„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie ist ein Sonderling.“ Sie gab sich mit dem Pferde zu schaffen und trieb es an.
„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und blickte geradeaus, „Zerwürfnisse zu vermeiden.“ Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht zerwerfen wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion. „Ich werde die übrigen Tage bestehen, wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr, seufzte, lachte aber sogleich.
„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie sichtlich erleichtert aus.
Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte sie mir schon gezeigt, mit den sanft vom Winde gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft selbst im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ...
Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen, daß man an ihrem Ende verzagt. Sind sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die hohle Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr zurück, als daß sie mir endlos erschien. So leichtfüßig ist überstandene Not.
Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen Zwischenfall, der mir so frohe Aussichten eröffnete. Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer leicht, angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens über meine verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor noch die Lampe einzog, betrat ich den Salon. Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer war kalt. Und dann stand ich an der Fenstertüre und starrte trübselig hinaus, Cara aber brachte den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen wie aus verzuckertem Sand, die man nicht essen konnte. Oder war es wirklich nur die Beklemmung? Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging, widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie es, daß Sie leben?“ hatte die Hexe einmal gefragt. Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an ihrem Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe verwandelte und ihr Brot in den knolligen Rohzustand zurückkehrte. So furchtbar war es, an ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz Unanimalisches hatte, fand ich ihre Art zu essen mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen, und daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen Lichtpunkt gab es, und ich freute mich manchmal die halbe Nacht darauf: es war das erste Frühstück, mit welchem die stumme Cara bei mir einzog. Sie zündete zugleich das Feuer an, und freundliche, nach Pinien duftende Flammen schlugen dann im Kamine auf. Und da war die braune Tonkanne und die dicken gerösteten Brotschnitten, auf welchen die Butter zerfloß, alles mit einer versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein Blümchen, blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch als ich das erstemal dafür dankte, lief Cara mit erschreckter Miene zur Tür.
Siebentes Kapitel
Es fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer stand inmitten des Zimmers aufgeschlagen; im Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen hineingelegt, da sank mir noch einmal der Mut. An einem fast schwülen Tag riß mir auf dem Heimweg ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang immer wieder in die Höhe, während ein eisiger Regen die Schultern durchnäßte. Es half nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum abendlichen Spiele schritt. Der Frost wollte nicht mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle aus ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen Maschen gleich, und die sich selber wieder fingen, dann aber sich auflösten zu einem verwirrten Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten stob, die kleinen, die schwachen und kurzen von den mächtigen tief unter die Linien hinabgestoßen. Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung, die Besinnung wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten Köpfen losfuhren gegeneinander und begeistert fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels! Wüste Bilder, Gesichte des Fiebers hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt, und ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe hatte keinen Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen, sondern mit demselben bemerkenswerten Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was legte sich indessen wie eisige Tücher um Nacken und Hals, daß die Zähne zusammenschlugen? Und wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt auch sie? Zuckte es da nicht wie von Schlangenzungen in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne ein Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner Erkrankung las, die ihr doch nicht genehm sein konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie mit Krallen, alle Energie der Jugend im Aufgebot, focht ich gegen die Erkältung an und trat sie nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht endlich, endlich bei mir eintrat, schlürfte ich den Tee, den sie mir brachte, wie ein Elixier, und als wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel auf, als fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht umhin, sich gnädig zu zeigen. In Wahrheit begegneten sich jetzt unsere Wünsche: der meine, sie zu verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete sie mir doch seit kurzem immerzu den deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in Bälde stehen würde, und was für eine hübsche Sitte er sei. So lag ich jetzt tagsüber in meinem Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert allerlei bittere Getränke und trug mir dann die entzauberten Speisen auf, in welchen ich statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti erkannte.
Achtes Kapitel
Es dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt, wie eine entrollte Fahne, war er da. Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal zur ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel unter meinen Füßen. Der Regen schlug gegen die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber trotz des schonungslosen Mittagslichtes faßte ich heute die Hexe und ihre Drachenschulter voll ins Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen Stunden würde mir der Apennin im Rücken liegen.