Mariclée nahm eins derselben in Beschlag. Ein Kellner stürzte schnellbereit herzu. Aber der Mensch mißfiel ihr. „Ich habe meine Wahl noch nicht getroffen,“ sagte sie eisig. Sie winkte einem anderem, dessen schönes Äußere ihr sofort aufgefallen war. Von dem wollte sie bedient werden. Aber vorerst studierte sie die Speisekarte: die war allerdings reich an Fährnissen und die Preisliste eine ganze Bank von Klippen. Aber Mariclée wußte sie geschickt zu umschiffen. Sie bestellte das billigste Fischlein, das hier emporschwamm, verlangte mit lässiger Stimme Tee und bemerkte im verwöhnten Tone, daß sie kein Brot zu sehen wünsche, sondern Toast. Heikler konnte man nicht mehr sein. Der Jüngling, der sie jetzt bediente, sprach ein sehr einwandfreies Englisch, dennoch hörte Mariclées empfindsames Ohr den Akzent heraus, sah ihm mit leblosen Augen ins Gesicht und sagte auf Deutsch: „Aber bitte schleunig.“ Da leuchtete das Gesicht des armen Jungen auf, er flog wie der Wind, fragte im reinsten Westfälisch nach ihren Wünschen und brachte ihr alles selbst. In so flüchtigen und beiläufigen Begegnungen konnte sie außerordentliche Devotionen auslösen, da sie infolge ihrer geschärften Sinne bei den Leuten deren Grad als Menschen blitzschnell herausspürte und ohne eine Muskel zu verziehen, durch eine undefinierbare Höflichkeit den Menschen in ihnen salutierte. Im Scheine ihrer roten Lampe las sie jetzt ihre Abendzeitung, die sie draußen von einem Ausrufer gekauft hatte, bis ihr das Essen serviert wurde. Man saß in diesem Erker halb im Schatten, halb im Licht, alles übersehend und selbst unbemerkt. Die Kapelle spielte recht brav. Es war das Restaurant ihrer Träume; das Publikum nicht ganz leicht zu qualifizieren; erstklassige Boheme, wie es schien, hin und wieder eine zu Ehren gelangte Kokotte und hauptsächlich Fremde. Sehr international, sehr gut im Stil, sehr lautlos, scherte man sich hier doch den Teufel um jene Art von „High life“, von der im Berkeley oder Ritz kein Pardon gegeben wird. Die Damen, die hier eintraten, erschienen zwar meist im Gesellschaftskleide und mit Herren, trotzdem fiel Mariclée in ihrem Straßenanzug, besonders, wenn sie hübsch in ihrem Erker blieb, in keiner Weise auf. Von dem Tage an kam sie täglich, saß immer in demselben Erker und am selben Tisch, der immer leer war, als sei er für sie reserviert, und immer von dem gleichen Kellner bedient; und sie aß immer, was er ihr vorschlug. „Was soll ich nur essen?“ hatte sie einmal gefragt. Es war so langweilig sich das jedesmal auszudenken, besser gesagt, auszurechnen. Seitdem wußte er es immer für sie, er stellte ihr jeden Tag ein Menü zusammen, das wie durch Zufall stets dieselbe Summe betrug, hier blieb sie oft Stunden hindurch, meistens mit einem Buch, oder sie kritzelte ein paar Briefe, während die Musik ihre Stimmung unterhielt, oder sie vertiefte sich in den Anblick der Leute, die in ihrer Nähe saßen, wie ein Kind in ein Bilderbuch. In ihr steckte ja auch ein ganzes Stück Kaffeehausbummler und alten Sonderlings. Denn nie war ein Mensch weniger aus einem Guß.
