„Wir fahren mit der ‚Adriatic‘.“
„Ich weiß es,“ versetzte Mariclée. „Durch das Telephon,“ setzte sie hinzu, „aber es war zu spät und ich konnte keinen Platz mehr erhalten.“
„Aber das ist wirklich sehr schade,“ sagte die andere wieder. „Könnten Sie es nicht versuchen und doch mitfahren?“
„Ich zweifle, daß es möglich sein wird. Nun, vielleicht doch; auf gut Glück. Aber ich darf Sie Ihren Freunden nicht länger entziehen. Vielleicht auf Wiedersehen.“
Sie drückte ihr die Hand und stieg schnell ein. Zwei amerikanische Damen hatten sich dort schon breit gemacht und ihr behäbiges Gekreische angestimmt. Mariclée starrte sie geistesabwesend an, aber kaum hatte sie in ihrer Ecke Platz genommen, als die junge Frau wieder vor der offenen Wagentüre erschien; sie war zurückgekehrt, um ihr noch etwas zu sagen. Mariclée erhob sich sofort und trat zum Schlage hin.
„Ich bin überzeugt, daß Sie ohne jede Schwierigkeit mit uns nach Cherbourg fahren könnten! Steigen Sie doch einfach auf das Schiff. Es wäre zu schade. Hätte ich es nur früher gewußt.“
Sie hat wirklich Rasse, dachte Mariclée, und bevor sie etwas erwiderte, stieg sie augenblicklich, zudem sie viel größer war, die paar Stufen ihres Kupees nochmal herunter. Und nun trugen die beiden — es war fast spaßhaft — jene unvergleichlich ausgesuchte Haltung zur Schau, mit der Potentaten unter sich die erwiesenen Aufmerksamkeiten unverzüglich vergelten, und dabei eine so restlose Höflichkeit an den Tag legen, daß sie jeglichen Gefühles entraten darf, da sie ja, der Länge und Breite nach, an Stelle desselben tritt. Sie wechselten nur ein paar Worte. Dann trat die eine zu ihrem Salonwagen zurück, die andere stieg wieder ihre paar Stufen hinauf; gleich darauf wurden die Türen allenthalben zugeworfen und der Zug setzte sich in Bewegung.
Und nun fingen vor Mariclées benommenen Sinnen die Bäume zu wallen, die Hecken zu beben und zu laufen an; und es setzte ein großes Steeplechase aller Dinge für sie ein. Dem immer schneller rasenden Zuge jagten Äcker und Wege entgegen und zogen sich blitzschnell zurück, rote Dächer nahmen das Garaus, Brücken tauchten empor und verschwanden sogleich. Das Wetter wußte noch immer nicht, was es für ein Gesicht zu Mariclées grünem Leinenkleid machen sollte. Die flüchtende Landschaft war auf einmal von einer warmen Sonne so festlich umwoben, daß die beiden Amerikanerinnen, rüstige Vierzigerinnen, ans Fenster eilten und die erfreuliche Wandlung mit vielen „o my’s“ konstatierten. Aber ehe man sich versah, war die Luft von neuem verfinstert, Scharen streitsüchtiger Wolken hielten Kriegsrat und beherrschten den Himmel. Jetzt stob ein mächtiger Baum hart auf Mariclées Fenster heran, in dieser Sekunde schoß mit tückischer Plötzlichkeit eine Elster aus seiner Krone auf, und zugleich waren Baum und Elster verschwunden. „One for sorrow,“ dachte sie. Ein Kummer stand ihr ja heute unweigerlich bevor: die endgültige Trennung von dem kranken Manne, dem sie entgegenfuhr. Aber dazwischen lag die Tatsache, daß sie ihn sehen und seine Stimme hören würde, mit anderen Worten: ein ganzes Leben, eine Welt, welche diesen Abend in so vage Ferne rückte, daß sie an ihn so wenig zu denken brauchte wie an ihr Sterben, so dehnbar wurden die Begriffe der Zeit. Was sie hingegen nicht fertig brachte, war, Jahre hindurch an einen Menschen zu denken, den sie nie sah. Darum war sie eigentlich gekommen. In der Abwesenheit verkümmerten ihre Gefühle; sie, die mit der Zeit solche Künste trieb, vermochte sich nie über den Raum hinweg zu setzen und niemandem war er weniger urbar. Die Ferne ließ bei ihr keine Täuschungen zu. Ihrer vergaß sie nie. Nie konnte sie der Trennung vergessen, wenn sie des fernen Freundes gedachte. Sie lebte von seiner Nähe, nicht von Erinnerungen; ja gerade ihre Erinnerungen bedurften seiner Nähe, um aufzuflammen. Erinnerungen allein machten sie so unglücklich, daß sie lieber die Asche der Vergessenheit darüber schüttete. Denn Mariclée hatte ein affektives Augenpaar, ein affektives Gehör, wie der Maler eine extra Sehkraft, der Musiker ein extra Ohr. Diese Perversion ihrer Sinnesfähigkeiten, wenn man es so nennen darf, machte sie zu einem der glücklichsten, aber auch der unglücklichsten Geschöpfe.
Je näher nun die ersehnte Stunde rückte, je wilder wurde ihre Freude, je größer aber zugleich ihre zweifelnde Angst, und ihre Seele wurde das getreue Abbild des ewig wechselnden, bald verklärten, bald stürmisch trostlosen Himmels. Der Beweis, daß er sie rief, ihr Kommen herbeiwünschte und erwartete, fehlte ihr total. Sie zog seinen Brief hervor. Da standen sie, die paar trockenen Worte, die, wohl nur weil sie gerade das Naheliegendste waren, was dem Fiebermüden zu sagen einfiel, sein Schiff und die Stunde seiner Abfahrt nannten. Vielleicht war er ahnungslos, war entsetzt, daß sie kam und ihn, den Ruhebedürftigen, eigenmächtig in eine unerhörte Situation versetzte. Solche Erwägungen fielen ihr furchtbar beklemmend aufs Herz. Daß die zuvorkommende Haltung seiner Frau nur eine denkbar momentane Geltung hatte, darüber war sie sich nach einer halben Stunde, als der erste sehr ästhetische Eindruck der kleinen Szene verflogen war, vollkommen klar. Sie hatte keine Ahnung, wieviele von den Personen, die mit ihr den Salonwagen umstanden, mit eingestiegen waren. Es konnte sehr wohl sein, daß man sich nebenan die Zeit damit vertrieb, indem man Tränen über sie lachte. Vielleicht konnten sie alle vor Lachen gar nicht zu Worte kommen, sondern verschluckten sich, sobald sie etwas sagen wollten und platzten aus, sobald sie sich nur ansahen, über die komische Figur, die da drüben in ihrer grünen Leinenrobe mit tellergroßen Augen in die Landschaft starrte und einem Herrn nachfuhr, dem sie geschrieben hatte und der ihr, wie sie selbst mit einem irrsinnigen Lächeln eingestand, gar keine Antwort gab, sondern schleunigst über den Ozean setzte. Ja, waren denn diese Leute von Stein, daß sie nicht lachten? Aber nur getrost! sie lachten schon, bis Southampton, und ohne Unterlaß. Was schuldeten sie ihr? Von dem Knäuel, der in den Wagen einstieg, fuhren einige wohl nur des Geleites halber mit und kehrten dann wieder in die Stadt zurück. Vielleicht war sie heute abend das Spottgedicht der Londoner Salons. So etwas konnte doch nur aus Germany kommen. Nicht nur sich und ihre Nation, auch ihre sämtlichen Freunde blamierte sie; es war der Dank für das schöne Haus, das man ihr geliehen hatte.