Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht der Vision des durchsichtigen Baches, noch des Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im Waldesschatten seine blauen Bänke wie holde Schrecken zieht, noch des mächtigen Gartens, in welchem nur die kleinen edlen Vögel zu finden sind, weil ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, dessen Statuen uns ergreifen und dessen Rosenbeete, dessen Rosenstauden von den Strahlen des hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – nein, nicht von solchen Bildern war mein Leben überhangen. Weitab von ihnen würde meine Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur zeigten, mein ganzes Leben würde werden wie diese Reise: Enttäuschung und Verdruß.

Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät erreichte, bestärkte mich noch in dem Glauben, denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr gerade davon. Da stand ich also und sah zu den Türmen und der magischen Kuppel des Domes hinüber. Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm nicht aus. Mein durchwühltes Herz war in eine wilde Senkung geraten. Doch die Pferde trabten fröhlich abseits, das flockige Weiß eines seidenen Sonnenschirmes hob und senkte sich, darunter ein Lachen so abgetönt, so leicht umflort, so unbeschwert, daß ich den Trübsinn, dem ich noch eben frönte, weit zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau Coroughdeen war es, die ihre großen Augen verwundert auf mich richtete und die Pferde halten ließ. Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. Matt wie angehauchtes Silber rückte die profilierte Stadt von neuem in die Ferne. Auch in mir war alles licht und blau geworden und konnte sich keiner Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle Trübsal eintägig. So tilgte sie ein einziger Freudenstrahl in meinem freudegierigen Gemüt und stellte alles wieder her. War auch Amarant dahin ...

Fünftes Kapitel

Eine Stunde später saß ich in der geschützten Loggia einer Villa, die am höchsten Plateau von Fiesole hinter Pinien und Tannen ungesehen die Gegend übersah. Die schöne Mary, ihr Bruder, sommerlich gekleidet, und ein junges Ehepaar umringten mich und hörten mir zu.

Denn ich erzählte. Und ein Vogel, der Haft entronnen, schmettert auf seinem Ast nicht unentwegter darauf los. Und glaubt man, daß er fertig sei, so setzt er schon wieder ein und ist in Zug geraten. Mary Coroughdeen saß den Kopf zurückgeworfen und lachte. Keine Linie an ihr, die nicht der Regelmäßigkeit spottete, so triumphierend aber, daß meine Nöte mir verächtlich erschienen. Ich äffte jetzt das Pferd, wie es geängstet aus dem Hofe ausriß, und mich selbst, wie ich dem Wagen folgte und seine Spuren beging, und das Pferd, wie es scheute, wenn es ihrer ansichtig wurde. Es ging mir wie ihm. „Ich kann sie nicht sehen!“ rief ich aus. „Auch sehe ich sie nicht.“

„Wie bringen Sie das fertig!“ fragte der sommerliche Herr, „da Sie doch Ihre Tage bei ihr verbringen.“

„Daß Gott verhüte! da bin ich doch in Florenz! möglichst früh und komme erst abends zurück.“

„Allein?“