Die Angst mit ihrem Gelde nicht auszureichen hielt sie von weiteren Ausflügen ab. Durch einen Abgeordneten war sie jedoch glücklich ins Parlament eingedrungen und glaubte dort den wahren Grund gefunden zu haben, warum England keine Musik besaß. Seine Sprache war zu moduliert, zu reich an Intonationen; schön gesprochen war sie die herrlichste der Welt; sie schloß die Musik aus, wie jene Gedichte, die sich nicht komponieren lassen, weil sie an sich zu klangvoll sind. Diese Wahrnehmung hatte sie bezeichnenderweise im Parlament und nicht im Theater gemacht; das Pathos ist in der Tat keiner Sprache so gefährlich wie der englischen. Sie kam enttäuscht von einem „König Lear“ zurück, den man in Deutschland viel stilvoller gab, ohne in den Zwischenakten neueste Operettennummern herunterzududeln. Was sie sonst an neueren Stücken sah, war alles von Übel. Hatte sie mit den Londoner Theatern kein Glück, oder war die geistige Nahrung wirklich so bescheiden angesetzt? Sie mußte unwillkürlich wieder an die drei Kuchensorten der tearooms denken. Hier wie dort dieselbe Genügsamkeit. Doch vom Wesen dieses Volkes blieb sie nach wie vor entzückt. „Ich habe eine Entdeckung gemacht!“ verkündete sie dem Botschaftsrat, „aber diesmal eine wirkliche! Wissen Sie, was die Engländer vor allen Dingen sind? was sie weit mehr sind als wir Deutsche, von den Franzosen nicht zu reden?“

„Nun was sind sie denn?“

„Sie sind im hohen Grade sentimental.“

„Ja, das ist sehr wahr,“ sagte er.

Aber eine Woche später konnte man diese Entdeckung in allen Morgenblättern lesen, die Aufregung der Engländer war sogar nicht gering, ja sie standen förmlich auf dem Kopf deswegen, und sie war die Sensation des Tages. Nur hatte Herr Delcassé das Patent darauf, denn er war es, der sie in einer öffentlichen Rede über England den erstaunten Franzosen zur Kenntnis brachte. Mariclées Entrüstung war komisch anzusehen. „Sie sind mein Zeuge!“ rief sie an jenem Abend ihrem Jugendfreunde zu und warf das Blatt erbittert hin, „wer hat das zuerst gesagt? aber ich darf die gescheitesten Lichter aufstecken. Sie fallen alle kopfüber unter den Scheffel.“

Es war ihre letzte Zusammenkunft, denn er hatte den ersehnten Urlaub endlich in der Tasche. Mariclée war es jetzt auch recht, daß er von der Bildfläche verschwand, denn die dritte Woche war nicht mehr fern. Bei diesem Gedanken überlief sie ein so tiefer Schauer, daß sie schnell von Krieg und Frieden sprach und das Gespräch gewaltsam auf die Ereignisse des Tages lenkte.

Zwanzigstes Kapitel

Die zweite Woche neigte ihrem Ende zu, als sie in der Zeitung las, die Ärzte hätten das Exemplar an die südlichste Küste Englands geschickt, um sich dort von einem neuerlichen und besorgniserregenden Rückfall zu erholen. Da warf sie das Blatt hin und schrieb ihm schnell entschlossen: sie würde noch drei Tage zugeben, aber länger könnte sie ihre Abreise nicht hinausschieben, und sie setzte Tag und Datum ihrer Abreise fest. Auf seine Gesundheit ging sie mit keinem Worte ein. Er konnte das ja nicht leiden.

Dann schrieb sie an ihre Freundin, daß sie statt am 27. September gerne erst am Morgen des 30. führe, um mit Freunden in Paris zusammenzutreffen, die sich nicht früher dort einfinden konnten. Man schrieb jetzt den 20., warum sie gerade den 30, genannt hatte, wußte sie nicht. Es geschah ganz blindlings — hauptsächlich, um einen Schluß zu machen.

Denn sie fühlte, daß sie es nicht viel länger ertrug so ins Ungewisse hinein auf ihn zu warten. Ihre Kräfte hielten nicht mehr stand, gerade weil sie so gewaltsam mit ihnen verfuhr, sich immerwährend zwang bald für dieses, bald für jenes mit Feuereifer Partei zu nehmen und an alles zu denken, nur nie an das, was sie ganz erfüllte und Ziel und Zweck ihres Hierseins war. Dieser stets unterdrückte Gedanke war jetzt wie zu einem Fieberherde geworden, der immer stärkere Schauer in ihre Adern aussandte und sich nicht länger ausschalten ließ.