„So lassen Sie uns denn ein paar spannende Momente erleben.“

Es war seine Stimme, und er stand ganz plötzlich hinter ihr und ließ sich in seinem Stuhle nieder. Sein Aussehen war viel besser geworden, und man hätte ihn kaum für einen Kranken gehalten. Er hielt ein Buch, dessen Gravüren er ihr zeigen wollte, und die Art, wie er die Hand ausstreckte, es zu öffnen, die Bewegung seines Arms, dies alles war ihr so wohl vertraut und trug sie hin zu dem Garten Roms, wo heilig beschattet die Statue Meleagers in ihrer holden Nacktheit ragt, denn hier wie dort atmete dieselbe Vollendung, und es war das unnachahmlich Plastische an ihm, in dem ihr Herz sich sonnte, wie es mit seinem Lachen, in dem so viel Glockenmetall anschlug, seinen Kultus trieb. Aber wie überbietend war doch die Feinheit feiner Männer, daß seine Nähe, ja sein Anblick sie von der Unmöglichkeit, ihre Stellung zueinander auch nur von fern zu streifen, sogleich so heftig überzeugte! und welch verletzender Gedanke war das von ihr gewesen, mitten in einem Zauberkreis die verfemten Worte auszurufen, die ihn nur sprengen konnten? Wie ferne lagen sie ihr schon, jene vorgefaßten Worte, jäh geschreckten Vögeln gleich, die nie mehr wiederkehren.

Er aber war es jetzt, der in Anbetracht der kurz bemessenen Zeit nach einem vorgefaßten Plan unverweilt von himmelweiten Dingen zu reden anfing und sie lockte, reizte, ihr in allem widersprach, alles widerlegte (denn alles läßt sich widerlegen), doch nur zum Scheine, um sie anzufeuern. Wie schnell war sie da vom Abstrakten hingerissen, immer schärfer, immer heimatlicher wurde ihre Luft. Sie war am Ziel. Aug in Aug feierten sie ihr Fest, indes ihre Hände, die seine und die ihre, die sich kannten, nachbarlich auf den breiten Kanten ihrer Stühle ruhten. Und sie wars zufrieden, ihren Pakt ewig ungenannt zu lassen.

„Nein!“ sagte sie einmal, „ich bin nicht Ihrer Meinung. Für nichts ist man so verantwortlich wie für seine Geburt. Ich sehe die Verantwortlichkeit der Kinder für ihre Väter.“

Indessen ging die Königin der Nacht in Begleitung ihrer Damen am Deck spazieren, stets an dem ungeraden Paar vorüber, wobei sie nie verfehlte, Mariclée mit ihren Kieselsteinaugen zu fixieren. Diese merkte es wohl, doch a distance, nicht anders als sie das Mittagessen bemerkt hatte. Hin und wieder näherte sich auch die Möwe und stand, am Geländer lehnend, vor den beiden; und dann sprach man über die Ereignisse des Tages und über die letzte Rede im Parlament und erörterte die Aussichten der Konservativen. Der Vater der Möwe hielt halb Schottland für sich allein umzäunt, es läßt sich also denken, was man in seiner Umgebung von der demokratischen Strömung und von Leuten wie Lloyd George und Churchill hielt. Mariclée wunderte sich nur ein wenig, da sie doch immer wiederkehrte, daß sie sich nie setzte; aber es war ja ihr Stuhl, den Mariclée so ohne weiteres in Beschlag hielt; doch fiel es ihr nicht ein, die Etikette, die daran hing, anzusehen. Denn was hätte sie bedacht? was hätte sie gewußt? Ein Diener brachte Tee und sie nahm ihn, nahm den Kuchen, den er dazu reichte. Sobald die beiden allein waren, griffen sie jedoch unverzüglich ihre eigenen Gespräche, die sie so zwanglos fallen ließen, wenn man sie unterbrach, ebenso zwanglos wieder auf. Und der Strahlenring um Mariclées Augen weitete sich immer mehr und verschlang ihr ganzes Gesicht, auf dem sein starker Blick immer voller, aber auch immer schweigsamer verweilte.

Da mit einem Male geriet diese ganze verwunschene Welt ins Schwanken; der lichte Himmel, das holde Meer waren nicht länger endlos: schmale Stifte schrieben in der Ferne seltsam blasse Zeichen in die Luft, liefen im Spitz, im Zickzack, zogen ein Viereck — waren’s Türme, war’s ein Blutgerüst? „Ah!“ sagte sie, „da ist Cherbourg.“ Und es klang leicht und gefällig, als sei es ihr willkommen.

„Es liegt noch ferne,“ sagte er, „wollen wir nicht hinuntergehen?“ Sie erhob sich sogleich. Denn jetzt war sie erwacht; und sie ertrug es nicht, Cherbourgs höllische Tore heranziehen zu sehen. Ihre Jacke zuknöpfend stand sie vor ihm, sein Blick glitt ihre Gestalt entlang und blieb dann an ihrem Gesichte haften; und sie ertrug ihn, mit einer Miene von Leblosigkeit wie umflort. Und er stand langsam auf, und sie gingen zusammen. Nichts mehr von Hölzernheit in ihr. Hoch aufgerichtet, wie getragen, schritt sie an seiner Seite, die klar wie mit dem Silberstift umrissene Gestalt gleichsam noch größer und geschmeidiger; und obwohl die Macht, die einst wie mit ehernen Ringen ihre Schultern aneinanderschmiedete, daß sie wie ineinander wuchsen und eine Gruppe bildeten, wenn sie gingen, sie jetzt mit gleicher Schärfe auseinanderhielt, entstrahlte dennoch ihren Linien ein so analoger Geist, daß sie als ein geschlossenes Bild hinzogen, nach Einem Rhythmus wie zuvor.

Nicht, daß sie einander glichen. Vielmehr stand scheinbar nichts in stärkerem Kontraste zu dem zwar hypersensiblen aber doch stahlharten und in allen Genüssen so versierten und aller Lüste so kundigen Mann, der es verstanden hatte, dies spröde Dasein so zu meistern — sein Sturz tat nichts zur Sache —, daß es wie ein dressiertes Pferd nach seiner Willkür karakolieren und, dem Sporn des Reiters folgend, mit zierlichen Schritten über die unebene Bühne des Lebens tanzen lernte, — nichts konnte ihm unähnlicher sein wie diese Jongleuse der Entsagungen, scheinbar sagte ich, in Wahrheit glich ihm nichts so sehr. Denn sie schied sich vom Wettbewerb des Lebens aus, nicht weil ihr dessen Güter nicht wert bedünkten, sondern weil sie sich nicht bescheiden wollte, und verwegenste Anmaßung war so sehr das wahre Grundmotiv ihrer wie seiner Attitüde, daß sie ineinander enthalten, und der eine an Stelle des anderen denkbar war . . . .

Als sie nun zur Treppe gelangten, die zu den unteren Sälen führte, vertrat ihm die Königin der Nacht den Weg, und Mariclée hörte zum ersten Male ihre Stimme.

„Der Arzt hat das Treppensteigen strengstens verboten,“ sagte sie.