Eines Tages fragte sie den Arzt, der sie in ihrer Lektüre unterbrach: „Würde dieses Buch Sie interessieren, wenn ich fertig damit bin?“
Er warf einen Blick auf den Umschlag und zögerte: „Von Franzosen höre ich lieber nichts“, sagte er dann.
Da schwieg Geraldine.
Das Buch, das er abgelehnt hatte zu lesen, Siegfried et le Limousin, von Jean Giraudoux, war nicht vollkommen. O nein, es hatte seine Fehler. Man durfte es ein wenig inkoherent nennen sogar. Aber jede Seite rührte und entzückte Geraldine. Denn regenbogenartig schlug hier eine Brücke auf, bebend schwang sie herüber, pulsierte, vibrierte, wie ein Regenbogen ephemär. So gehörte auch dies Buch einer anderen Wirklichkeit als die der Ereignisse an; und sie mißachtend, sie verachtend, irisierte über sie hin die Fülle des sich entziehenden, ach! des werbenden Auges ...
Allein es war umsonst geschrieben, da niemand es in Deutschland las. Auch die anderen neuen Bücher enthielten kein gehässiges Wort mehr über „les Allemands“, aber sie waren umsonst geschrieben, da niemand sie in Deutschland las. Geraldine entsann sich der skeptischem aber so aufhorchenden, so gespannten Mienen ihrer Freunde in Paris, als sie ihnen von „jenen anderen Deutschen“ erzählte, von welchen nichts mehr bis zu ihnen gedrungen war. Ob auch einige wie mit Engelszungen hinüberriefen, man stellte sich ihnen taub, wenigstens solange sie lebten. Heute war es umgekehrt.
Geraldine schlief mit dem Kopf auf dem offenen Buche ein, aber nicht lange; ihre Aufregung scheuchte sie auf, und sie las im Scheine ihrer blauen Lampe weiter.
Als am nächsten Morgen der Chefarzt bei ihr eintrat, warf er einen Blick auf die Tabelle und ließ Sandsäcke herbeischaffen, in welchen Geraldines Bein wie in einen Schacht eingedämmt werden sollte, damit es sich nicht mehr bewege. Man schleppte sie wie etwas gar Wichtiges herbei. „Hier stimmt etwas nicht!“ dachte sie gequält. Die Ärzte umstanden sie ja, als ob ihre Gesundung eine wichtige Sache sei. Und das Stück von der gesitteten Weltordnung wurde hier gespielt, als wisse man nicht, wie es draußen zugeht. Aber sie selbst, spielte sie nicht mit? Ließ sie nicht alle fünf gerade sein? Nicht einmal nach dem Wetter mochte sie fragen, als ginge sie das alles nichts mehr an, als sei alles eins. Und nun? Und wie lange durfte sie noch ihrer beginnenden Unruhe, ihrer wachsenden Verwirrung wehren? Die Wirklichkeit. Ja sie war das entfallene Wort, der Faden, der gerissen war, an dem sie wieder anknüpfen mußte.
In der Nacht fuhr sie an die Klingel, und die Stimme, mit der sie die herbeieilende Schwester unter Ächzen anflehte, sie aus dem eingestürzten Tunnel vorzuziehen, war wie ein heiserer Bariton. Es hatten sich aber nur die Sandsäcke verschoben, und mit ihrem Gewicht die Wunden beschwert. Vielleicht auch hatte sie nur geträumt. Allein die Schwester beruhigte sie, räumte die Säcke aus dem Weg, brachte ihr eisgekühltes Zitronenwasser und reichte ihr Morphium. Sie war mürbe und trug sich zart wie eine schwanke Wicke im Sommerwind, die ihren letzten Duft, ihre letzte Süße veratmet. „Welch ein Frühbeet von Schwestern!“ dachte Geraldine. Und Guido die große Gärtnerin.
Es gäbe vielleicht keine Ärzte in der Welt, wenn nicht so ziemlich jedermann seinen eigenen Arzt in seinem Innern hätte. Geraldinen war es am folgenden Morgen klar, daß es nur mehr wenig Tage bis zu ihrer Herstellung bedurfte. Bei ihrem Einzug in die Klinik richtete sie fürs erste an alle die Frage, wann sie wieder herauskommen würde, und gleich und auf die Stunde verlangte sie es zu wissen. Nun sie fast keine Schmerzen mehr hatte, erkannte sie mit einem Male, welche Ablenkung sie für sie gewesen waren, und sie vermißte sie; denn diese an sich waren ja auch eine Betäubung gewesen. Und ihr geschah wie dem flüggen Vogel, der wohl am liebsten noch einmal in seine Geborgenheit zurückkröche, bevor er den ersten Flug unternimmt. Draußen wartet seiner die Welt. Das Nest dagegen war ihr entzogen. So dieses Haus. Wie eine Arche zog es über die finsteren Wasser dahin und beruhte in sich. Bald mußte nun Geraldine aus seinem Schutze wieder hervor. Und sie verzagte. Sie bangte nach den wolkenlosen Tagen der Vergessenheit, der Palliative. Sie waren vorbei. Andere Wunden waren nunmehr wieder erwacht, unheilbare, die niemand verband, um derentwillen niemand sie bemitleidete, noch eine Blume schenkte oder sie umgab. Wie ein Himmel, der sich ganz verhängt, und von dem es dann unablässig niederrauscht, umzog sich Geraldinens Gemüt, und erst stoßweise, dann unaufhaltsam flossen ihre Tränen. Zwar konnte sie jederzeit innehalten, und wenn jemand bei ihr eintrat, ganz vernünftig schwätzen. Aber sobald sie allein war, setzte der Landregen wieder ein. Der Geruch der Speisen widerte sie mit jedem Tage stärker an, und sie weinte vor Ekel bei ihrem Anblick, ob sie auch hungrig zu sein vermeinte, bevor man sie ihr brachte. „Kaputt ist kaputt!“ sagte sie zur Schwester, die sich über ihre kaputten Nerven ausließ. Aber vor den alles sehenden Pupillen Guidos redete sie sich auf eine beunruhigende Äußerung heraus, die bei der Morgenvisite zwischen den Ärzten gefallen sei; sie habe sie deutlich gehört. Und sie rückte beiseite, damit Guido sich zu ihr setze, denn sie erbettelte jede Minute ihres Verweilens.
Der Tag verebbte an den weißen Wänden ihres Zimmers, sie standen im Widerschein des umgoldeten Laubes, dann erbleichten sie wieder. Geraldine war schon für die Nacht gerichtet, hielt ihr heiles Knie umklammert und weinte. Die blaue Lampe warf ihren Schein. Niemand störte sie mehr. Da klopfte es an ihre Türe und Guido in Begleitung des Arztes trat herein. Er kam sie zu beruhigen: es handle sich nur um eine vorübergehende Phase und sie würde die Klinik bald verlassen können. Er erinnerte sie nicht daran, daß Schwerkranke in den angrenzenden Zimmern lagen, ohne Aussicht auf Genesung. Ein schwedischer Student war in der Nacht gestorben. Sie aber mußte noch so spät getröstet werden. Ihr Schuldbewußtsein machte sie befangen, sie wußte nicht, was sagen. Die französischen Neuerscheinungen lagen auf ihrer Decke gebreitet. Es war aber derselbe Arzt, der es abgelehnt hatte, sie zu lesen. Scharmante Bücher, bemerkte sie, doch ohne sie ihm noch einmal anzubieten. Doch als er sich jetzt anschickte zu gehen, bat sie mit einer winzigen Stimme um Morphium. Es wirkte nur langsam bei ihr, und bis dahin konnte sie bequem schluchzen.