Aber wie eine Bravourarie ging tags darauf das Ausziehen der Fäden vor sich. Rhythmisch flog die Schere durch die Luft und schoß wieder herab. Geraldine gab keinen Laut und staunte.

Eine Woche später packte sie ihre Siebensachen mit Hilfe der Schwester, die französischen Neuerscheinungen obenauf. Dann besann sie sich auf Zahnschmerzen und bat um Morphium für die letzte Nacht. Im Schein der blauen Lampe war sie des Augenblicks gewärtig, wo sie sich entfliehen, noch einmal Urlaub von sich nehmen durfte. Wie ein alter Zwilchrock, der müde vom Nagel hängt, so harrte ja ihr abgelegtes Sein, daß sie es wieder überzog. Nur einmal noch wollte sie das Fest der Trennung von ihm feiern. Als Kind hatte sie sich an Erwachsene geklammert mit der Frage, ob man denn sein ganzes Leben sich selber bleiben müsse, ohne jemals von sich fort zu können, ohne je andere sein zu dürfen. Ihr früher Wunsch war wohl ein Vorgefühl, in welche Zeit ihr Ich hineinwachsen, welche Last es ihr aufbürden würde. Allein die Möglichkeit, die damals verneinte, die gab es dennoch. Schon rauschten ihr die Fittiche entgegen; das Leben war eine holde Landschaft, von verlockenden Linien; Fernen, sie nicht mehr betreffend, nahmen die beiden Länder ihres Herzens auf, deren Not war an Ereignisse gebunden, vergänglich wie sie selbst. In ihrer Wonne ließ sie sich gleiten. Sie sah Gras wachsen über ihr eigenes Grab, und es war alles eins.

Aber dein Kopf liegt in den Kissen schwer zurückgeworfen, Geraldine, und dein Gesicht ist fahl, derweil du dir enteilst, melodischen Ufern entlang, geäugt von Vögeln, deren Staunen Schleier der Lust in deine erinnerungslosen Augen treibt. Sie sind nicht dein! Und dies ist nicht das Leben, sondern dein Erwachen, und dein Wissen um die Außenwelt.

Und tags darauf nahm sie Abschied. Und Guido geleitete sie hinab zu dem offenen Tor, durch das ein Stück Himmel hereinsah. Und wie die Taube, der Arche entsandt, die vergebens spähte, ob die Wasser noch nicht fielen, und die nicht wiederkehrte, so flog sie aus.

Der Geiz

Avec la richesse commence l’avarice, sagt Balzac in seinen Illusions perdues.

Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und außer Molière und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem hochinteressanten Laster eingehend befaßt. Auch soll hier keineswegs von seinen ungeheuerlichen Auswüchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in seinem normalen Verlauf, wie die Ärzte sagen.

Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz „Seele“ (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische Schichten, die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich über das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich ein Milchglas trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er sich klar. Der Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Haß. Aber der Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der von ihm Betroffene ganz im unklaren über sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht überdies ein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die anderen über seine wahren Züge mystifiziert werden. Man denke sich die Freudsche Methode, die meist einer sinnwidrigen Anwendung verfällt, einmal auf verhärtete Geizhälse angewandt. Einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen, würden diese Patienten am Ende gar kuriert vor Schreck über die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen hätten.

Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen – freilich niemals entsprechende – kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie ein anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch – denn er will alles haben – des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich alsbald sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht freigebig, d. h. nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt ihn wie mit eisernen Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem er verfiel, auch äußerlich verrät.

Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind, und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es nicht sein, die sich an ihn herandrängen – seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ –, während er die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennenlernt. Kein Wunder, daß manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch wurde. Es kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er kennt keinen Verfall und er kann nicht sterben.