„Es ist schon das zweite Zeichen,“ und sie packte ihr Sieb zusammen.
„Mein Gott!“ rief Mariclée erschrocken, „ich habe ganz mein Billett vergessen. Da muß ich mich gleich umsehen.“
Sie stand auf und entfernte sich sofort.
Denn schon wieder näherten sich die zwei Schwarzen und dabei wurde ihr immer sehr schwül. Dank den englischen Sitten ließ sich ja eine Vorstellung vermeiden, vorausgesetzt natürlich, daß es keine ungeschickte Karambolage gab.
Die Büros waren um die Mittagszeit geschlossen und es dauerte eine Weile, bevor der Beamte erschien. Nun erzählte sie wieder einmal ihr Märchen von Cherbourg. Zum Glück konnte sie sich auf Cook berufen, woselbst man ihr geraten hatte, sich auf das Schiff zu schmuggeln, falls in Southampton keine Zeit mehr sei, um ein Billett zu lösen. Aber so viel der Ausreden hätte es gar nicht bedurft. Sie mußte einfach ihren Namen in ein großes Buch eintragen und ein Pfund entrichten, und die Sache war erledigt. „Man ist eben auf einem englischen Schiff“, dachte sie.
Aber die ganze Sache hatte doch ziemlich lange gedauert, und als sie endlich — zögernd — den Speisesaal betrat, war die Table d’hote im vollen Schwung. Sie aber trat jetzt nur bis zu einer Säule hart am Eingang vor und blieb dort stehen. Denn sie war nicht auf dies Schiff gekommen, sie hatte nicht diese karg bemessenen Stunden einem feindseligen Schicksal abgerungen, um mit seinen Angehörigen, die sie gar nichts angingen, banale Redensarten auszutauschen. Nein, dafür dankte sie. Sie wollte gar nicht wissen, wo sie Platz genommen hatten, und darum (es war schwer, sie zu übersehen, da sie ganz in der Nähe saßen) blickte sie zerstreut nach einer anderen Seite hin. Es war ein heikler Moment, aber sie hatte diese unmögliche Situation gestartet, damit er ihr helfe, sie zu ermöglichen. Diese ganze herzogliche Sippe, diese Schwiegermutter, die sich Airs gab wie die Königin der Nacht, und diese andere Base, die starr und sprachlos wie mit gelähmten Gesichtsmuskeln herüberstarrte, mußte er mit ihr, der Rechtlosen, der Entäußerten, verleugnen, auf daß sich diese verkehrte Welt auch drehe. Dies forderte sie von ihm, sie die niemals forderte, denn dies war ihr Tag. Und hier mußte er sie holen, wenn er wollte, daß sie aß. Und darum blieb sie bei ihrer Säule stehen und sah geradeaus, wie sie es von dem Steinadler gelernt hatte, und wartete in aller Ruhe, bis er kam. Mein Gott! wie stupide das Geklapper der Teller und Gabeln und Messer klang! und wie stark, wie „immerdar“ dies blind groteske Unisono sich behauptete. Rührte doch von allen, die da saßen, in sechzig Jahren kaum einer noch ein Glied. Es war wie ein Spuk, und unbeteiligt und wie abwesend sah sie darüber weg, als ginge sie das ganze Treiben in diesem Saale nichts an. Aber da stand er schon an ihrer Seite.
„Ich sehe noch ein freies Tischchen; wollen wir dort essen gehen?“ fragte er mit jenem eigentümlichen gedehnten Singsang, der seiner Stimme unterlief, wenn ihm etwas behagte. Verwegene Dinge waren ja stets nach seinem Sinn. O, sie kannte ihn gut! Solche Fanfaren fanden ihn ja stets am Platze. Er entfaltete dann eine Eleganz in der Willkür, die jede Niederlage ausschloß. Als geistiger Haudegen hatte dieser unkriegerische Mann nicht seinesgleichen. Was immer er tat, nahm er mit so hinreißender Sicherheit vor, daß es den Stempel des einzig Tunlichen erhielt. Langsam zogen sie bis zur Mitte des niedrigen Saales und nahmen dort Platz. Er strich einiges aus dem Menü und verlangte das andere, ohne sie zu fragen, was sie wünschte, ganz wie sie es früher immer hielten. Er wußte welche Unbequemlichkeit, ja welche Beschwerde es ihr bereitete, sich mit einer Speisekarte einzulassen, wenn sie mit ihm zusammen war. Nicht nur, daß sie stets zur Vereinfachung dasselbe aß wie er, sondern er legte auch stets auf ihren Teller, was er für gut befand, und reichte ihn ihr dann hin. Über solche Dinge, oder wenn sie, wie es meistens geschah, fast alles stehen ließ, wurde nie ein Wort verloren. Er kannte sie zu genau. Es war nicht, daß sie nicht wußte, was sie aß. Nur durfte sie nichts ablenken. Ihr Mißverhältnis zum Essen entstand nur durch jene Hemmungen, die mehr oder minder bei allen Menschen vorkommen und sich bei ihr nur besonders leicht einzustellen pflegten. Bei ihr genügte eben sehr wenig, um den Konnex zu stören. Und die Nähe dieses Mannes, die ihr die restlose Erfüllung ihres eigenen Seins gewährte, mußte in ihr jeden Sinn der Stunde, und was im weitesten Sinne damit zusammenhängt, vollends betäuben. Zu einer Mahlzeit stand sie dann wie zu einem weit weggerückten Tisch, und nicht ohne Mühe mußte sie sich immer neu darauf besinnen. Denn dann war für sie das Essen das Allerunwirklichste und Vergessenste. Indessen aß sie pflichtschuldig an einem scharf mit Curry gewürzten Reis, und einmal kam die „Möwe“ und machte die beiden aufmerksam, wie gut er zubereitet sei. Die farblos schattenlose Freundlichkeit, die sie ihr bezeigte, empfand Mariclée jedesmal als eine ganz unbewußt aufoktroyierte und dabei so wenig auf sich selbst beruhende wie der sonnige Reflex, der an der Mauer niedergleitet. Es war eben das Bannende, das von ihm ausging, das gleicherweise auch ihr selbst die Schüchternheit benahm. Übrigens sprachen sie bei Tisch nur wenig, aber in den geringfügigsten Gesten — sei es, daß er sein Glas hinstellte oder sie mit ihrer Gabel spielte — waren sie stets ganz enthalten und ganz dem Bewußtsein zugewandt, daß sie beisammen waren.