Neunzehntes Kapitel
So verlebte denn Mariclée in ihrem schlafenden Palast wie von unsichtbaren Händen bedient und in tiefer aber phantastischer Stille ihre Londoner Zeit; der schöne Rahmen ihrer Einsamkeit hielt den Spleen von ihr ab, und der tosende Hintergrund des ewig fluktuierenden Londons hielt sie belebt, ja hatte sogar etwas von einem berauschenden, fast ein wenig gefährlichen Trank. Wenn sie am Flügel saß in dem weiß verhängten Saale, der im Licht der verschleierten Lüster so blaß und so verschwiegen schimmerte, oder in der Halle vor dem großen, unverhüllten Spiegel vorüberflickerte, kam sie sich manchmal vor wie ein Gespenst, das in diesem Hause umging, von seiner Leere angezogen, und sie malte sich aus, wie ein Mensch, der sie hier plötzlich sähe, bebend vor ihrem Anblick zurückträte, und wie sie keine Stimme fände ihn von seinem Grauen zu befreien, und die Brücke bis zu ihm, so nah er ihr stünde, nicht zu schlagen vermöchte, weil sie nicht mehr lebte . . . . Sie malte sich das aus, weil sie es sich so lebhaft vorstellen konnte; denn wie schon angedeutet, war sie so geartet, daß an der großen Tafel des Lebens, obwohl, oder vielleicht weil jeder Platz für sie so denkbar schien, nicht für sie gedeckt und sie bei der Tischordnung übergangen wurde. Sie saß etwas abseits an einem Katzentischchen, wo ihre Beziehung zum Genuß ebenso ausgesprochen blieb wie ihre Distanz. Sie war nicht resigniert, da sie niemals mit den Dingen abschloß, und das Unwiderrufliche ihr noch lange nicht als unentrinnbar galt. Vielmehr erachtete sie ihr äußeres Dasein als eine so dürftige Schale, die von einem ganzen Strom von Möglichkeiten, die von ihr ausstrahlten, so wenig auffing, daß sie es verschmähte mit einem so schlecht bemessenen Quantum sich abzufinden. Sie kam zu ganz anderen Schlüssen: „Man lebt nicht einmal,“ deduzierte sie. So war sie nicht resigniert, sondern zuckte die Achseln und war einverstanden. Es gab so viel andere Dinge. Was aber eine eventuelle Sinnlosigkeit derselben betraf, so lag es nicht in ihrer Natur sie ernstlich in Betracht zu ziehen. Dazu war sie viel zu glaubensselig. Vielmehr hatte sie sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß sich für sie die Grenze zwischen Lebenden und Toten bedenklich verwischte und verschob. So konnte sie fortfahren, sich mächtig über jemanden zu ereifern, ob er auch längst dahin war, und ihre Antipathie war deshalb nicht geschmälert. Andererseits hatte sie manche ihrer Beziehungen, die unbestimmt und gestört oder unterbrochen gewesen waren, durch den Tod des Betreffenden gefestigt und geklärt gefunden, und sie hätte den Tod am liebsten mit einer Blendlaterne abgebildet, so grell und deutlich war der Schein, den er auf das Antlitz dessen, den er traf, gerichtet hielt. Es war seltsam, daß Mariclée, die das Leben so vielfach als Hemmung empfand und die befreiende Aktion des Todes so wohl erfaßte, ihn trotzdem mit einem so glühenden Hasse verfolgte, denn „verfolgte“ war komischerweise das Wort.
Im großen ganzen war sie sich wohl bewußt, daß der Aufenthalt in dem weitläufigen und stillen Palast wiederum nicht das richtige für sie sein konnte, denn sie wurde immer versonnener. Die alte Klara war sich über ihre Schutzbedürftigkeit bald klar geworden. Diese treue alte Seele, zur Kindsfrau wie geboren, fing an sie ganz als ihren Pflegling zu behüten und zu hegen. Es geschah oft, daß Mariclée, wenn sie nicht an den Hausschlüssel erinnert wurde, ihn mitzunehmen vergaß, so daß sie läuten mußte, wenn sie heimkam. Das Augenmerk der Alten galt dann immer ihrem Aussehen: „You look tired, Madam,“ sagte sie oft und blickte sie fürsorglich an. Dadurch wurde Mariclée erst an ihre Müdigkeit gemahnt, und es fiel ihr auf, wie verlassen sie war. Wer schützte sie? Wer hatte je auf ihre Müdigkeit geachtet? oder eine Bürde von ihren Schultern gehoben? wen kümmerte ihre Müdigkeit. „Yes, I am tired, Clara,“ sagte sie.
