Vor einigen Jahren war er durch die Stadt gekommen, in der sie lebte. Und am selben Tage hatte sie eine ehemalige russische Palastdame und Witwe eines vielbereisten Diplomaten aufgesucht, die eine große Schwäche für sie bezeigte und mit der sie sich hin und wieder zerwarf und dann wieder versöhnte. Die alte Dame war sehr tyrannisch und unberechenbar in ihren Launen, hatte sich aber dabei eine vollendete, in Anbetracht ihrer Jahre sehr merkwürdige Grazie bewahrt und schien hier etwas verschlagen mit ihrer Sarskoe-Zelo-Aura, die sie überall mit sich führte, ohne einen rechten Gebrauch dafür zu finden, denn im Vergleich zu seinem früheren Glanze war ihr Leben jetzt sehr windstill und verblaßt.
Als nun Mariclée an jenem Tage bei ihr erschien, wollte sie gleich über sie verfügen, sie ins Theater und für den ganzen Abend in Beschlag nehmen. Aber Mariclée tat ihr prinzipiell keinen Gefallen mehr, weil sie gefunden hatte, daß anders nicht mit ihr auszukommen war. Und als sie merkte, daß ihre scheinbar recht unmotivierte Weigerung andere Besucher, die zugegen waren, unangenehm berührte, weigerte sie sich erst recht. Aber die Gesellschaftsdame, ein junges und recht unglückliches Mädchen, zupfte sie leise am Ärmel, nahm sie geschickt abseits und bat sie flehentlich der alten Dame heute abend zu willfahren. Da witterte Mariclée eine häusliche Szene zwischen den beiden und nahm ihre Absage zurück.
Eine Stunde später saß sie in einem Stück von Björnson, und bemerkte, daß ein Herr in ihrer Nähe öfter zu ihr hersah, doch achtete sie nicht weiter darauf, teils aus Zerstreutheit, teils weil sie ihn nicht kannte. Nach der Vorstellung aber ging er plötzlich auf die alte Dame zu, die ihn mit einem kleinen Freudenschrei willkommen hieß, denn sie kannte ihn vom letzten Posten ihres Mannes her. Mariclée, immer noch recht unbeteiligt, hielt sich jetzt abseits und ließ die beiden in dem engen Gang ein paar Schritte vorausgehen. Aber vor dem Vestibül wandte er sich um, hielt inne und verlangte ihr vorgestellt zu werden. Mariclée stand eine Stufe höher als er und sah jetzt zum ersten Male sein Gesicht; sie stutzte. Sein wundervolles Äußere frappierte sie so sehr, daß sich ihr Gesicht erhellte und sie ihm unwillkürlich ihre Hand entgegenstreckte, aber zugleich blickte sie von ihm weg und starrte ins Leere und lächelte dabei, als sähe sie sich im Geiste sein Bild noch einmal an. Da kam er rasch die Stufe herauf, um ihre Hand zu ergreifen, und sein Lächeln trug ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit den deutlichen Reflex des ihren. Und es geschah alles so rhythmisch, als hätte im Hintergrund eine Musik diese flüchtige Begrüßung von Anfang bis zum Ende begleitet. Sie war symbolisch genug. Nur das Leben konnte diese beide trennen: ein Mißverständnis nie.
Trotzdem war er ihr am folgenden Morgen ganz aus dem Sinn. Sie erwartete an diesem Nachmittage die alte Palastdame bei sich zum Tee. Als es läutete, stand sie gerade am Fenster und sah einen Kindertotenwagen dem Hause zufahren. Sie ging in den Salon, ihrem Besuche entgegen und sah das Exemplar auf sie zukommen, wie wenn nichts natürlicher wäre, als daß er heute in Begleitung ihrer alten Gönnerin hier erschiene und sich von ihr hier einführen ließe. Sie war das einzige Wesen, daß er in dieser Stadt kannte.
Von dieser Stunde an war das Unstete, Rastlose und Unsichere von Mariclées Wesen dahin. Die beiden trafen sich fortan bald in kurzen, bald in längeren Zwischenräumen bald in dieser, bald in jener Stadt, bald in Rom, bald in Venedig. Wenn sie gingen, dann war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zur Gruppe zusammenschmiedete, und es war nicht als ob zwei, sondern als ob einer ging. Seine Nähe war die Heimat, die alle Einsamkeit von ihr benahm, und in der sie von allen Ungereimtheiten des Lebens rastete. Einmal im Theater, als er die Hand ausstreckte, um ihren Zettel zu nehmen, waren ihr Tränen in die Augen gekommen, weil seine Vollkommenheit sie so beglückte. Denn er war gleichsam ein Übergang zum menschlichen Standbild. Dies Phänomen war durch seine äußere Form im Verein mit der Akuität seines Schönheitssinnes entstanden. Die Harmonie kann so gut wie die Häßlichkeit als „Akkumulator“ am Werke sein. Durch die Schärfe aber, mit der Mariclée diese Harmonie so restlos wahrnahm, hatte sie Teil an ihm, ja „gehörte“ er bis zu einem gewissen Grade ihr.