„Wollen Sie auf mich warten, wo wir zuletzt saßen, indes ich mich hinlege?“ fragte er zu Ende des Mahles. „Ich bin sehr müde,“ und er lehnte sich zurück. Der Ton schnitt ihr ins Herz, und sie erschrak über seine Blässe. Sein Befinden ist nicht meine Sache, dachte sie, was geht es mich an? was kümmerts mich? und ließ den Dolch in sich eindringen. Sie wollte etwas sagen, aber sie nickte nur, denn ihre Stimme war zerbrochen. Es war zu schrecklich, an seine Krankheit erinnert zu werden. Und sie erhob sich, ging aber nicht gleich hinauf, sondern durchwanderte ruhelos die Säle und Gänge des Schiffes, schrieb auch an einen Mann, mit dem sie öfters in Streit geriet, dessen lautere Gesinnung sie aber heute ganz unvermittelt so klar durchschaute, daß sie, einem Impulse folgend, sich mit ihm versöhnte. — Und dann ging sie an Deck, nahm ihren früheren Stuhl wieder ein und wartete. Das Wetter war unvergleichlich. Ein wundervoller Himmel zerfloß ins Meer und das Meer, ganz der Sonne hingegeben, ruhte schillernd, mit ihr spielend, und verbuhlt und ward ganz sich selbst, wie eine Muschel. Töne nennt man solche Farben, dachte Mariclée geschwellten Herzens, und ihre Knie zitterten. Ist das alles so schön, oder sehe ich es nur, weil mein Tag so vor mir schillert und mich betört? Denn ihr Glück war zu fragil, um nicht alles, was es bedräute, auszuscheiden und klar wie ein Tautropfen und kostbar wie eine Perle sich zu schließen. Und weil es so eingedämmt und karg bemessen war — hatten ihr nicht die Henker vorgeschwebt, als sie die Leiter dieses Schiffes emporstieg? — darum war sie jetzt eins mit ihrem Glück, in ihm verweilend und von ihm durchschillert, wie diese Sonne und dies Meer. Er wird bald kommen, dachte sie, und nahm die Zeitung, die auf seinem Stuhle lag, und verhüllte sich das Gesicht.
Aber mitten in dem Überschwang ewig unausgesprochenen Gefühles wurde sie von dessen Einsamkeit geschreckt. War der eine nicht stets das Geheimnis des anderen geblieben? hatten sie sich über ihre Beziehungen jemals geäußert? ihren Bund je zugestanden? War es möglich? flüsterte ihr jetzt die Stimme des Versuchers zu, war dies so bis ins letzte zu ertragen? Denk an später; an alltäglichere Tage, wo dieser dir vergeudet scheinen wird, an die Stürme, die ein Zweifel in dir entfesselte. Wenn die Türme und Dächer von Cherbourg in diesen reinen Himmel ragen werden, ragt zwischen euch der Tod. Es ist zu Ende. Und du wirst nicht wissen, flüsterte die Stimme, ob er dich erwartete, ob er dich wirklich rief, es fehlt dir der Beweis, nimm die Gewißheit mit ans Land; es wird sich keine Gelegenheit mehr bieten. O, flüsterte die Stimme, wisset, wie ihr zueinander steht! scheidet, lebt, sterbet nicht also.
Von plötzlicher Unruhe erfaßt, blickte sie auf. Wo weilte er so lange? Es waren jetzt ziemlich viel Passagiere an Deck. Am anderen Ende tauchte die Möwe auf, und wieder war es die kleine Gruppe schwarz verschleierter Gestalten, die an die drei Damen der „Zauberflöte“ erinnerte. Wie aus einem feindlichen Lager sahen sie zu ihr herüber und hielten sich ihr fern, und auch die Möwe näherte sich ihr nicht. Sie grollt mir doch! dachte Mariclée naiv und sah wieder ins Meer hinaus, das schon wieder neue Weisen leuchtend verströmen ließ; und es gelang ihr, die kleine finstere Gruppe am anderen Ende so weit zu vergessen, daß sie sich, etwas fieberhaft, die Dinge memorierte, die sie ihm sagen wollte.