Mariclée verließ das Haus, um ihre zwei Briefe sofort in den Kasten zu werfen und bog dann, wie gewohnheitsmäßig, in Piccadilly ein. Es war Mittag, und der Tag lag vor ihr leer wie eine Wüste. Die kleine Zeitungsnotiz in ihrer kahlen Trostlosigkeit schwebte vor ihren Augen, nichts anderes klang in ihren Ohren. Aber was war da zu sagen? Er verschmähte es von jeher über Dinge, die unerbittlich waren, eine Silbe zu verlieren. Es war seine hochmütige Art sich mit ihnen auseinander zu setzen. So hatte er auch nie Abschied von ihr genommen, wenn sie auseinandergingen, als sei er der grauenvollen Unsicherheit des Lebens, die nur ein höhnisches Achselzucken verdiente, stets eingedenk. So gab er jetzt wohl das Spiel verloren, ohne ein Wort. Er hatte ganz recht. Sie blieb stehen und starrte in einen Laden. Was für schöne Blumen! dachte sie. Azaleen, mächtige Büsche langstieliger, kaum erschlossener roter Rosen, wie schön, wie lebendig! Warum sterben wir? — Und plötzlich entschloß sie sich da nach Hampstead zu fahren. Die guten Leute, die sie dort einmal so freundlich aufgenommen und erfahren hatten, daß sie wieder in London sei, waren wiederholt gekommen, um sie aufzufordern, sie hatte immer zugesagt und war nie hingegangen. Sie konnte London nicht verlassen, ohne sie aufzusuchen. Und sie nahm den undground, kam aber schon bei der nächsten Station wieder ans Licht. Nein! sie konnte keine Menschen sehen, mit denen sie sprechen mußte. Würde sie denn eine Stimme haben? Sie fühlte, wie unsicher sie in ihrem zugeschnürten Halse saß, und den Flor, der wie Nebelstreifen immer wieder über ihre Augen zog. Dem Botschaftsrat, der sie für den Abend erwartete, hatte sie schon abgesagt. Was kümmerte sie der? Von der Welt, in der sie wandelte, zur seinigen führte kein Steg, keine Brücke mehr. Ein Sturm hatte alles mit fortgerissen und alle mühseligen Dämme durchbrochen! Denn nicht für einen Augenblick konnte sie mehr vergessen. —

„Vielleicht stirbt er,“ sagte sie ganz laut und riß die Augen auf. Sie winkte einem Hansom. Der Kutscher schüttelte den Kopf. Da stieg sie rasch in einen Omnibus. Er war voller Leute. Ja, hier wollte sie bleiben. Sie wollte Menschen um sich haben, viele fremde Menschen, mit denen sie nicht zu reden brauchte, zu ihnen hinrücken, wie eine Frierende an den Feuerstoß. Waren sie nicht tausendmal besser als ihr erbärmliches Los?

Zwar fand sich dieser düstere Ideengang in den munteren Mienen zweier Dämchen, die ihr gegenüber saßen, nicht eben bestätigt. Die eine sah jetzt zum Fenster hinaus, stieß die andere und machte sie auf irgendeine Straßenerscheinung aufmerksam, worauf sie sich beide zugleich gegenseitig anstießen, indem sie hocherfreut verständnisinnige Blicke wechselten. Und mit einem Male kehrte sich die ganze Reihe der Wageninsassen derselben Richtung zu und die übrigen reckten die Hälse, um zu sehen, was es gab.

Mechanisch folgte Mariclée diesen neugierigen Blicken und sah einen Schimmel, der in einem großen Karren stehend, von zwei Pferden gezogen, herannahte. Also das war die Sensation. Es mußten schon recht leere Köpfe sein, die hier zusammensteckten, daß ein so nichtssagender Anblick sie alle so erfüllte. Besonders die beiden Dämchen sahen ganz enthusiasmiert hinaus, als könnten sie sich an diesem dumm und geduldig dreinschauenden Pferd gar nicht genug sehen. Aber nun erinnerte sich Mariclée, daß es in England als ein großes Glückszeichen galt, einem solch einhergezogenen statt einherziehenden Schimmel zu begegnen. Daher die Stimmung, die im Wagen entstanden war. Konnte man sich etwas dümmeres denken? Da mit einem Male gedachte sie der Briefe, die sie vorhin in den Schalter geworfen hatte und die wohl jetzt, vielleicht in eben diesem Augenblicke, ausgehoben wurden. Und der Gedanke durchzuckte sie: wie, wenn er doch käme? . . Sie war also auch nicht besser.

