„Es wird noch eine ganze Weile dauern, bevor Sie es besteigen müssen,“ versicherte er wieder und führte sie zu einem kleinen Mauervorsprung, der eine Art von Loggia bildete. Hier stellten sie sich auf. Die Brise umwehte sie, und sie hatten das Ufer im Rücken, auf daß sie es ein letztes Mal vergaßen. Vor ihnen das prunkende Meer, das seine Wogen glatt und einsam entrollte, und die verlassene Ferne.
Hier standen sie jetzt, ohne sich ein Wort zu sagen. Was hätten sie gesagt? Die schmale Stelle auf diesem Mauervorsprung war jetzt ihre Welt. Darüber hinaus gab es keinen Fleck mehr, der sie zusammen trüge. Versunken und ungangbar alle Stätten, alle Wege, jede Spanne Bodens, den ihre Füße je gemeinsam wandelten. Soweit sie reichte, diese Welt der ewigen Verweigerungen, Unzulänglichkeiten und Verzichte, bot sie keinen Raum, enthielt keine Luft, die sie je wieder vereinigt sah. Und da geschah es, daß sich Mariclées Gesicht zu höchster Harmonie zusammenschloß, zum eigenen Ideale werden durfte und seine eigene Vollendung feierte; und ganz sich selber ward, indem es sich, sowie die Stunde, die es zeitigte, unendlich überbot. Und irgendwie war es sein Gesicht, indem es in dieser Vollkommenheit nur seinem Auge, und nur von ihm wachgerufen, sich entfaltete. Wie jene Nymphäen des Mississippi, die unter Baldachinen mannesschwerer Riesenblätter bis zu jener einen Julinacht verschlossen harren, in der ihre gekrönte Blüte, die gewaltigste und zarteste der Erde, der überhitzten, der erwartungsvollen Flut entstrahlt und ihren Wert in einer Nacht vergeudet, daß, wer sie später suchte, sie nicht mehr erkenne. Ein solches Antlitz wandte sie jetzt im Scheiden dem Manne zu, und zu solcher Schönheit malte, schmückte, krönte es in dieser Stunde die Natur. Sie standen geschützt und ungesehen und unbelauscht, zwischen ihnen nur die Luft, und diese Luft hing zwischen ihnen wie ein Schwert.
Da fiel ein Schatten in diese Welt. Mit welchem Grauen fühlte sich da Mariclée an die Wirklichkeit erinnert! Wie tödlich erblaßte sie, bevor sie den Mut fand, sich diesem Schatten, von dem sie sich gerufen fühlte, zuzuwenden. Sie sah die Möwe. — Wie eine Gejagte, geängstigten, zerflatterten Blickes, war sie auf der Suche hier unten aufgeflogen.
„O wie krank wirst du morgen sein!“ brach sie aus.
Aber Mariclée durchschaute sie wie Glas. Sie sah die Sorge, die Eifersucht, den Verdruß, sah vor allem, sie die Virtuosin, wie ungewohnt er dieses Wesen traf, so daß es gar nicht wußte, wie es sich zu ihm stellen sollte; — sah es, — und war gerührt. Denn Verdruß zuzufügen, schlug so wenig in ihr Fach, daß sie, die Zerbrochene, tausendfach Beraubte, imstande war, in diesem Augenblicke, nur der Not Rechnung zu tragen, die sie hier verschuldete — denn zu nehmen war so wenig ihre Art.
„Sie hat recht. Sie werden sich nur verderben,“ und ohne ihn anzusehen ging sie rasch auf sie zu: „Leben Sie wohl!“ sagte sie und ergriff ihre Hand. Aber jedes Wort, das sie da sprach, tönte wie gesungen, und die Dominante gab jetzt wieder jener seltsame Umschlag des allzu mächtig zurückgedrängten Gefühles, das im höchsten Affekt ihren Blick zu dem eines ausdruckslosen toten Statuenauges schlug.
