Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber. Sie hielt ihre Augen auf mich gerichtet, und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren langen, kränklichen Vorderzähnen.
„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen ausgemacht?“
„Nein,“ gestand ich.
„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause rührte sich nicht mehr. – „Es steht ganz bei Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die Dame mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich möchte Sie um so weniger daran hindern, als ich diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich gemacht würde. Denn Sie selbst sind noch zu jung!“
Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen, aber so schnell bog sie da in den Gang ein, der zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren, gespenstigen Rücken wölbte.
Viertes Kapitel
Am nächsten Morgen war der Himmel so rein und licht, nach allen Richtungen sah man nur seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte und unsterbliche Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, ihre Morde und ihre Schiffbrüche und ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; so stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin der Himmel, ich bin blau! lachte, tröstete er.
Doch ich ging traurig meine Florentinische Straße, die in weiten Schleifen und so einsam den Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts, diese Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. Unter ihren Lockungen verschärft er sich nur, und richtet sich heftiger auf.
Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll zu bleiben? Wie war es meiner Freundin Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum Glück Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß die Menschen wie die Monate des Jahres gewissen Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte sich der frostige Tod über meine Freundin Amarant geworfen und ihrer langen Wimpern nicht geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. Nie war ein Verdacht, eine Witterung in uns gewesen, sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies war der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, so streben die Begebenheiten einzuschlagen, wo kein Argwohn entgegenwirkt ... So war Amarants Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und nicht einen von uns hatten je diese knospenden Augen, diese frischen Zähne, diese schimmernde Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt.
Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, aber meine Wünsche und Hoffnungen tangierte dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach wie vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen und überfließen, war auch Amarant dahin.