»Wie alt«, rief er, »wie alt ist doch die Klage nach entschwundenen Zeiten! Kein Zauber beschwört Vergangnes herauf! Wie der Regen, den die Erde so begierig trinkt, um dann wieder trocken zu werden und hart, so verschwinden spurlos nicht geträumte, ach! erfüllte Ideale von der Welt!

Wer ist es gewahr, dass Schritt für Schritt das Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überall einbrechen, dass rasch und unbemerkt eine Epoche von uns scheidet? — Erst wenn sie sich ganz unsern Augen entrückte, erst dann wird die Verlorne im wahren Relief vor uns stehen. Aber wie Walther von der Vogelweide um zartere Minne, so werden wir umsonst darum klagen! Und inzwischen stellen wir uns blind und taub und lassen die Verwilderung um sich greifen! Nur ein sehendes Auge sieht die verlöschenden Fackeln, und nur dem feinen Ohre ist das wirre Gekreische vernehmbar.«

(Schade, dass der Mann seine Reden nicht schön und symmetrisch aufzubauen wusste! Seine Gedanken machten wilde Sprünge, und kamen dann im Bogen wieder.)

»Wisst ihr,« rief er da plötzlich, »dass jener thatsächliche Plan, sich per Eisenbahn bequem auf die Jungfrau zu begeben, nichts anderes ist als ein Symbol unsrer Zeit?

Denn nichts Höheres bedeuten unsre täglichen Konzerte, unsre Drehorgelorchester, und unsre ganze nivellierte Kunst. Überall ist der Pöbel ausgebrochen, zwar ein wohlgenährter, gut gekleideter und siegreicher Pöbel, aber erst recht der des Coriolan!

Es haben uns doch die Besten gesagt und die wenig Grossen bewiesen, wie aristokratisch die Natur verführt, wie scheu und sparsam sie ihre vornehmste Blume, die der Kunst, auf ihren höchsten Gipfeln treibt, nur ganz Bevorzugten nach harter Mühe erreichbar.

Was deutet uns ein zusammengepresster staubiger Büschel Edelweiss, an einer Strassenecke schreiend feilgeboten? Aber steil wie das Edelweiss und geheimnissvoll wie die Aloë ist die Kunst! Pöbelhaft war es daher von uns, sie mit Gewalt erstürmen zu wollen, und ein grober und hässlicher Wahn lag dieser »Massenbewegung« zu Grunde. —

Denn als wir allesamt anfingen sie zu duzen, was war da natürlicher, als dass uns die Kunst entfloh? Ihren letzten müden Strahl, an dem wir zehren, halten wir nun für den »Morgenschein kommender Aeren!«, und keiner sieht, keiner weist auch nur von fern auf unsern deutlichen Verfall.

Ob wohl je die Menschen vor einem solchen Wendepunkt gestanden sind?

Ob ein ähnliches Phänomen die Griechen einst zu Grabe läutete? und ob nach Überwucherung der damaligen Kräfte ein ähnliches Schlingkraut die Erde überzog?