So kam es, daß sie jetzt, das schmale Handgelenk der „Möwe“ erfassend, es leicht und zärtlich drückte und lächelnd zurückhielt, wie der Liebhaber die Hand der Geliebten. Ein Zeuge hätte schwören dürfen, daß sie nur für sie auf dieses Schiff gekommen war, so verschwenderisch und so entzückend war die Anmut, mit der sie Abschied von ihr nahm.
Und ihm? — Ihm drückte sie nur flüchtig die Hand, sah ihn nur flüchtig an und hatte sich schon abgewandt von ihm, war schon unter dem Tor, — sprang schon in die Barkasse. Und nicht lange, so stieß diese von dem mächtigen Dampfer ab, der wieder ins weite Meer hinauszuziehen begann, und hob und senkte sich in seinem heftig bewegten Strom. Mariclée lehnte am Maste, und wie sie also hoch aufgerichtet, wie eine Erkorene, stand, von der scheidenden Sonne umleuchtet und umflossen, glich sie einem jungen Kriegsheld am Abend einer Schlacht. Und in der Tat war das Gefühl, das sie jetzt zum ersten Male trug, ein Gefühl des Sieges. Ja — es war ihr Tag gewesen, ihr fielen alle seine Ehren und Würden zu. Jeder Zweifel war verschwunden. Sie begriff nicht, wie sie ihn jemals hegen konnte. Etwa weil sie das Spiel nur des hohen Einsatzes halber wagte, den Gewinst jedoch verschmähte? — Denn nirgends lebte der Mann, der von ihr sagen konnte: „Diesen Vorteil erstrebte sie von mir,“ noch die Frau, die von ihr sagen durfte: „Jenes unternahm sie wider mich.“ Keiner war sie je eine Rivalin gewesen. Denn darin eben setzte sie einen unbeugsamen und unerhörten Stolz. Von einem andern wußte sie nichts. Verwegenste Situationen geziemten ihr nur. Und deshalb trieb es sie hin und wieder mit solcher Macht, dieser lächerlichen Welt, und dem, was sich als ihre Mächte und Konventionen so großen Respekt verschaffte, eins ins Gesicht zu schlagen. Und sie wußte, daß sie es durfte. Weil sie nichts wollte. Weil sie von einem Wettbewerbe ausgeschieden war, dessen Preise so ungereimt und so zu Unrecht verwilligt wurden oder bestenfalls die schmähliche Marke der Vergänglichkeit und des Verfalles trugen. Wenn sie da einsprang, war das Absichtslose stets ihr Banner, ihre Geste und ihr Hohn. In ihren Verzichten — und diese waren bei ihr stets die Voraussetzung — lag ihr still geheimnisvolles Anrecht auf jene Männer, die sie durchschaut hatten, und darum verwand sie keiner.
Zwischen Dampfer und Barkasse drängte sich die Flut. Mariclée sah zu dem überfüllten Deck empor, von wo aus alle Blicke dem ziehenden Boote folgten. Schon zeigte man dort oben jene eigentümliche Neugierde der Passagiere für alles, was mit einer Landung zusammenhängt. Und bald genug entdeckte sie ihn, für den sie gekommen war, über das Geländer gebeugt und an seiner Seite die Möwe, die ihr zuwinkte. Aber Mariclée nahm keine Notiz von ihr und rührte sich nicht. Nur an der Unbeweglichkeit, mit der sie zu ihm hinstarrte, erkannte er, daß sie ihn sah.
Und der gewaltige Bau begann — scheinbar langsam — seine Straße zu ziehen und hob sich immer schärfer vom Himmel ab. Schön und furchtbar stand er jetzt über den Fluten getürmt. Es drängten sich immer mehr Wellen zwischen der Barkasse und ihm. Schon fing er an sich zu verkleinern, und mit einem Male beschleunigte er die Fahrt. Ja es war, als führe er geradewegs in die Sonne hinein, die wie ein goldenes Tor mit weit geöffneten Flügeln am Rand des Ozeans stand. Da färbte sich das Meer und huldigte ihr mit gesteigerten Akkorden, und so umrauschte es die beiden Schiffe, die in der verklärten Luft einander entschwanden.