London war noch leer, aber schon gab es genug Leute, die auf ein paar Tage oder ein paar Stunden in der Stadt auftauchten, wie Wellen her und wieder weggetrieben. Denn sein Londoner Stadthaus als Taubenschlag zu halten, ist ja strikte Mode. Je großartiger es ist, desto intermittierender wird es bewohnt, desto sicherer steht es vom Freitag bis zum Montag leer und die vielen, in allen schönen Vierteln zur Miete oder zum Verkauf ausgebotenen Häuser hatten in der Tat etwas leis erschreckendes, wie erste welke Blätter im sommerlichen Laub.
Eines Morgens — es war ungefähr eine Woche später — entschloß sie sich, kurzerhand nach Oxford zu fahren. Aber kaum war sie dort angekommen, als sie ihre Energie zusammennehmen mußte, um nicht sofort kehrtzumachen, mit dem nächsten Zug wieder zurückzufahren und sich schleunigst in ihre Grosvenorstreet wieder zu vergraben, so schwer fiel ihr, angesichts der toten Straße, die sich von der Bahn aus hinzog, und deren Ende nicht abzusehen war, die Tatsache, daß das Exemplar ihr noch nicht geschrieben hatte, aufs Herz. Ein barscher Wind wirbelte ihr Staub in Mund und Augen, und im kreidigen Licht rollte träg ein Trambahnwagen wie der verkörperte Alltag einher. Vielleicht ist es aus Koketterie, daß sich Oxford dem Ankömmling so öde und schmucklos kündet. Erst als sie in das Herz des alten Städtchens eindrang, wurde sie wie von einem Zaubermantel dahingetragen, und ihr Sinn fing sich an den windschiefen Giebeln, den schwermütigen aber unbeugsamen Glockentürmchen weltweiser Klosterhöfe. Als dann nachmittags die Sonne schien und das Flüßchen von Magdalens College rötete und über Addisons Allee eine purpurne Fahne schwenkte, vergaß sie sogar, daß sie keine gelben Blätter ertrug, denn das goldene Laub schien nur in Schweigen versunken, um tausend Gesängen zu lauschen. Sie stand, erhobenen Hauptes und selbst vom Glorienschein dieser herbstlichen Sonne umwoben, als dicht vor ihr ein Häuflein Studierender heranrückte. Es waren wohl nur die paar ganz fleißigen, die sich schon eingefunden hatten, denn die Ferien waren noch nicht zu Ende. Sie gingen im Gespräch um einen älteren Mann (offenbar einen Lehrer) geschart, und aus ihren Mienen war ersichtlich, daß sich ihr Eifer gerade auf ein wissenschaftliches oder philosophisches Thema konzentrierte. Sie stutzten, als sie Mariclées ansichtig wurden, starrten sie ein wenig verwundert an und zogen schweigend an ihr vorüber. Erst als sie ihr den Rücken gedreht hatten, nahmen sie das Gespräch wieder auf, und sie sah, wie einer der Schüler, dem älteren Manne zugewandt, lebhaft gestikulierte, während dieser ihn reden ließ und aufmerksam zuhörte. Ach! — Ihr war niemals ein Mentor beschieden gewesen! —
Es zog sie wieder ins Haus, um noch einmal durch die Höfe und Gänge und Säle von Magdalen College zu streunen. Hie und da lagen Bücher und Hefte, sonst war alles leer. Als sie zu einer Pforte gelangte, über der zu lesen war, daß fremde Besucher hier umzukehren hatten, reizte es sie natürlich hineinzugehen. Denn Mariclée hielt sich stets für befugt, wenn es irgend anging, solche Inschriften zu mißachten. Der Eingang war nur verboten, aber nicht verschlossen; sie drang nun in Gänge vor, in welchen sich die Studentenzellen aneinanderreihten, und in ein Winkelwerk von kleinen Treppen, Erkern und Stufen und stand plötzlich vor einer Türe, die halb offen stand und den Blick in ein reizvolles und lauschiges Zimmer gewährte. Sie sah einen Kamin, in dem hohe Flammen loderten, eine Teekanne, einen seidenen Flaus, ein vergittertes Fenster mit einem Rosenstock, das auf die Säulengänge des Klosterhofes