Geraldine, aus dem Häuflein derer, mußte im Spätfrühling des Jahres 1923 in die chirurgische Klinik einer süddeutschen Stadt. Freunde begleiteten sie. Den Abend durfte sie noch mit ihnen verbringen. Sie war guter Dinge und trank auf ihr eigenes Wohl. Dann nahm ein helles Zimmer, das ins Grüne sah, sie auf. Die Schwestern, in der Umrahmung ihrer gesteiften weißen Flügelhauben, besonders aber deren breite und bejahrte Vorsteherin, erweckten ihre Zuversicht. Spät trat sie noch bei Geraldinen ein, um nach der Neuangekommenen zu schauen, und bei ihrem Anblick streckte die Kranke ihre Füße länger aus, einer Müdigkeit hingegeben, die sie plötzlich wie von weither überkam. So schutzverheißend war die erstarkte Weisheit dieser Augen, so geborgen fühlte sich Geraldine, als sie in diese mächtigen Pupillen sah. Sie wußte, wie wenig ein Beruf zur Sache tat, wie leicht gerade die tugendhaftesten zur Klippe werden. Inbegriffen, ganz unausgesprochen aber war hier alles Fromme, und daß die Pflegerinnen dieses Hauses wie die Blumen eines gehegten Gartens standen, Unkraut nicht wuchern konnte, lag an dieser Vorgesetzten. Denn es ist immer das Wichtigste, wer regiert. Wie eine Mutter, nicht nur der Patienten, sondern irgendwie auch dieser Ärzte, Geheimräte und Professoren, wie eine Mutter aller Menschen schritt sie durch die Gänge, homerisch in der Unbeirrbarkeit ihres Waltens, ehrwürdig wie ein Stück Natur. Und sie hieß Guido, wie ein Mann.
Aber auch Geraldine kannte die Welt.
Lesend verbrachte sie den nächsten Morgen; am frühen Nachmittag wurde ihr Morphium gegeben und später noch einmal. Da tönte sich der Widerschein der grünen Bäume in ihrem Zimmer sanft und immer sanfter ab, und als eine Bahre hereingezogen kam, bestieg sie sie eilends wie im Traum. Nach einer kurzen Fahrt befand sie sich zwei Schwestern gegenüber, und diese trugen ihre weißen Ordensschleier nicht abstehend und gesteift, sondern gar kleidsam in den Nacken zurückgerafft, und sie fragte die Schönste um ihren Namen: Ermentrudis. „Meine Zunge ist schwer, sie ist trocken, sie ist voll Mohn, ich spreche so mühsam“, sagte Geraldine, und überließ sich ihnen. Ihr war, als würde sie von Engeln bedient. Da lag sie schon auf einer Bahre, und rechts von ihr gab sich ein Arzt mit ihr zu tun. Aber seine Gegenwart war ohne Resonanz. Nur Ermentrudis erfüllte den Raum. Vielleicht ist sie nicht so schön als ich sie sehe, dachte Geraldine, deren Augen zugefallen waren, vielleicht ist es Täuschung, wie der Geschmack von Mohn in meinem Munde. Wie ist sie schön! – Da war sie weg, und Geraldine wieder in der Fahrt. Nur bis zum nächsten Zimmer dieses Mal. Es dünkte sie aus Glas, und ein anderer Arzt saß jetzt rechts von ihr, als hätte er auf sie gewartet. Sein Gesicht schien ihr nicht sein eigenes zu sein, sondern ganz in der Anspannung seiner Züge statt in seinen Zügen zu beruhen, aber sie streifte es nur mit einem Blick, dann fielen ihre mohnbeschwerten Augen wieder zu. Doch alsbald hörte sie sich stöhnen. Und warum riß er ihre Adern so unbarmherzig auf? Sie fühlte, wie er sich durch nichts beirren ließ, und sie blieb unbeweglich, aber sie hielt ihm vor, daß er sie peinige. Fort und fort, wie lange noch? – Da merkte sie plötzlich, daß er nicht länger rechts, sondern ihr jetzt links zur Seite stand, indes ein anderer Mann in Szene trat, als wäre dies eine Bühne. Ja, genau so, war jetzt eine mächtige Form herangetreten, wie ein Dirigent sein Pult einnimmt, und als schwänge er einen Stab mit den Worten: „Alla breve meine Herren!“ so sagte er: „Klagen Sie nicht!