Und nun stiegen auf dem Wagendache, auf dem wir sie ließen, auch die weit verstreuten, selbst die vergessenen Tage ihrer Zusammenkünfte wie aus einer Versenkung empor, zerfallene Kulissen durften wieder erstehen, der Zeiger rückte bald nach dieser, bald nach jener Stunde ihres Zusammenseins zurück und eine jede durfte wieder aufleben und erblühen. Und über Mariclée war das Glück wie ein Frühlingssturm her und schüttelte und durchschauerte sie. Er lebte, und sie hatte ihn wiedergesehen. Um sie her rauschten jetzt die Bäume, von einem mächtigen Winde aus ihrer Stille aufgescheucht, die Nacht war schon weit vorgeschritten, aber Mariclée nistete noch immer auf ihrem Dache oben wie ein Käuzchen in seinem Felsenloch. Sie ließ sich durch den Schaffner nicht stören, der ab und zu an der Stiege erschien und von dem sie dann eine neue Karte löste. Zum wievielten Male war sie wohl schon Park Lane und jene grotesken Häuser entlang gefahren, die ihr Dasein bald einem undeutlichen Ricordo die Venezia (in englischer Betonung) verdanken, bald — (mit dem gleichen Akzent) von Nürnberg und Albrecht Dürer phantasieren? Fassaden, in welchen sich gewisse angelsächsische Züge mit solcher Drastik verdichten, daß diese zu Kalk und Stein verhärtete Borniertheit nicht niedergerissen, sondern in künftigen Jahren restauriert werden sollte. Denn der dumme Deutsche ist nur ein Ärgernis, dem stupiden Engländer gebührt ein Monument.
Mariclée stieg nicht eher von dem Wagen herunter, als bis er seinen Dienst einstellte, dann ging sie nach Hause und ließ sich mit ihrem kleinen vergoldeten Kammerherrenschlüssel dort ein. Die Diensträume lagen weit ab und niemand konnte sie hören, nur die Stille eines unterirdischen Gewölbes wehte ihr hier entgegen. Sie tastete an der Türe nach den Hähnen, und alsbald entströmte den verhängten Lüstern ein verschwiegenes, weißliches Licht. Mariclée stieg wie im Traume die Steintreppe hinauf und an dem großen Spiegel vorbei, aus dem ihr stets nur ihr eigenes Bild entgegentrat. Doch halt! — wer war das? — das war nicht sie. Welche Gestalt zog da wie auf Wolken einher? Wessen Antlitz? o das war nicht sie! ach ihre Züge waren es, und nicht die ihren, wie die Rose, die am Gartenstrauche hängt, nicht dieselbe ist, die am Hag eines Götterhaines entflammte. So also sah sie im Glücke aus. — Wo war die Unbelebtheit hin, die manchmal wie ein Vorhang ihr weltabgewandtes Antlitz überzog und es umdüsterte? und sie wandte sich ab, denn es schmerzte sie dies herrliche und lichtumflossene Gesicht zu sehen.
Wie brachte sie es nur zuwege, wird sich der Leser denken, auf so geringe Veranlassung hin, einen solchen Maibaum aufzurichten? Welch ein Aufwand von Gefühlen pour si peu! Aber man denke, wie gewaltsam im Moment die ungeheure Freude des Wiedersehens zurückgedrängt worden war, und gleich nach der Zusammenkunft so weit zurückschlug, daß sie das Exemplar mit den vollkommen nüchternen Augen eines gleichgültigen Passanten betrachtete und sogar geneigt gewesen war, die ganze Geschichte von der lächerlichen Seite anzusehen. Denn vergessen wir nicht, daß Mariclée sich leicht an der äußersten Kante der Dinge bewegte.
So dachte sie auf ihrem Omnibus nicht mehr: „Warum hat er mir das getan?“ und prüfte nicht, ob er die Situation herbeigeführt oder nur geduldet hatte. Sie dachte nur: O wie genau wußte er, daß er sie riskieren durfte! Wie genau wußte er, bevor sich jene ominöse Türe öffnete, wie ich mich verhalten würde! O wie gut bin ich bei ihm aufgehoben, und wie gut kennt er mich?
Und so war das ganze Freudenfeuer vor allem eine Reaktion.