Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war nicht gestorben. Die Leute, die vor kaum einem Jahre seinen Tod so sicher in Aussicht stellten, die Londoner Reporter, die vor jedem Redaktionsschluß anfragten, ob er noch nicht zu vermelden sei, sie hatten einmal nicht Recht behalten, und ihr Erzfeind: die Wahrscheinlichkeit war einmal nicht zur Wahrheit geworden, sondern die Schatten, die sich schon das Zeichen gaben und an seiner Schwelle sammelten, hatten wieder von ihr weichen müssen. Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war geblieben. Die Götter, die in das Herz des Menschen sehen, hatten sich des ihrigen erbarmt, dessen Blut zu Asche zerronnen wäre, wenn die Dinge ihren Lauf genommen hätten und statt es fortan wie eine Urne zu tragen, hielt sie es jetzt wie einen frohlockenden Zweig, den eine Überfülle aufbrechender Knospen zu sehr beschwert.
Denn in ihr war etwas, das den Tod nicht nur haßte, sondern ihn nicht ertrug. Sie, deren kraftlose Hände einen Schlüssel nicht zu drehen vermochten, der auch nur halbwegs strenge in seinem Schlosse saß, hatte einmal eine verschlossene Türe gesprengt, weil der Schrei, der daraus hervordrang, auf den Hörer augenblicklich eine freche Todesvision übertrug. Und nicht das Erbarmen, sondern einzig die Wut hatte da ihre Kräfte so vertausendfacht und ihre Schnelligkeit so gesteigert, daß sie wie eine Kugel auf das betroffene Wesen hinschoß und mit einem verdunkelten und von Haß entstellten Megärengesicht es seinem Schicksal entriß.
So sehr war sie in das Leben verliebt, daß diese Liebe die Natur in ihr pervertiert hatte — wie etwa eine bourbonische oder florentinische Lilie eine pervertierte zu nennen ist. Mariclée war ein Kind ihrer Zeit; sie mußte das hinnehmen. Bei aller Intensität war kein Geist abschweifender als der ihrige und dem Gegenstande seiner Leidenschaft beständiger entrückt. Im klassisch hergebrachten Sinne liebte sie das Exemplar mit nichten, und sogenannte „Mädchenträume“ hatte sie niemals auf sein Haupt gehäuft. Denn ihr Bereich waren jene Zwischenstadien, die unsere Mütter und Großmütter nicht kennen lernten. Aber heutige Frauen sind insofern die Erfahreneren, als gewisse „Brechungen“ ihres Gefühlslebens viel weiter ausgreifende Strahlungen desselben ermöglichen. Es ist die Zeit, es ist die Zeit!
Denn zum Charakter einer Krankheit gehört es (und es ist ein alter Gemeinplatz, die Liebe eine solche zu nennen), daß sie von einer Phase in die andere übergeht und keinen eigentlichen Stillstand kennt. Manchmal kommt es dann vor, daß sich die Krankheit zurückschlägt, so daß man nicht sogleich zu sagen wüßte, wo denn ihr Herd zu suchen sei, weil sie nirgends ist und überall, und im Moment, in dem sie zurücktritt, dem Ungewitzigten behoben scheint.
Dieser Moment herrscht nun heute in Dingen der Liebe bei uns Europäern fast epidemisch vor. Er ist es, der jener vielberühmten „Temperamentlosigkeit“ unterliegt, die den jüngsten Männern so vielfach eigen scheint und die älteren so sehr befremdet; aber ich möchte fast behaupten: gerade von diesen wird über dieses Thema immer nur das Falscheste vorgebracht. Sie besinnen sich nicht lange, auch das stilisierte einfach für pervers zu halten, und ehemalige Roués sind hier nicht selten unverbesserlich naiv. Was sie indessen als dekadent (das Wort soll alles decken) abfertigen, ist eine Krisis, die macht, daß es wert ist zu leben, wäre es nur, um zuzusehen, wie sie verlaufen, wie die kommende Generation sich zu ihr verhalten, und wie diese daraus hervorgehen wird. Mittlerweile scheinen sie in der Tat überhaupt nicht zu lieben, denen heute die allgewaltige Blindheit der Liebe verloren ging, so daß die Glut ihrer Herzen zurücktrat, als ein schleichendes Fiebern sich in alle Adern ergoß und ihre Wildheit schlug. Was die Besten so ermattete, ist der Vorgeschmack der großen Ernüchterung, das Bewußtsein von der Schalheit der Dinge und die Angst vor dem Sichbescheiden im Überdruß. Die Realität der Liebe verlor da zum ersten Male, seitdem die Welt besteht, gerade für die Liebenden an Wichtigkeit, und die Scheu des Unzulänglichen wurde so zur heutigen Romantik.
Mariclées Element war das Absichtslose. Sie konnte ihr Gefühl nur einem solchen Manne zuwenden, bei dem aus irgendeinem Grunde eine Verwirklichung ihrer Wünsche so ausgeschlossen war wie das Festland von der Meeresinsel. Sie liebte ihn um seines Wertes willen und nichts darüber, damit schoß sie aber gerade über das Ziel hinaus, verlor den Mann aus dem Auge und hing sich an den Menschen. Sie wußte es nicht, aber das Exemplar, das ihr zugesehen hatte, wußte es von ihr. Er hatte ihr die größte Wohltat erwiesen, die ihr von einem Manne zuteil werden konnte: sie vollkommen zu durchschauen, und so lang er lebte, war sie nicht allein.
Denn durch einen Zug ihres eigenen Wesens war sie er selbst, und zwar gerade auf Grund jenes Idealismus, den er für sich nicht mobil machte, und mit dem sie sich einen so unerhörten Luxus gestattete. Ihm war einer der besten Tribünenplätze zugefallen, die im Leben zu haben sind, und alle Vorteile und Genüsse, von den edelsten zu den materiellsten standen ihm zu Gebote. Er hatte sich auch stets um einen solchen Platz bemüht, und sie feilschte darob nicht mit ihm, denn ihr Verzicht auf das Ganze war nur deshalb erfolgt, weil sie mit keiner zweitbesten Lage vorlieb nehmen wollte. Sie flickerte dann lieber zwischen Bühne und Publikum hin und her, ließ sich nirgends eingrenzen und war es zufrieden, sich allem und jedem gegenüber eine vage Zugehörigkeit und einen vagen Protest vorzubehalten. Dies war ihre Geste.
Er hingegen war der typische Zuschauer, für den gespielt, gearbeitet, gelernt, geforscht, Kunst getrieben und immer neues gefunden und entdeckt wird, und für den vor allem alle schönen Dinge vorhanden sind. Er gab sich zu denken nicht sonderliche Mühe, denn just für ihn wurde ja gedacht. Und woher sollen die Romanschriftsteller und Dramaturgen ihre Helden schöpfen, wenn jene Typen aus der Welt verschwänden, welche den Stoff zu ihrem Gestalten liefern?
Ein solcher Held nun war das Exemplar.
Die Gemeinschaft, die zwischen ihm und Mariclée bestand, war ebenso kurios, wie ihre bei den Haaren herbeigezogene erste Begegnung.