Achtzehntes Kapitel
Darüber konnte ja am nächsten Morgen kein Zweifel sein, daß es Herbst war. Die alte Klara gab ungeheuer viel auf das Wetter. Wenn sie das Frühstück heraufbrachte, verfehlte sie nie hierüber Bericht zu erstatten, und zwar stets mit dem entsprechenden Mienenspiel: der guten Botschaft voll, wenn die Sonne schien, besorgt, wenn sie sich nicht zeigen wollte, und kopfschüttelnd, wenn es goß. Mariclée hatte von ihrem Bette aus den Blick auf zwei Fenster, wovon das eine groß offen stand, so daß sie beim Aufwachen über die jeweilige Witterung bestens orientiert war, aber sie tat nie dergleichen, da die Alte den meteorologischen Vortrag als ihres Amtes zu erachten schien.
„A very cool day indeed, Madam,“ verkündete sie heute, „and no sun.“ Sie schloß das Fenster und zündete im Kamin ein Feuer an.
Mariclée war etwas gerädert von dem langen Fahren auf den harten Sitzen des Stellwagens, und ihre Augen schienen wie nach einem Fieberanfall etwas glanzlos und erweitert. Aber sonst zeigte sie sich wieder sehr vernünftig. Es war immerhin gut, daß sie bei aller Verstiegenheit jederzeit imstande war zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückzukehren, und sich in den Alltag, ob sie ihm noch so weit davonlief, wieder zu schicken. Es galt jetzt die nächsten drei Wochen so erträglich zu gestalten, als es sich mit ihren beschränkten Mitteln vereinen ließ, denn vorher würde sie das Exemplar keinesfalls sehen. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Sie kannte ihn viel zu gut, um nicht zu wissen, daß er den Moment der Möglichkeit sie noch zu sehen aufs äußerste hinausschieben würde, weil ihm an dieser steten Möglichkeit eines Wiedersehens vielleicht mehr gelegen war als an dem Wiedersehen selbst.
Am liebsten hätte er sie nie aus seiner Nähe gelassen, weil sie ihn am meisten entbehrte, wenn sie mit einer Möglichkeit ihn zu sehen rechnen konnte und dann ausschließlich an ihn dachte. Er wußte, daß ihr zwar kein anderer Mensch, daß ihr aber manche Dinge mehr galten als er. Für eine Idee hätte sie ihn jederzeit verraten und ihn über ein allgemeines Interesse aus dem Auge verloren und vergessen, ja vergessen, selbst ihn!
Der Sinn für die Unwichtigkeit des Einzelnen und die Relativität der Dinge ging ihr nie ganz verloren; hier lag der tragische Zug ihres Wesens: sie war nicht zu umschreinen und sehr früh unfähig geworden restlos in einem Manne aufzugehen. Auf ihre geistige Welt hatte er nicht den leisesten Einfluß. Denn was ihre geistige Position wert war, wußte sie. Sie hatte sich zu führerlos zu ihr durchgerungen und in geistigen Dingen zu bittere Not gelitten. Wenn sie aber den Stolz des Mannes eingehandelt hatte, so war ihr der Stolz der Frau in die Brüche gegangen. Sie fragte sich nicht, als sie jetzt einen Generalkassensturz vollzog, ob denn der ganze Spaß die Opfer wert war, die sie bringen mußte, noch ob er sich mit ihrer Würde vertrug. Sie wäre jederzeit zu einer Reise um die Welt bereit gewesen, um eine halbe Stunde mit dem Exemplar zu verbringen. Seine Verheiratung änderte an ihrer Haltung nicht das mindeste. Ihre Eifersucht war von ihrer Weisheit und ihrem stets regen Überblick so überboten, daß sie es sich zutraute auch die Eifersucht der anderen zu entwaffnen. Solche Dinge nahm sie gar nicht wichtig. Kurz sie war ein Original.
