Fürwahr, sie hatte es gut. Selbst in der Nacht war dieses Zimmer freundlich: der weiße Tisch mit den lichten Messinghähnen für warm und kalt, wie sie es liebte; der magisch sanfte Schein des Seidenschirmes, wie blasser Rittersporn so blau. Die Birne war schwach, aber sie genügte gerade.
Sie dachte an ermordete Freunde, an die grenzenlose Abgeschiedenheit ihrer letzten Augenblicke. Ja, das war die Wirklichkeit! Feige, feige Geraldine! Freunde, besser als sie, waren gegangen, früher als sie, und hatten ihr Tagewerk vollendet. Ihr war noch eine Frist gegeben. Nichts anderes als eine Frist bedeutete ihr Genesung.
Geraldine hörte der Posaunen viele.
Und dann genoß sie doch wieder die tröstliche, verbrecherische Schale der Vergessenheit, und es war alles eins.
Jedoch derselbe Arzt kam tags darauf selbst auf das Thema zurück, und bevor sie ihrerseits sich dazu äußerte, überschlug sie im stillen, wie oft sie schon dasselbe gesagt hatte, sich, und gewiß auch andern zum Überdruß. Innerlich seufzend legte sie über „jene anderen Franzosen“ los, wie sie es drüben über „jene anderen Deutschen“ getan hatte. Es ist nicht mehr zum Anhören, dachte sie dabei. Denn das Wahre, das Rechte, das Richtige, es verträgt nicht unbeschadet die Geistlosigkeit ständiger Wiederholung. Diese schlägt vielmehr den widerlegbaren, den falschen Argumenten vortrefflich an, und entkräftet sie nie; ja sie ist das Geheimnis ihrer Wirkung: immerzu laut ausgerufen schlagen sie ein, und wuchern wie jedes andere Unkraut. Indessen sprach Geraldine von dem versöhnlichen Geist der Intellektuellen, den man unbeachtet ließ; wie unglücklich sind wir über so vieles gewesen, schloß sie mit schier lahmer Zunge, was unter unserem Namen geschah, und heute stellen wir uns unseren Gleichgesinnten gegenüber taub.
„O wirklich?“ sagte er.
Es war aber so ganz und gar derselbe aufhorchende Ausdruck, dieselbe Skepsis, dieselbe sensible Spannung im Auge, mit welcher auch ihre Pariser Freunde „oh vraiment?“ erwidert hatten, daß sie fürwahr nicht nur ein ähnliches, nein! ein identisches Gesicht vor sich sah. Und es war undenkbar, daß mit demselben verschütteten Gefühl, derselben verdrängten Schmerzlichkeit das „oh really?“ eines Engländers, auch des „deutschfreundlichsten“ gefallen wäre. Denn nicht Sympathie oder Abneigung sind hier, wie zwischen andern Völkern, das Hin und Her. Sondern Erotik oder der Haß der Geschlechter, die beseligende Flamme, oder der Atem des Teufels, der über sie hinbläst.
Seit ihrer Krankheit wechselten ihre Anwandlungen schneller als das Licht. Was ließ sie jetzt in einer blauen, spiegelklaren Stimmung untergehen?
Sie hatte unter ihren mitgenommenen Büchern die von Hofmannsthal Anno 1913 so schön und ahnungsvoll eingeleiteten Bände des „Deutschen Erzählers“. Ein paar Generationen alt und schon antik! Verwunschen, unerschöpflich, losgelöst! – Und aus ihrer Welt heraus, ebenso zeitfremd wie sie, war hier ein Deutscher, der Sache so ganz ihrer selbst willen ergeben, daß eine fühlbare Stille ihn umgab, die ihn allem Getriebe entzog. Schlecht oder recht dachte Geraldine, wie ist doch der Deutsche so gründlich! Er ist schlecht fast bis zur Pedanterie, seine Güte ist unwahrscheinlich. Dieser hier stand an der Spitze einer nunmehr so weit gediehenen Forschung, daß sicheren Todeskandidaten eine Anwartschaft, statt auf Rückfälle, auf ein neues Leben verliehen wurde. Da entsann sich Geraldine, was sie sich vorgenommen hatte, ihm zu sagen. „Mich faßt eine wilde Freude,“ sagte sie, „wenn ich an solche Verwirklichungen denke. Denn ein Deutschland als Wohltäter der Menschheit, welch ein Triumph wäre dies! Welch stolze Absage an seine Schuldigen! Welche Ehrung seiner Schuldlosen und seiner Geopferten! Welch einzig würdige Art, der Welt seine Leiden heimzuzahlen!“
Utopien, dachte sie, als er draußen war, Utopien, und weinte in Strömen.