„Es wäre viel interessanter zu wissen, warum Sie hier sind?“ versetzte er lachend, und sah sie von der Seite an.
„O! um den Engländern auf den Busch zu klopfen,“ erwiderte sie lebhaft. „Ich bin noch lange nicht zu Ende mit ihnen. Es gibt doch kein Volk, dessen Eigenheiten so auf die Spitze getrieben sind. Ein Deutscher, der so deutsch wäre, wie ein Engländer englisch sein kann, ist undenkbar. Wir stellen nie in dem Grade eine Rasse, höchstens etwas Typisches dar. Aber hier! welche Bodenzuständigkeit, mein Gott! man denkt an eine Algensorte. Von Jahr zu Jahr werden sich die Leute hier untereinander ähnlicher. Haben Sie schon bemerkt, daß in allen Teehäusern über ganz England dieselben paar Kuchensorten tagaus tagein gebacken werden, so daß also die Mittelklasse überall ganz genau dasselbe ißt, höchst schauderhaft.“ Und sie fing wieder die englische Gotik zu verwünschen an.
„Wo ist hier Innigkeit?“ fragte sie. „Wenn man da an Nürnberg denkt oder an Wien! Erinnern Sie sich jener kleinen Kirche: Maria am Gestade? wie sangesfroh, welches Jubilieren, welche Seligkeit in den schlanken Mauern. Hier muß man sich schon an die glatten, großfenstrigen Fassadenreihen gewisser Wohnhäuser halten, die gerade in ihrer ewigen Gleichförmigkeit so vornehm und gewaltig wirken. Die englische Gotik aber ist rudimentär und finster, wie ein Blutgerüst, wenn man sie mit der unsern und der französischen vergleicht.“
„Waren Sie in Oxford und Cambridge?“ fragte er. „Das müssen Sie sich aber wirklich ansehen, bevor Sie mit der englischen Gotik so samt und sonders aufräumen! und vergessen Sie ja nicht nach Winchester zu fahren. Übrigens sind hierzulande vor allem die normannischen Bauten zu besichtigen. Dort werden Sie finden, was Sie suchen, ohne es weder in Deutschland noch in Österreich anzutreffen,“ und er nannte ihr diesen und jenen Ort, der nur in drei Stunden, während der andere in zwei, der dritte gar nur in einer Stunde von London aus mit der Bahn zu erreichen war.
Es ging Mariclée auf die Nerven, von all diesen Ortschaften zu hören, die sie doch nicht aufsuchen konnte.
„Was ist interessanter?“ fragte sie, „Oxford oder Cambridge?“
„Sehen Sie sich nur beides an,“ riet er. „Und fahren Sie an einem schönen Tag die Themse hinab. Sie werden es sehr genußreich finden.“
„Ich will auch Whitechapel kennen lernen,“ sagte Mariclée, die nach einem anderen Thema suchte.
„Aber ja nicht allein! Unter keinen Umständen ohne einen Detektiv mitzunehmen,“ warnte er. „Ich kann Ihnen eine vorzügliche Adresse geben.“ Er riß einen Zettel aus seinem Blockbuch und reichte ihn ihr hin, und sie tat, als ob sie ihn aufbewahren würde. Ich werde allein gehen oder gar nicht, dachte sie. Meine paar Schillinge helfen mir wahrlich zu keinem Meilenstiefel. Wieviel normannische Bauten werden da für mich heraussehen? — Sie war recht verstimmt.
„Warum so schweigsam?“ sagte er nach einer Weile. „An was denken Sie?“