„O nein!“ sagte sie fröstelnd. „Ich muß morgen nach Cherbourg.“
Sie dachte des morgigen Tages. O was dächten ihre Freunde, die sich ihr so treu und so vertrauensvoll erzeigten, wenn sie von ihrem Plane Kenntnis hätten und wenn sie wüßten, welch unmögliche Situation sie herbeizuführen sich bereitete.
„Was hast du?“ fragte Dorothy.
Von den Aufregungen des Tages saßen ihr die Augen tellergroß in den tief umschatteten Höhlen und sie war so plötzlich erbleicht. „Ich ärgere mich über meine kurzen Handschuhe,“ sagte sie lachend. Aber mit einem Male vertiefte sich ihr Gespräch. Und wieder staunte Mariclée über den Gehalt, den seelenvollen Ernst dieses Dämchens, das aussah, als lebte es nur für seine untadeligen Kleider. Als sie von ihr schied, folgte sie ihr noch bis unter das Tor ihres Hauses. „Gott schütze dich!“ rief sie ihr plötzlich mit so spontanem Nachdruck zu, daß Mariclée stutzte. „Wie sie das sagte!“ dachte sie betroffen, aber es widerfuhr ihr ja nicht selten, daß Freunde, die Abschied von ihr nahmen, sich wie von einer Sorge um sie überkommen fühlten.
Eine Stunde später saß sie ratlos inmitten ihrer ausgestreuten Sachen „Es hilft uns nichts, Klara,“ sagte sie, „wir müssen das grüne Leinenkleid heraußen lassen.“ Das bleuardoise war ja hin, das, welches sie trug, nicht hübsch genug; außerdem aber hatte sie nur Sommerfähnchen mit. Selbst wenn sich morgen, wider Erwarten, ein strahlend schönes Wetter einstellen sollte, war das grüne Leinenkleid für den 30. September nicht mehr am Platz; goß es aber und war es kalt und stürmisch wie heute, so konnte sie ja als verirrter Sommertag auf dem windumbrausten Schiffe ihres Effektes sicher sein. Nun, dachte sie grimmig, dann paßt es ja vortrefflich zu der Situation, die ist ja auch unmöglich.
Sie dachte ja keinen Augenblick daran, von ihrem Vorhaben abzustehen, aber einesteils war ihr die ganze Sache dennoch gräßlich. Sie kam sich vor wie am Vorabend einer Schlacht. Es war der Kampf mit dem Goliath der Konvention, mit dem sie es morgen aufzunehmen hatte. Gnad Gott mir armen David! dachte sie. Was hatte ihr doch die scherzhafte Dorothy so inbrünstig nachgerufen? „Gott schütze dich.“
Der alten Klara war sie indessen beim Packen nur im Wege; spät wurde es auch, am besten sie ging essen. Bevor sie aber das Haus verließ, trat sie ans Telephon, die Frau ihres Freundes anzurufen. Denn dies gehörte mit zu ihrem Plan. Es ging nicht an, daß sie meuchlings auf dem Schiffe vor ihr erschiene. Sie mußte vorher Kenntnis davon haben. Diesmal antwortete eine Jungfer. Ihre Herrin war beim Ankleiden. Da atmete Mariclée auf und hing, ohne ihren Namen zu nennen, das Rohr wieder ein.
Und dann verbrachte sie ihren letzten Abend wie üblich vor einem rotumschirmten Tischchen ihres unterirdischen Restaurants und aß, was ihr der Kellner vorschlug, und wenn die Kapelle ihre Weisen spielte, dann dachte sie an ihr morgiges Glück und ihre überstandene Not und wie alles sich zuletzt so wundersam gefügt hatte. Aber während der Pausen überfiel sie Bangigkeit und Furcht, und sie war ihrer Sache, ja ihrer selbst nicht mehr sicher.
Setzte dann die Musik wieder ein, so schöpfte sie wieder Mut.