„Sind Sie es?“ hatte er mit leichtem Spott gefragt „und sollten Sie Ihre Argumente nicht vorsichtiger wählen?“ „Ich bin allerdings nicht glücklich,“ erwiderte sie da und wollte etwas geltend machen, aber zugleich war ihre Stimme, wie die Saite einer Violine, jäh entzwei gerissen, so daß sie schnell verstummte, da sie nur mehr über gebrochene Laute verfügt hätte. Denn bei ihr war ja das Eis so jämmerlich dünn, daß der leiseste Druck genügen konnte es einzutreiben. So gingen sie eine Weile stumm nebeneinander her; hinter den Champs Elysées schlugen goldene Wolken wie flammende Verheißungen am Himmel auf und wie immer war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zusammenschmiedete, daß sie nach einem Rhythmus und wie eine Gruppe wandelten, denn in Wahrheit waren sie Eins. Sein krasser und ungeheuchelter Egoismus war für Mariclée nur eine Lappalie, mit der man nicht ins Gericht ging. Zwar zog er durch die stillschweigende aber unerhörte Dreistigkeit, mit der er Leute, die ihm mißfielen, ablehnte, einen Ring von Feinden, wohin er auch kam. Aber die paar Freunde, die er überall besaß, hielten dafür blindlings zu ihm, denn loyaler war kein Zweiter; und nie war er ein Feigling, nie ein Verräter; im Ganzen ein so reiner Typ, daß er — für die Phantasie — dem Tod kaum eine Angriffsfläche zu bieten hatte.
Was Mariclée indes von der flüchtigen Begegnung, die sie mit ihm gehabt hatte, denken sollte, wußte sie noch immer nicht. Es war das Präludium gewesen, und erst die Fuge würde sie über das Stück, dessen Tonart sich ja in Bälde zeigen mußte, aufklären. Vorerst, dies wußte sie, würde sie weder von ihm hören, noch hegte sie den Wunsch ihm zu schreiben. Der Feuerzauber auf dem Stellwagendach war gründlich verblasen, und sie gestattete sich keinen Gedanken daran, vielmehr begrüßte sie alles, was sie davon ablenkte und zerstreute.
Als sie übrigens ihre Bilanz aufstellte, seufzte sie ein um das andere Mal. Infolge ihres verlängerten Aufenthaltes stand sie finanziell recht schlimm. Für unvorhergesehene Fälle, sowie für die Heimreise hatte sie erst eine reichlich bemessene Summe von ihrer Barschaft abgehoben und als unantastbar in ihren Koffer gesperrt. Dann erst zählte sie zusammen, was ihr zum Leben für die drei nächsten Wochen blieb. Es war herzlich wenig. Für Ausflüge in die Umgegend so gut wie nichts. Wenn sie sehr sparsam umging, konnte sie sich wohl hin und wieder ein Theater leisten und für die Abende, die sie zu Hause blieb, hatte sie den wundervollen Flügel, der im Saale stand, umringt von verhängten Spiegeln und Bildern und den verschleierten Lüstern und Kandelabern, die so feierlich hinter ihren weißen Umhüllungen erstrahlten. Mariclée liebte die Musik über alles. Ohne den schönen Flügel hätte ihr wohl vor ihrer Einsamkeit gebangt. Doch was für ein Gefährte war die Musik!
Bevor sie ausging, telephonierte sie an den Botschaftsrat.
„Ich fahre heute auf zehn Tage nach Schottland,“ hörte sie ihn sagen. „Treffen wir uns doch um zwei Uhr im Berkeleyhotel. Es liegt in Ihrer nächsten Nähe und für mich auf dem Wege.“
„Es paßt mir sehr gut,“ erwiderte Mariclée.
Wie war sie froh, daß sie ihn noch erreicht hatte, sehr froh, als sie ihn in seiner nachdenklichen und schnellen, aber nie eiligen Weise die Straße heraufkommen sah, sehr froh um die Ablenkung. Sie nahmen an einem der kleinen Tische Platz, rechts saß ein fabelhaft elegantes junges Paar, links ein dicker ältlicher Herr.
„Der könnte wirklich Maier heißen,“ bemerkte sie.
„Er heißt auch wahrscheinlich so,“ meinte der Botschaftsrat.
„Er paßt gar nicht nach London,“ sagte sie kopfschüttelnd, „warum der wohl hier sein mag?“