit wollte sie denn gewinnen? Es war schon besser, sie ging zu Fuß. Sie durfte das Geld nicht so hinauswerfen. Erst einen Kassensturz, wenn ich bitten darf. Warum hatte sie nicht gesagt: ich kann nur mehr zwei Wochen bleiben, mit zwei Wochen hatte sie doch nur gerechnet. Wie? Was meinte sie da? Was? War das ihr Ernst? Drei Wochen wollte sie nun um dieser Puppe willen? . . . Ach, unterbrach sie sich selbst, nicht denken, jetzt nicht darüber denken . . . später . . .
Und Mariclée tat an diesem Tage tatsächlich etwas Vernünftiges; sie nahm ein Hansom, fuhr nach Hause, warf sich auf ihr Bette, gestattete sich keinen einzigen Gedanken mehr, sondern schlief. Es herrschte völliges Dunkel, als sie erwachte. Sie fühlte sich wie zerschlagen, erhob sich aber rasch, zog ein Abendkleid an und verließ ihr geborgtes Palais. In diesem Mausoleum hielt sie es jetzt nicht aus, und sie mußte ein hübsches Restaurant ausfindig machen; dies war für den Augenblick das Wichtigste. In einer tristen Teebude zu essen hätte sie heute schier umgebracht. Sie fand in einer eleganten Seitenstraße ein sehr hübsches Lokal und zögerte nicht, es zu betreten, denn ihr schwindelte vor Hunger.
Sie hatte sich tags zuvor ein Theaterbillett genommen, aber sie ließ es auf dem Tisch zurück, als sie wieder ging. Ihr graute plötzlich vor dem Zusammensein mit Menschen; sie wollte mit sich allein sein, nachdenken und gehen. Die Luft war linde und still, über den schwarzen Wolkenstreifen, die noch am Himmel zogen, ragten jetzt Sterne in verzweifelt überwältigender Höhe. Mariclée kehrte von den dunkleren Seitenstraßen in die ruhelose Helle Piccadillys zurück, wo die Finsternis auf Schritt und Tritt vor den Lichtern zurückweicht, wie eine starre Kälte, die von mächtigen Feuern unablässig gebrochen und verdrängt wird. Von dem Ansturm der Wagen, die so endlos aufeinander folgten, daß der einzelne so wenig zählte wie in weiten Wäldern der einzelne Baum, wurden ihre Sinne ganz benommen, wie auch von der Gleichförmigkeit des rauschenden Lärms, den sie heute wie eine gesteigerte Stille empfand. Vergebens wartete sie, um die Straße zu passieren, denn nie wollte zwischen den vielen Kolonnen der Wagen, Autos, Omnibusse und Hansoms eine Lücke entstehen; mitunter schwankten hochgetürmte, bunte Stellwagen, mit Pferden bespannt, recht altväterisch einher. Als da einer vorüberzog, dessen Dach ohne Insassen war, machte Mariclée ein Zeichen, ergriff schnell die hilfreiche Hand, die ihr der Kondukteur entgegenstreckte, und kletterte behend zu den oberen Sitzen hinauf, von welchen aus sie unter freiem Himmel, ungestört und ganz für sich allein, die Straßen dominierte. Denn unter freiem Himmel und allein und abgetrennt zu sein war jetzt ihre ganze Sorge. Sie mußte wissen, was die große Stille bedeuten wollte, die mit einem Male in ihrem Innern entstanden war, wie der Wind, der mit einem großen Ruck mitten im Sturm innehält, doch nur weil ihm der Atem ausging, und um desto stärker wieder anzuheben. So traute sie dieser Stille, dieser Glätte eines allzu bewegten Herzens nicht. Was mochte sich in ihm abspielen, daß so seltsame Schauer seinen Gründen entstiegen und immer stärker wiederkehrten? Waren sie von Glück oder Betrübnis aufgeweht? Ihr bangte wie vor einem Vorhang der ihr das eigene Selbst noch vorenthielt und sich nun langsam teilte, sie in ihr Inneres einzulassen. Der Omnibus fuhr durch die grelle Oxfordstreet und Hyde Park entlang. Als er am Ziele war und wendete, stieg der Kondukteur herauf, aber sie löste einfach eine neue Karte, fuhr bald hin, bald her, tief in die Nacht hinein und blieb auf ihrem ambulanten Dach. Anderen Menschen war es wohl zu kühl hier oben, denn niemand störte ihre Einsamkeit. Im Parke, wo sie zusammenstanden, trugen sich die Bäume noch sommerlich, doch ihr Laub hing schon recht herbstlich stille, weil keine neuen Säfte sie mehr durchquillten. Aber was wußte sie da von Wärmegraden, von Stunden oder Jahreszeiten? Und es war nicht Herbst. O nein! die Knospen hingen zum Bersten reif an grünendem Geäst, nur ein Regenschauer mußte noch herniedergehen; denn es war eine Frühlingsnacht; es war nicht Herbst; wer sagte das? man stand im Lenz. „Ach ich Arme!“ dachte sie, „warum bin ich so glücklich?“ und preßte ihre Arme gegen ihr Herz, das sich durch keine Bedenken halten ließ; es hatte an diesem Tage allzuvieles gewaltsam unterdrücken und verdrängen müssen; nun brach es ans Licht und prangte in hellem Flor.