Einundzwanzigstes Kapitel

Tags darauf traf ein sehr herzlich gehaltenes Telegramm ihrer Freundin ein. Vom Exemplar nichts. Da ließ sich Mariclée von einem jungen Ehepaar auf ein paar Tage nach Haslemere entführen und machte die Freitag auf Montag Mode mit. Sie war mit der übrigens sehr hübschen Frau von früher her sehr gut bekannt, eine jener Amerikanerinnen, vor deren triumphierender Mitgift die Türen der Londoner Salons sich wie magisch in ihren Angeln drehen. Mariclée war ganz zufällig auf der Straße mit ihr zusammengetroffen, und nun fuhr sie in Charles Street vor, duldete keine Absage, keinen Widerspruch und keine Bedenken, sondern half ihr eilig zusammenpacken, um sie gleich in ihrem Auto mitzunehmen. Dabei machte sie bestürmende Augen, wie ein Kind. Ihr Teint war sehr matt, und eine rote Locke, die sich unter ihrer seidenen Haube gelöst hatte, hing ihr ins Gesicht. Mariclée, die sehr oft nicht wußte, was sie selber wollte, ließ sich überrumpeln. Einesteils graute ihr wieder vor der Einsamkeit, eine Unterbrechung und eine andere Umgebung war ihr willkommen. Sie schärfte beim Abschied der alten Klara ein wohl auf ihre Briefe zu achten (sie ließ sich keinen nachsenden, aus Angst, er könnte verloren gehen), am Samstag gedachte sie sie unter irgendeinem Vorwand anzurufen, Sonntag kam sowieso keine Post, und am Montag früh würde sie ja zurückkehren.

So fuhr sie denn mit.

London lag bald hinter ihnen. Ein rauschender Wind wehte von der Hampsteader Heide herüber, und den fernen Tiefen entstiegen blaue und violette Wolkenbänke. Himmel und Erde schienen sich auf dieser Insel näher anzugehen als andernorts. Mariclée, in ihre Wagenecke gedrückt, machte sich die Bemerkungen über ihr müdes Aussehen wohl zu nutze, indem sie nichts sprach. So war sie allein. Die Straße, die sie fuhren, drang in einen starken Wald und als wieder das offene Land vor ihnen lag, war die Welt von der ersten Pracht der Dämmerung wie neu umhangen. Mariclée nahm sie losgelösten Sinnes und in ungestörter Einsamkeit, als wäre sie ein Flieger, in sich auf. Selbst wenn sie etwas sagte oder sagen hörte, drang es nicht bis zu ihr, so sehr hatte sich ihr Kontakt mit der Natur verstärkt. Es war, als tauschte sie Blicke mit den Dingen, die sie sah. Ein reiner Himmel überhing die Hürden, und gerade vor ihr, flimmerte da nicht die silberne Sichel des Neumonds zu ihrer Linken und traf sie wie ein unerwarteter Gruß? . . . .

In dem Hause ihrer stürmischen Freundin fand sie eine sehr lebensfrohe Gesellschaft vor und plauderte an diesem Abend mit Männern, die einhergingen und sich hielten wie Götter, und sich glichen wie Brüder. Es war seltsam, wie gut sich Mariclée mit solchen Leuten vertrug, und wie leicht sie selbst auf ein Weilchen die Nachdenklichkeit von sich zu bannen und dieselbe Geste anzunehmen wußte wie diese Menschen, die über alle Güter dieser Welt verfügten und von den Slums wußten, wie man von der Milchstraße weiß. Aber während sie sich selbst auf ihrer Bühne bewegte, merkte sie plötzlich, wie schmal sie war; und sie maß sie, so oft sie sie selber beschritt, mit einem halb überlegenen, halb abenteuerlichen Gefühl, weil sie über ihre Ein- und Ausgänge so wohl orientiert war und über die Pfade, die abseits von ihr führten, und in welcher Richtung eine gewisse Folterkammer der Sorgen lag, deren Schatten nicht bis zu dieser Bühne gelangten. Denn nicht einmal die Kulissen derselben durften diese Bevorzugten in der Regel betreten, sondern waren streng an die paar glänzenden Bretter gewiesen, um als ein Blendwerk für andere heraußen zu stehen. Sie erkannte auch, warum das Geld nun einmal alles andere war wie ein Lebenselixir, so daß sich im Verkehr mit den sehr reich Geborenen leicht eine gewisse Dürftigkeit ergab, indem ja ein ganzes Paradies bitterer und süßer, vornehmer und ergreifender, feiner, edler, komischer und kurzweiliger Dinge bei ihnen wegfiel, und man sie mit ihnen nicht besprach, weil sie nichts davon wissen und sie in ihrem gemütlichen wie in ihren gemütsvollen Nuancen nicht verstünden. Und Mariclée, die auf ihre Armut doch so erbittert war, wurde stets von einer stolzen Neidlosigkeit überkommen, wo sie sich mit Millionären zusammengeworfen sah, als sei es irgendwie vornehmer, ihnen nicht zuzugehören.

An diesem Abend tanzte, rauchte, lachte und flirtete sie, schwirrte mit federleichten Schritten über den Saal und brachte es zustande und es tat ihr wohl, sich in ein anderes Wesen hineinzuträumen und zu vergessen, wer sie war. Unter den Gästen befand sich eine junge Frau in einem fabelhaften blauen Atlaskleid, mit schwarzen Reflexen wie hineingemalt. Sie pflegte von Freitag auf Montag ihrem alternden Gatten auszureißen und hatte die an sich recht simple Methode ein Achselband, das sich nie verschob, zurechtzurücken und eine Locke, die sich niemals löste, aus der Stirn zu streichen. In absehbarer Zeit würde sie ja diese Geste verlernen müssen. Infolge der schönen Dinge aber, auf die sie deutete, war sie vorläufig noch berückend. Mariclée, die an ihr vorübertanzte, fing einen unvorsichtigen, verheißungsvollen, um Erfüllungen wissenden Blick auf, folgte im Fluge seiner Richtung und sah zwei andere Augen, die sich füllten wie das Herz einer Nelke, ein Hin und wieder, blitzartig schnell und nicht einzuholen.