Die Dämmerung war noch fern, als Klara eintrat, um Mariclée zu wecken. Aber diese lag schon lange mit offenen Augen, die Arme unter dem Kopf gekreuzt und von einer merkwürdigen Unlust erfüllt, dem Fatum dieses Tages entgegenzugehen. Es war ihr nicht anders, als stünde sie vor einem schwierigen Examen, dem sie sich natürlich nicht zu entziehen gedachte, dessen Termin sie aber am liebsten verschöbe. Das erste, was sie heute überstehen mußte, war, vor der Abfahrt am Perron auf die Frau des Exemplars zuzugehen, um sie mit einer kurzen, wenn auch nicht interessanten Geschichte von angeblichen Freunden in Cherbourg zu überraschen.
Es war auch nicht leicht. —
Klara meldete ein trübes regnerisches Wetter und trug mit dem üblichen Pomp das Frühstück herein: die Teekanne mit dem beschwichtigenden Tulpenmuster, das schöne Silbergerät, den heißen Toast.
Aber Mariclée, die ihr Tags zuvor eingeschärft hatte, daß sie den Frühzug um keinen Preis der Welt verfehlen dürfte, konnte sich nun kaum entschließen aufzustehen. Sie richtete sich empor und fiel wieder zurück. Ja sie säumte noch mitten im Anziehen und starrte verträumt in das Kaminfeuer, das warme Reflexe auf die blauen Vorhänge malte und auf die mächtige Borte daran, die sie so liebte. „Sie werden den Zug verfehlen,“ mahnte Klara besorgt. Aber sie war immer noch wie abwesend, als realisierte sie noch immer nicht, daß sie sich sputen mußte. Endlich stand sie fertig da in ihrem unzeitgemäßen Leinenkleid, den Mantel am Arm, dünn wie ein Faden, denn die Spannung der letzten Woche hatte sie vollends aufgezehrt, und mit dem gezogenen Blick. Die Autodroschke wartete schon lange. Auch der Chauffeur machte ein bedenkliches Gesicht, als Mariclée ihm beim Einsteigen erklärte, daß er sie bis um acht Uhr nach Charing Croß bringen müsse. Bevor sie um die Ecke bog, wandte sie sich im Fluge noch einmal grüßend nach Klara um, die, im Frühnebel unter dem Tore stehend, noch bis zuletzt ihre pedantischen kleinen Verbeugungen vollzog und erst zurücktrat, als der seltsame Vogel, der dies leere Haus mit so unruhigem Flügelschlag erfüllte, ganz ihren Blicken entschwunden war. Und nun trieb Mariclée, halb stehend, den Chauffeur zu immer größerer Eile an. Ihre Saumseligkeit war einer namenlosen Angst gewichen. Ja sie begriff sich selber nicht mehr. Hatte sie denn vergessen, was von dem heutigen Tage abhing? War doch ihre Bangigkeit ein paradiesischer Zustand gewesen im Vergleich zu der Zerrissenheit, in die sie zurückfallen mußte, falls sie den Zug nicht erreichte. Was forderte sie das Unheil heraus? War ihr denn nur unter Fährnissen wohl?
Und ihre Panik schien sich ihm mitgeteilt zu haben; er fuhr wie der Teufel durch die leeren Straßen, als hinge seine Chauffeurehre davon ab, daß er sie vor einem Zuspätkommen bewahre. „We’ll just do it,“ murmelte er.
Die Schalter standen schon alle leer. „High time“ sagte der Billetteur, indem er ihr die letzte Karte verabreichte: Erster Klasse natürlich: dies gehörte ja mit zu ihrem Plane. Es hatte sich zum Glück (Mariclée wußte auf einmal nicht mehr, ob es ein Glück war) eine große Stockung beim Aufladen des Gepäcks ergeben, so daß noch eine Anzahl Koffer die Plattform übersäten und mehrere Gruppen noch nicht Miene machten einzusteigen. Das erste, was sie da erblickte, war die Frau des Exemplars, in einem Ring von Freunden und Verwandten, die sich zum Abschied eingefunden hatten. Diese Gruppe hielt sich vor einem reservierten Salonwagen, und schwarzbetreßte Lakaien schlenkerten in ihren langen Trauerlivreen hin und her, mit Handtaschen und Hutschachteln, auf denen an Herzogskronen kein Mangel war. Ja von den Lakaien flankiert, wurde noch eine ganze Ladung bekrönter Koffer (daß man ordentlich Respekt kriegte) den Perron entlang zum Gepäckwagen gefahren; es war also noch Zeit. Mariclée sicherte sich erst einen Platz und näherte sich dann langsam der Gruppe, in deren Mitte die Dame mit ihren Freunden und Freundinnen plauderte.
Denn jetzt mußte es sein. Sie mußte alle Befangenheit und Schüchternheit hintansetzen, den geeigneten Augenblick wahrnehmen und auf sie zugehen. Sonst konnte sie nicht auf das Schiff. Die Sekunden verstrichen; sie kreiste um den Ring und fand nicht den Mut ihn zu sprengen. Da fing sie einen gewollt flüchtigen Blick auf, der ihr keinen Zweifel ließ: man hatte sie erkannt, und tat nur nicht dergleichen. Und Mariclée fühlte sich mit einem Male grenzenlos verlassen auf der Welt und grenzenlos allein. Eben ihre Schutzlosigkeit war es aber, die ihr nun plötzlich den Mut und die Festigkeit verlieh, deren sie bedurfte. Für sich selber mußte sie stehen, denn für sie trat keiner in die Schranken. Und sie trat näher, streckte ihren Arm aus und legte ohne ein Wort ihre schmale Hand auf den Arm der Dame. Es geschah mit der leisen Bestimmtheit, mit der ein Detektiv einen hohen Staatsbeamten arretiert. Und man begriff sofort und trat aus dem Kreis. Mariclée aber wandte sich um und drehte der Gesellschaft den Rücken, um durch keine erstaunten Mienen aus der Fassung zu geraten.
„Ich rief Sie gestern zweimal an,“ sagte sie, „um den Namen Ihres Schiffes zu erfahren. Da ich in Cherbourg Freunde aufsuchen muß, dachte ich dasselbe zu nehmen, um die Strecke mit Ihnen und Ihrem Manne zu fahren.“ Ihre Stimme war farblos wie Wasser. „O es ist verwünscht, es ist entsetzlich!“ dachte sie.
„Aber wie schade!“ erwiderte die andere prompt, „niemand hat mir das ausgerichtet.“
Mariclée schritt von der Gruppe weiter weg und ihrem eigenen Kupee zu. „Von Ihrem Manne selbst bin ich natürlich wieder ohne Nachricht geblieben,“ nahm sie wieder auf und sah ins Weite mit einem ruhigen, unbeteiligten Lächeln und einer beschaulichen Ironie, von der man allerdings nicht wußte, wogegen sie sich richtete. Vor ihrem Kupee hielt sie inne. Es sprach jetzt eine Gelassenheit und Sicherheit aus ihr, die um so zwingender waren, als sie auf nichts und wieder nichts fundierten. Das reine Trapez.