Für Germaine Stockley

Erst später wurde uns bewußt, was für lustige Leute wir doch eigentlich gewesen sind, als wir zu Hause noch alle beieinander waren. Damals ahnten wir es ja nicht. Wir hielten uns für tragische Figuren, die nur aus Trotz, und um andere hinters Licht zu führen, eine so vergnügte Maske zur Schau trugen, sahen wir doch sogar darin eine heroische Geste, daß wir als halb Abgebrannte immerzu offenes Haus hielten. In Wirklichkeit geschah dies aber nur, weil es uns Spaß machte. Da wir keinem bestimmten Kreis angehörten, hatten unsere Empfänge immerhin die Eigentümlichkeit, daß sie Leute zusammenführten, die sich nicht zu begegnen pflegten, jenem Milliardär Gelegenheit boten, sich, einmal und nicht wieder, mit jenem armen Teufel voraussetzungslos zu unterhalten, und jenem ehrgeizigen und hoffnungslosen Streber, einmal und nicht wieder, mit jenem Staatsmann ein paar Worte zu wechseln. Jedenfalls war es das Unkonventionelle mit all seinen unberechenbaren Möglichkeiten, das uns in Spannung hielt, und es dünkte uns das Monopol und die Romantik unseres Salons, daß er gewissermaßen eine Freistatt war, wo sich Fäden anspannen und Dinge einleiten ließen, deren Tragweite wir maßlos übertrieben. Und so bildete sich eine Protegierader in uns aus, die, anfänglich Spielerei, dann zur Grille wurde und endlich in Manie ausartete. Jedes hatte seine besonderen Schützlinge, zu deren Förderung eine Soiree nach der anderen veranstaltet wurde. Hatte alles geklappt und durften wir still triumphierend wahrnehmen, daß sich das Spiel unserer Intrigen wunschgemäß entrollte, so saßen wir, nachdem unsere Gäste uns verlassen hatten, noch lange über unser Tun wie über dem siebenten Schöpfungstage auf, dramatisierten unsere Absichtslosigkeit und fanden alles gut und höchst merkwürdig, besonders uns selbst.

Nun war es ja schon vorgekommen, daß eine ältere Freundin des Hauses sich am nächsten Morgen wieder hergetrieben fühlte, nicht etwa, wie wir bei ihrem Erscheinen erwarteten, um auf unser gelungenes Fest zurückzukommen, sondern im Gegenteil ihre wohlgemeinten Befürchtungen betreffs unserer so wenig gesicherten Zukunft auszusprechen und von dem Ernst des Lebens sowie unserem Leichtsinn zu reden, der uns die kostbare, enteilende Zeit so vergeuden ließ. Solche Kuckucksrufe wurden ungnädig aufgenommen. Aber im stillen erschraken wir doch sehr vor allem, was uns an die Wirklichkeit erinnerte. Zog sich die eine auf mehrere Tage in ihr Atelier zurück, nahm die andere Orgelstunden, so fing ich infolge innerer Panik sehr früh zu schreiben an. Ich verfaßte sehr schöne Artikel über den Tiefsinn in der Malerei, den Unwert der Renaissance und den Vorteil der Fremdwörter. Unter dem Titel: „Rose la France et Bière de Munich“ tadelte ich den Frankfurter Frieden. Die Redakteure, über die vielen Briefmarken betroffen, mit welchen ich ihre Aufmerksamkeit erzwingen wollte, sandten mir alles ziemlich umgehend zurück. Inzwischen war auch ein Stilleben fertig geworden, und man wußte allerseits nicht mehr recht, was tun. Wir gaben also wieder eine Soiree.

Damals hielt sich eine strahlend junge und strahlend schöne Amerikanerin in München auf. Wenn auch nicht für ewig, so verliebte sich doch jung und alt auf den ersten Blick in sie, und wir pflanzten sie, stets auf das Dekorative bedacht, nicht anders als einen Blumenbusch, mit Vorliebe bei uns auf. Sie war dabei ein harmloses und liebenswürdiges Mädchen, aber von einem geradezu närrischen Snobismus. Obwohl stets ihre Verwandtschaft mit der Prinzessin Pocahontas betonend, imponierte ihr schon jede Baronin. Meistens erschien sie in Begleitung eines nichtssagenden, durch seine Goldplomben wie durch seine ewigen rosa Hemden ermüdenden Bruders. Eines Abends aber – es war gerade vor ihrer Abreise – brachte sie auch ihren Vater mit.

Entschuldige, lieber Leser, wenn ich diesen ehrenwerten Mann gleich wieder stehen lasse, und gestatte, daß ich dir Fräulein Wera Njedin vorstelle.