“ und fing an zu schneiden. Geraldine aber griff da zum Schweigen, wie ein Geiger in sein Instrument. Sie streckte nur ihre linke Hand schutzflehend ins Leere. Aber schon war sie von einer andern sanft geborgen und vertröstet, und sie umklammernd, führte Geraldine ihren stummen Pakt den ersten Stößen gegenüber aus. Sie wähnte jetzt, es sei Nacht. Doch statt erhöhter Schmerzen wurden sie mit jeder Sekunde dumpfer. Und war sie denn selbst ein besaitetes Holz geworden? Sie spürte nur ein virtuoses Kneten, wie rasche Fingersätze eines Pianisten in ihrem unempfindlichen Fleisch. Allegro, vivace, accellerando, presto, tempestuoso fuhren die Griffe wie auf Tasten dahin. Geraldine hatte den Eindruck von Kunst. Wie aber? Wie konnte dies sein? Und doch, welch deutliche, welch aufregende Beziehung, welch unerhörte Analogie, welch spannende und unvermutete Sensation! Für einen Augenblick war alles rege in ihr, und sie hätte sich gern aufgerichtet, um hinzusehen, ihr Kopf aber leistete Widerstand; er war zu schwer. „Es wird schon genäht, es wird schon verbunden“, drang es von links, wie aus einem Souffleurkasten zu ihr.
Und schon wurde sie wieder fortgetragen. Unklar diesmal die Fahrt durch den Gang in ihr Zimmer zurück.
Die Nacht war nicht mehr fern. In ihrem Bette aufgerichtet, ohne eine Spur von Schmerzen, ließ sie sich ein Buch herüberreichen, wähnend, das Lesen würde ihr leichter fallen als das Sprechen. Die Vorhänge bauschten sich sachte in der Frühlingsluft, im Scheine eines blauen Seidenschirmes lag sie und sann.
Welch freundlicher Dämon hatte die Tafel ihrer Erinnerungen gelöscht, daß ihre Gelassenheit sich immer mehr vertiefte?
Da, mitten in der Nacht – als klingle es von allen Seiten zugleich – schlugen die Wunden Alarm. Weggefegt das letzte Stäubchen Morphium; das ganze Bein entfacht. Schlimmer noch die hohe Stachelkrause, die vom Knie aufwärts loderte. Aus purer Sympathie erglühten Fuß und Ferse, von heißer, imaginärer Asche versengt. Geraldine, in den Tumult verstrickt, hörte ihre eigenen Seufzer nicht.
Am Morgen klirrte der Wagen mit den Verbandwerkzeugen durch den Gang. Guido war bei Geraldinen. Da öffnete sich die Türe, als sei ihr Zimmer eine Freistatt. Der Chefarzt trat als erster herein, nach den Schmerzen dieser Nacht zu fragen. Und es erfolgten sehr genaue Weisungen, um einem neuen Ansturm vorzubeugen. Da wunderte sich Geraldine zum ersten Male, ohne sich entsinnen zu können weshalb. Sie grüßte nach rechts und links die beiden anderen Ärzte von gestern; dann war sie wieder allein.
II
Seltsame Schwingen, neue Rhythmen trugen ihre Tage jetzt dahin, ihre Stille so manches Mal durch nichts als den Besuch der Ärzte unterbrochen. Blumen umgaben sie. Der über ihr Bett geschobene Krankentisch bot ein reiches Feld der Beschäftigung, und ein Zufall wollte, daß Leute, mit welchen sie lange nicht mehr in Kontakt war, plötzlich in der Ferne an sie dachten und ihr schrieben. Eines Morgens kam ein Stoß der neuesten französischen Bücher für sie an; sie lagen in großer Evidenz auf Tisch und Decke gebreitet. Jedoch der Zeitungsmann durfte nicht zu ihr herein. In Tönen der Angst bat sie die Schwester, ihn von ihr fernzuhalten, und schon früh am Nachmittag sehnte sie sich nach Morphium. Fing aber der Rollwagen mit dem Verbandzeug, den Alkohol und Jodoformflaschen durch den Gang zu klirren an, so mußte sie lachen; denn es ging dann so fühlbar von Zimmer zu Zimmer eine Spannung, es entstand eine Aufregung, wie wenn Hennen gefüttert werden. „Jetzt werden die Hennen gefüttert“, sagte sie jedesmal zu Guido, die immer der Karosserie voranschritt.