Daß sie aber mit nichten diejenige war, die sie unter anderen Umständen und in einer anderen Epoche geworden wäre, bedarf keines Wortes. Sie war als ein Kind ihrer Zeit vom heutigen Manne gezeichnet. Das Bestimmende für ihre eigenartige Entwicklung war, daß sie sich schon sehr früh von jener Gattung Männern umringt sah, die, kurz umschrieben, keine épouseurs sind, und daß sie gerade solche Typen am stärksten fesselte. Dies war ihr Schicksal; in unseren Tagen durchaus kein seltenes. Als dann dieser Kreis von „Verehrern“ von dem klassischen Liebhaber gesprengt wurde, war es schon zu spät; und ob sie es auch bedauerte, konnte sie nicht mehr zurück. Jene Utopien, die Tolstoi vor 20 Jahren in seiner Kreuzersonate zu Forderungen zu erheben wagte, sind, wenn auch in einer ganz anderen als der moralischen Tonart, im Unterbewußtsein der jüngeren Generationen rege, vielfach zur Tat und unverkennbar zur Neigung geworden. Indem sie keinem gehörte, behielt Mariclée, wie sie glaubte, auf irgendeine mystische und geheimnisvolle Weise auf alle liebenswerten Männer ein Recht. Zwischen der Eingrenzung oder der Einsamkeit blieb keine Wahl. So wuchs sie denn wie ein halb sublimer und halb absurder Protest ins Leben hinein. In einer Welt, in der man alterte und starb — die zwei einzigen Dinge, die sie nie vergessen konnte — tat sie nicht mit. Ja, alterte und starb sie darum weniger? „Ja, weniger,“ war jedesmal auf diese vernünftige Frage das sinnwidrige Echo ihres Herzens.
Kurz, jene Keime, die sonst in der Frau erstickt zu werden pflegen, und denen der Mann nicht Zeit läßt, ja die er vielmehr zu zertreten und mit anderen Trieben aufzupfropfen und zu kreuzen bestrebt ist, sie hatten bei ihr in eben jenen den Frauen gegenüber so sehr passiven Männern Nahrung gefunden und durften durch Mariclées eigene Geistigkeit, sowie durch manch äußere Umstände begünstigt, mit der ganzen Hitze einer sehr elementaren, jedoch sehr umgewerteten Leidenschaft emporschießen und sich entfalten.
Als sie mit dem Exemplar zusammentraf, war die Natur in ihr schon so stilisiert, daß sie auf den Wogen eines grenzenlosen Meeres, in dem sie unter anderen Konstellationen zweifellos versunken wäre, sicheren Fußes wandelte. Wenn aber das Band, das die Beiden vereinte, aus solchen Paritäten geflochten war, daß keine Zeit, keine Mißverständnisse und keine Eifersucht es zerreißen konnten, so hinderte das nicht, daß eine Welt von Dingen täglich daran zerrte und es verhöhnte. In der Theorie war sie ja eine große Utilitarierin; ihr wahres Leben ahnte niemand. Sie verbarg ihren Idealismus wie einen Höcker (und das war er ja auch) und schnürte ihn so geschickt ein, daß kein Mensch außer dem Exemplar sie darauf taxiert hätte. Was aber ihr Dasein recht eigentlich zu einer Prüfung machte, war, daß sie bei aller Verstiegenheit nicht in den Wolken lebte, sondern haarscharf erkannte, wie diese Welt beschaffen war, was vor ihr galt, und was nicht, und es ihr manchmal recht hart fiel, ihre Position, die jeder praktischen Lebensführung Hohn sprach, nicht nur vor sich selber, auch dem Exemplar gegenüber zu behaupten. Gerade weil sie ein Teil von ihm war, jener Teil seines Wesens aber, den er mit schonungsloser Konsequenz verneinte. Insbesondere sein Herz hatte er mit einer harten Kruste künstlichen Eises überzogen, die er eifersüchtig bewachte und um so fester zufrieren ließ, wo sie einmal nachzugeben drohte. O, sie kannte ihn gut! Noch zuletzt, als sie in Paris zusammentrafen, hatte sie deshalb mit ihm gehadert. Die Tuilerien auf und abgehend, waren sie schon mehrmals vor einer dem Louvre zugewandten Statue vorübergegangen, deren Nacktheit sie entzückte.
„Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen,“ hatte sie gesagt. „Für den Genuß haben Sie den Enthusiasmus hingegeben, und für einen solchen Handel waren Sie zu gut. Sie sind nicht glücklich.“