hinausging, viele Bücher und die Lehne eines tiefen Sessels, in dem ein Jüngling weit zurücksaß, lesend, oder rauchend, oder sinnend, sie wußte es nicht, denn sie sah nur einen braunen Scheitel und eine weiße Stirn. Das andere verdeckte die Tür. Aber die Stimmung dieses Raumes, die roten, von der Sonne beschienenen Rosen am vergitterten klösterlichen Fenster, der Jüngling und das Bild seines Lebens an dieser privilegierten und weihevollen Stätte, bannten da Mariclées ewig schweifenden Geist in sehnsuchtsvolle Träumerei. Denn hier war etwas, was sie an der Wurzel packte, so daß sie sich auf ein Weilchen der Last und Zweifel, die ihr Herz täglich schwerer drückten, nicht mehr entsann. Denn der Grund, warum sie so abseits und so vereinzelt im Leben dastand, lag ja nur darin, daß gewisse Saiten, die bei anderen nur sporadisch oder nur leise anklingen, der eigentliche Grundton ihres Wesens waren. Denn die Abnormität ihres ganzen Gefühlslebens beruhte ja nur darin, daß sie bei einem Dinge oder einem Menschen, der sie zur Leidenschaft hinriß, viel weniger dachte: „O gehörte er mir!“ oder: „O wäre ich sein“ als „O wäre ich er“. Ihre Identität war so locker geschraubt und, wo sich ein Anlaß bot, stets so bereit in die Brüche zu gehen, daß sich gewisse Lücken im Register ihrer Begriffe ergaben und sie nicht recht verstand, was wir mit unserem so begreiflichen Wunsch nach der Kontinuität unseres Bewußtseins sagen wollen, weil ihr nichts so willkommen war, als von diesem Bewußtsein abzusehen, ja sie nie so sehr sie selbst war, als wenn sie auf ein Objekt stieß, mit dem sie ihre Identifikationen feierte. Dies war ihr Ideal der Vereinigung. Und darum stand sie jetzt wie ein weiblicher Faust an der Schwelle dieses Jünglings eine Weile still und konnte sich nicht von ihr trennen und empfand sein Leben und Sein und seine männliche Jugend als etwas so Holdes und Begehrenswertes, daß eine namenlose Sehnsucht sie an seine Nähe ketteten.
„Wer da?“ rief er plötzlich und sprang auf. Da erschrak Mariclée, als wäre sie eine Nachtwandlerin, die im Mondschein auf einer Dachzinne lustwandelt, und bevor er Zeit hatte die Türe zu erreichen, rannte sie wie der Wind die verbotenen Gänge entlang, floh, ohne sich umzusehen, die Treppen und Erker hinab, stob wie der Wind ins Freie und auf die Straße hinaus dem nächsten Wagen zu, der sie geradewegs zur Bahn und ihrem Zuge zurücktrug.
Als sie gegen Abend die Glocke ihres geliehenen Palastes zog, eilte ihr die alte Klara aus ihrem verborgenen Revier entgegen. Sie hatte längst bemerkt, daß Mariclées erster Blick stets auf den Marmortisch gerichtet war, der in der Halle stand und auf dem die tagsüber eingelaufenen Briefe lagen. „No letter, Madam,“ berichtete sie.
Wir wollen während der drei folgenden Wochen nur flüchtig bei Mariclée verweilen. Sie ist dem Leser in ihrer geringen Stetigkeit so wohl vertraut, daß er sich ohne Mühe vorstellen wird, wie sie ihre Londoner Zeit verbrachte. Immer seltener war sie vor dem Flügel des weißverhängten Saales anzutreffen, vielmehr suchte sie sich selber auszureißen und es litt sie immer weniger im Hause. Zum Glück hatte der Botschaftsrat seinen ersehnten Urlaub noch immer nicht erhalten, denn die Gespräche mit ihm waren ihr ein rechter Trost, und sie faßte dann ihre Eindrücke in langen Monologen zusammen. Trotz Oxford hatte sie sich für die englische Gotik nicht erwärmen können, zudem sie sich dort an einem übel restaurierten Turm stieß, der in ihrer Erinnerung das Bild des Städtchens beherrschte. Wenn sie an Oxford dachte, sah sie mit der ihr eigenen Parteilichkeit in erster Linie jenen Turm.