Sie fuhr mit der Hand an die Augen — allein es war kein Bild, das sich verscheuchen ließ. Man konnte ja nicht sagen, wie die Sache war, sie war so ganz wie man sie ansah. „Sie ist mir gräßlich!“ — dachte sie.
Als der Zug in Southampton hielt, eilte sie an das andere Ende, um ja von den Insassen des Salonwagens niemandem zu begegnen. Und dann? . . . Dann tat sie mechanisch, was alle anderen Passagiere taten und schloß sich ihnen an. Sie wußte nicht, wie es geschah, daß sie mit einem Male mitten in einem endlosen Gänsemarsch eine Schiffsleiter hinaufstieg, vor sich und im Rücken eine unübersehbar lange Menschenreihe. Es regnete. Langsam, Schritt für Schritt rückte sie vor, jeglichen Gedanken unterdrückend. Sie war wie zermalmt. Nur eines wußte sie: nicht ihr Wille allein hatte sie hieher getrieben; der war viel zu schwach. Ein anderer Wille, eine fremde Macht hatte die Schritte, die sie jetzt ging, für sie gezählt, und sie war ihr nur gefolgt, wie man dem Windstoß und dem Strome folgt. So hatte sie haarklein alles getan, was ihr widerstrebte, was sie desavouierte, wogegen ihr Innerstes sich sträubte; sie wußte es erst jetzt. Nicht anders schreitet einer zum Richtplatz, wie sie jetzt schritt. Vor und hinter sich geradezu sich stauende Reihen, in deren Mitte sie, wie von Hellebarden eingeschlossen, gesenkten Blickes weiterging. Hier gab es kein Zurück. Grotesker Weise (aber sie konnte es nicht hindern) schwebte ihr jetzt Karl I. vor, wie er Whitehall am Tage seiner Hinrichtung verließ. Tor und Mauern standen noch, von welchen aus er mit gemessenen Schritten — als wäre es sein Wille, weil es sein Verhängnis war — jenen letzten Gang vollendete. Wie stark, dachte sie da, ist doch das Echo aller Dinge, deren Lauf das Schicksal allzu deutlich leitete. Jene Schritte Karls I. sind noch nicht verhallt. Und in ihrer Not fuhr sie fort, an ihn zu denken . . .
Schon hatte sich die Vorhut ihrer Reihe als ein kleiner Strom über das Deck des schwarz umrauchten Schiffes ergossen. Und nun stand sie selbst am Deck — und nun war sie nur mehr von einem Wunsche beseelt, dem Manne, für den sie gekommen war, nicht zu begegnen. Ohne sich umzusehen lief sie eilends eine Treppe hinab, sich in den unteren Räumen zu verbergen. Ihn machte sie mit einem Male verantwortlich; er hätte Mittel und Wege finden müssen, ihr diese bittere Wallfahrt zu ersparen! sie sah nur mehr die eine Seite, fühlte nur die erlittene Kränkung, und daß sie Besseres von ihm verdiente, als diese problematische Haltung, aus der er sie die beliebigen Schlüsse ziehen ließ. Es geziemte ihr nicht, dies gesenkte Visier. Sie war es müde. Sie warf sich in die Sofaecke eines kleinen dunklen Rauchsalons und saß, das Gesicht in den Händen vergraben. Es war nicht statthaft, daß sie ihm hier entgegentrat. Jetzt, nachdem sie so weit gegangen war — ja gerade deshalb — fühlte sie, daß es unmöglich sei und sie es niemals über sich brächte, einen Schritt weiter zu tun. Diesen Moment hatte sie nicht vorbedacht, aber die Sache war ihr einfach vergällt. Sie hatte genug. Dies alles — so dünkte ihr — schoß ja weit über das Ziel ihrer Gefühle hinaus. In ihr lag nun einmal nicht der ideale Stumpfsinn, die göttliche Blindheit der Liebe. Die Götter hatten ihr die versagt. War sie nicht heiß und kalt in einem Atem, wie ein Julitag am Rande einer Schlucht? O sich ohne Überzeugung so zu exponieren! — war es möglich! Sie raste; ihren Tod, einen Sturm, den Untergang des ganzen Schiffes wünschte sie in ihrer blinden Wut herbei. Nein; sie wollte ihn nicht sehen. Hier wollte sie sich bis Cherbourg verborgen halten und ungesehen ans Land gehen. Mochte er dann glauben, daß sie sich eines anderen besonnen hatte und nicht gekommen war. Aber es ging ja nicht. Wie wollte sie dies ausführen? und es war auch unerträglich. Nein! einen anderen Ausweg gab es noch. Sie stürzte an die Lukarne. Noch lag die Brücke an — noch wurden Säcke und Koffer hinüberbefördert, wenn sich auch alle Passagiere schon an Bord befanden. Niemand hatte sie noch gesehen. Fort von diesem verhaßten Schiff, zurück ans Ufer, die traurigen Brüche ihres Selbstgefühles zu retten. Es war noch Zeit, der Weg stand noch offen. Sie stürmte die Treppe hinauf, sah nicht rechts noch links, steuerte flugs der Schiffsbrücke zu. Noch ein