Ich hatte sie zuerst entdeckt, und sie stand unter meinem ganz speziellen Schutz. Trotz ihrer großen Sprachkenntnisse machte sie den Eindruck einer ausgesprochenen, wenn auch sehr sympathischen Wilden. Dünn wie ein Faden, schwarz wie die Nacht und kreideweiß, war sie von einer intensiven, ja entzückenden Häßlichkeit. Auch sonst machten sie mir zwei Dinge besonders wert: ihre Kunst im Kartenschlagen und ihre wundervolle Stimme. Keine sehr bildbare, leider, und man konnte weniger ihr Talent als ihren Gesang, weniger ihren Gesang als ihre Stimme, und weniger ihre Stimme als ein paar unvergleichliche Töne in der Mittellage rühmen. Mit sanfter, unwiderstehlicher Glut und wie der Leier des Orpheus entblüht, drangen sie ans Herz. Man dachte sich dies seltsame Mädchen inmitten weiter Steppen vor einem Zelt, einem Wachtfeuer, bunte, malerische Volksstämme im Banne haltend, denn ihr Sang hatte dieselbe bühnenfremde Wildheit wie sie selbst. Ihre Laufbahn schien höchst zweifelhaft, ob auch alles darauf ankam. Sie führte ihr sehr reduziertes Erbteil sozusagen in der Tasche mit. Wenn das zu Ende war, dann stand für dies romantische Geschöpf die Welt versperrt. Wera Njedin schien sie zu kennen. Sie machte sich wenig Illusionen. Aber wenn sie bei guter Laune war, konnte sie die Gespenster ihrer Zukunft noch schwarzer und grotesker ausmalen, als sie zu sein drohten, und die lustigsten Fratzen dazu schneiden. Es läßt sich denken, wie sehr eine so gefährdete Existenz unser Interesse erregte.

Kehren wir jedoch zum Vater des „Blumenbusches“ zurück, der allein und gelangweilt in einer Ecke steht. Aus bescheidensten Anfängen – die Verwandtschaft der Geschwister mit der Prinzessin Pocahontas bestand wohl nur mütterlicherseits – hatte er sich zu einer Art Triumvir seiner Vaterstadt emporgeschwungen und ihr schon ein Spital, einen Park und ein Museum gestiftet. Und nun vernahm ich, daß er gerade im Begriffe stand, ihr über Nacht auch ein Opernhaus zu schenken. Dazu war er auf einige Tage nach Europa hinübergefahren.

Ein im Grase kauernder, von Spähern umringter Hase konnte die Ohren nicht bebender spitzen, als ich es da tat. Die Fahne einer neuen Intrige war blitzschnell in mir aufgezogen, das Seil meiner Pläne schon verankert. Wera sollte in einer Luxuskabine nach dem wilden Westen hinüberschaukeln und an der Oper dieses Stadtvaters eine wilde Gage beziehen. Die Schwierigkeit des Unternehmens kannte ich wohl. Denn leider war der biedere Mann von dem äußeren Glanz seiner Kinder so geblendet, und vollends in den Kunstsinn seines rosa und goldenen Sohnes setzte er ein blindes Vertrauen. Dieser hatte sich bereits von einem blutigen Dilettanten, der aber Reichsrat der Krone Bayerns war, beraten lassen. Statt uns zu fragen! Die ganz unbekannte Wera Njedin dagegen wurde von ihm gründlich übersehen. Ohne Anhang und Empfehlung war sie sehr buchstäblich von Rußland herübergeschneit. Auch nicht der kleinste Attaché diente ihr zur Folie. Wie ließe sich da in aller Eile ihr Engagement erreichen? Dennoch mußte es unverzüglich erwirkt werden.

Da kam uns eine geniale Idee. Ihr Notenstand lag am Flügel auf. Geschickt wurde er hinausgeschmuggelt, draußen mit Widmungen versehen und unter einem anderen Schutzdeckel wieder hereintransportiert. Nach einer Weile wurde Wera mit verteilten Rollen von uns interpelliert. Die eine hatte sie zum Singen aufzufordern, die andere in ihren Heften zu kramen und erstaunt auszurufen: „Da hat sich ja das halbe Winterpalais eingetragen! Hommage admiratif du Prince de Boutonoff“ las sie laut und wie um Wera aufzuziehen vor. Auf einem zerrissenen Notenblatt hatte eine Duchesse Alice de Montreuil die Worte: „Pour la voix d’or de ma chère Wera“ eingetragen, und mein spezielles Werk war die auf Tschaikowskys „Sehnsucht“ in zackigen Riesenlettern vor Vornehmheit förmlich baumelnde Inschrift: Ne m’oubliez pas! Anastasie.

Schon trieb der Blumenbusch heran. Weniger naiv maskierte der Bruder seine Neugier mit einem weiten Katzenbogen, bevor er sich näherte. Der Moment zum Probesingen aber war gekommen, ich öffnete den Flügel und bat um Schweigen. Die Gewalt, mit welcher wir unsere Lachkrämpfe auf später unterdrückten, verlieh uns teils todernste, teils bezechte Mienen. Wera, vielfach auf den Fuß getreten, ahnte, wieviel im Spiele war. Sie sang die Arie der Fides mit schmerzerfüllten Akzenten, welche das unverdorbene Herz des alten Selfmade-Amerikaners rührten. Mit ausgestreckten Händen eilte er auf sie zu. Es war erreicht und der Widerstand der Geschwister Pocahontas war gebrochen. Und Wera war engagiert. Ach ja, es waren heitere Tage!