„Ach nein! ich will nicht nach Dover, er ist doch in Southampton,“ rief sie mit flackernder Stimme. „Ich möchte Freunden, die mit der ‚Adriatic‘ fahren, das Geleite bis Cherbourg geben,“ verbesserte sie und sank in einen Stuhl. Was tat sie? wie benahm sie sich denn? Auf Schalter 16 hatte sie es aber mit einem ebenso gefälligen wie taktvollen Menschen zu tun, der, ohne eine Miene zu verziehen, auf einen Ausweg sann. „Ein Billett für die ‚Adriatic‘ kann ich Ihnen leider nicht geben, wenn Sie aber auf gut Glück morgen früh mit dem Extrazug der Passagiere nach Southampton fahren, so könnte es immerhin sein, daß Sie für die kurze Strecke an Ort und Stelle noch zugelassen werden. Aber Sie müßten es eben riskieren. Und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie keinerlei Gepäck mitnehmen dürfen.“

Er reichte ihr einen Zettel — für sie ein kostbares Blatt — auf dem in rotem und schwarzem Druck alle Verhaltungsmaßregeln für die Passagiere der „Adriatic“ verzeichnet standen.

„Würden Sie meine Koffer nach Paris befördern?“

„Gewiß, sehr gern.“ Und er verwies sie nochmal an einen anderen Schalter, wo ihr ein Graubart mit einer Hornbrille alle nötigen Aufschlüsse erteilte. Und dann verließ sie das schalterreiche Lokal. „Was für ein prachtvolles Institut!“ dachte sie.

Aber die alte Klara, die auf ihr stürmisches Läuten herbeieilte, war wirklich entsetzt über den Schirm. Zum Glück hatte sie auch etwas zu vermelden. Die Tochter ihrer Freundin war hier gewesen, um Mariclée zu besuchen. Sie wohnte gleich um die Ecke und ließ sie bitten, noch vor sechs Uhr zu ihr zu kommen, da sie später schon wieder fortführe. „Ich will sogleich hin,“ rief Mariclée, „und ich fahre erst morgen früh, Klara, und meine Koffer werden morgen früh von Cook geholt. Wir brauchen uns um gar nichts zu kümmern.“

Sie lief hinauf sich umzuziehen, aber auf ihrer Uhr war es schon nahezu sechs. Da rückte sie nur ihren Hut zurecht, nahm andere Handschuhe und eilte wieder fort. Sie war mit dieser Tochter ihrer Freundin während ihres vorletzten Aufenthaltes in Glenford nur flüchtig zusammengetroffen, liebte sie aber sehr. Denn sie tanzte so hübsch, war fabelhaft elegant, witzig und graziös, eigentlich immer bereit, die Dinge nicht eben ins Lächerliche, wohl aber ins Muntere zu ziehen, und es hatte Mariclée frappiert, daß sie bei starker Äußerlichkeit einen Grad von fine-feeling und innerem Ernst besaß, von dem sie selber noch nichts wußte. Indes war sie über ihren Besuch ziemlich erstaunt. Denn sie standen ganz außer Kontakt, Mariclée wußte von ihr nur, daß sie kürzlich geheiratet und außer ihrem Londoner Hause auch ein wundervolles Besitztum geerbt hatte. Kurz, sie hatte sie zwar sehr reizend gefunden, aber vergessen und sich besonders von ihr vergessen geglaubt. Sie hieß Dorothy. Nur gut, dachte sie, daß ich den Namen noch weiß.

„Endlich!“ rief Dorothy, als Mariclée bei ihr eintrat. „Ich gab dich schon auf,“ und schloß sie in ihre Arme.

Dorothy hatte, um sie zu empfangen, einen Hut aufbehalten (oder aufgesetzt?), dessen kühne Schweifung ihr wirklich sehr beglückend stand. Es gibt schöne Brünetten, die aussehen, als ob ein Mondenstrahl sie beschiene, Blonde, die etwas Sonnenlichtes an sich haben, Dorothy aber schien von der wechselvollen Helle einer Kaminflamme beleuchtet, so tief war das Leben, das ihr Gesicht und die Linien ihrer Gestalt umstrahlte.

„Laß mich dich anschauen, und schau mich nicht an, ich komme so verhetzt zu dir!“ sagte Mariclée. Es war ihr sehr arg, daß sie in der Eile schon wieder zu kurze Handschuhe angezogen hatte — und daß schon wieder ein Stückchen Arm aus dem Mantel hervorsah — und Dorothy hatte sich so schön gemacht! Sie war so stilvoll in ihrem engen Rock, der ihre, wie aus Elfenbein gemeißelten, so geistvoll schmalen Hüften (es gibt so stupide Schlankheiten) so edel zur Geltung brachte. „Woher wußtest du denn, daß ich hier bin?“ fragte Mariclée. „Ich wußte nichts. Ich sah dich heute mittag im Berkeley. Als ich auf dich zugehen wollte, warst du weg. Ich mußte dich aber sehen.“ „Mochtest du mich denn?“ fragte Mariclée verwundert.

„Aber ich liebte dich doch innig,“ rief Dorothy, „und nun fährst du morgen auf eine Woche mit mir!“