kleiner Vorplatz — sie durchquerte ihn rasch — da vertrat ihr einer den Weg, — er, der sie in allen Gründen so wohl kannte, daß er auch wußte, was jetzt in ihr vorging, daß es an ihm war, den letzten Schritt zu tun und ihr zuvorzukommen, wenn er sie sehen wollte. Er stand vor der Brücke, als ob er den Zugang bewachte und beim Anblick seines fahlen und wieder um so vieles kränker gewordenen Gesichtes wich aus ihrem eigenen alles Blut zurück, daß es blässer noch und kränker aussah als das seine. Sie konnte nicht begreifen, warum das Schiff so heftig schwankte und sich mit einem Male in Fahrt befand, da ja die Brücke noch daran hing. Und sie hatte plötzlich das Gefühl, eine hölzerne Gliederpuppe zu sein, alle ihre Sehnen wie gezimmert. Jetzt bemerkte sie auch, wie seine Frau herzutrat, aber ihr Anblick gemahnte sie mit unheimlicher Lebendigkeit an eine Möwe, ja an das unruhig Ruhevolle der Möwen, die das Schiff umflogen, und alsbald schien es ihr sehr wichtig, ihre Mär von den Freunden in Cherbourg unverzüglich herzusagen. Er nahm sie ruhigen Blicks entgegen, und dies verwirrte sie. Denn die Sensation, ihm etwas vorzulügen, war allzu neu; und zu ihrem Entsetzen merkte sie jetzt, daß sie alle Substantive zweimal aussprach. Nicht daß sie stotterte, sondern sie erstickte an den langen Worten und sagte sie noch einmal. Tiefer konnte man nicht mehr sinken. Es zuckte um ihre Mundwinkel, und es zuckte um die seinen und um die der „Möwe“. Mariclée hätte gern das Zeichen zu einem Gelächter gegeben. Allein es saß ihr etwas im Halse, das sie am Lachen behinderte, wie es ihr das Sprechen erschwerte, „da sie mich in Cherbourg Cherbourg erwarten erwarten“, schloß sie ihren Speech. Warum habe ich ihm das erzählen wollen? dachte sie; jetzt bin ich still.
Und nun näherten sich auch noch zwei Damen in Trauerkleidung, die sie schon am Londoner Bahnhof gesehen hatte. Aber die „Möwe“ ging auf sie zu. Da nahm Mariclée den Augenblick wahr und dem Manne zugewandt, sagte sie schnell, leise, fast zischend: „Was weiß sie? was ist zu denken, was ist gesagt?“ —
„Nichts, kein Wort, niemals, nie ein Wort,“ klang es ebenso leise, scharf, gedrängt und fast erschrocken. Und an seinem versteinerten Ausdruck merkte sie, daß er über ihre Fassungslosigkeit erstaunt war. Und zugleich fühlte sie, daß er sie wirklich gerufen und erwartet hatte. Da fiel ihr die Last vom Herzen. —
„Es zieht hier fürchterlich,“ sagte sie fließend; „hier können wir nicht bleiben.“
Und sie gingen und fanden eine geschützte, mit einem Segeltuch überhangene Ecke an der Flanke des Schiffes, und sein junger Diener brachte zwei tiefe Stühle, beide mit einer Etikette versehen, und spannte sie aus. Das Schiff strich jetzt geschmeidig wie eine Feder über das glatte Meer, und sie waren allein.
O nicht mit einem Worte der Situation gedenkend, vielmehr gänzlich absehend von allem, was sich auf ihr Leben und ihre Personen bezog, als seien Dinge wie ihr Kommen oder sein Befinden viel zu ungegenwärtig und die Wirklichkeit wirklich nicht wichtig noch interessant genug, um sie zu bemerken. Vielmehr lösten sie sich los vom Unabänderlichen und trotzten dem bannenden Geschick und streiften seine Fesseln ab.
Nicht nur dieser Augenblick, für Mariclée stand jetzt die ganze Welt in diesem Augenblicke still, und ihr Gehirn glich einer ausgelöschten Tafel, die nichts vom Leben, nichts von allem behielt, was ihr das Leben schuldig blieb. Es war getilgt. Höchstens, daß ein Schauer, ein plötzliches Beben ihrer Lippen mitten in einem sehr unverfänglichen Satz, ein Zittern ihrer strahlenden Hände verriet, was ihr diese teuer erkaufte Stunde wert bedünkte, in der sie nistete wie ein Adler, von göttlicher Öde umrauscht. Die Leiter, die sie zu ihr emportrug, stieß sie da leichtsinnigen Fußes zurück, der harten Sprossen nicht eingedenk. Kein Windeshauch sollte sie mahnen an das Tal, dem sie entflogen war, noch an die Leine, an der sie hing. Vergessen! Sie feierte Orgien der Vergessenheit! Alles vergessen, was alles sie von diesem Manne, ach selbst von dieser Stunde schied. Schon waren die zwei eleganten Frauen in Trauerkleidung wieder in Sicht, und die eine, sehr repräsentativ von ihrem Witwenschleier umsteckt, fixierte Mariclée mit Augen, die undurchsichtig glänzten wie Kieselsteine in einem Bach.