Varramista
I
Durch die Abgetrenntheit der letzten Jahre sind die Völker in allen ihren Eigenheiten charakteristischer sie selbst geworden, als sie es vielleicht je im Laufe ihrer ganzen Geschichte gewesen sind. Alle ihre Äußerungen tragen ein so lokales Gepräge, als ob keine Eisenbahnen wären, und sie sind so stark mit sich selbst beschäftigt, daß ihnen, was sie vorstellen, in demselben Maße entgeht, wie den Außenstehenden, was sie sind. Man muß heute die Nationen aufsuchen, um sie zu begreifen. Der Faszismus spricht italienisch, nur italienisch. Mit dem Auslande, in dem er so viel von sich reden macht, befaßt er sich herzlich wenig. Die faszistischen Zeitungen interessieren sich ausschließlich für die Patria. Kinderkreuzzügler nannte ein florentinischer Witzbold die Faszisten. Wem aber fiele es im Ausland ein, sie so zu benennen? So oder so ist die Bezeichnung vorschnell gewesen; aber mit den Leuten um Hitler oder Leon Daudet sind sie fürwahr nicht zu vergleichen. Die Camiccie nere sind vielmehr wie ein helles Mantelfutter, das nichts von seiner ominösen Außenseite weiß. Ja, die Völker sind heute charakteristischer sie selbst, und was die Italiener angeht, so stieg der Schmutz ihrer Dörfer noch nie so hoch. Dabei hat die Reinlichkeit der italienischen Villa und der Palazzos eine Blume und Poesie, zu der gehalten die Sauberkeit der sauberen Länder gar nüchtern und langweilig erscheint. Aber zwischen den Herrenhäusern und den Behausungen des Volkes ist kein Übergang. Wäre ich Faszist und hätte mit einer Handvoll Leute den großen Kehraus vorgenommen, und wäre ich als neuer Besen in meinem Lande aufgetreten, ich wüßte, was ihm noch obläge: mit eisernem Griffe in alle Straßen und Plätze und Straßenecken hineinzufahren, deren Anblick, deren Befund meinem gesteigerten Nationalgefühl (wennschon) allzupeinlich wäre.
Allem Gottesgnadentum und allen Servilismen zum Trotz waren zwar nicht der Verfassung, wohl aber der Anlage nach diejenigen Länder im vorhinein, bevor es eine Demokratie gab, demokratisch, in welchen das Dorf und die Kleinstadt ihre Blüte erfuhren und der „kleine Mann“ in einem würdigen statt ungefähren Rahmen seine Tage verlebte. Aber eine Hochkonjunktur herrlicher Paläste und herrlicher Dörfer zugleich ist noch nicht dagewesen, und die einen gingen noch jederzeit auf Kosten der anderen. So die, wie in einer Spieloper blitzblanken Ortschaften der heutigen Schweiz, des gestrigen Zentraleuropas, der skandinavischen Länder: als müsse unverweilt eine Musik von Boieldieu einsetzen, oder Zerbinetta, zum Tanze geschmückt, warte nur auf ein Zeichen, um hervorzutreten. Und doch, wie ausdrucksvoll, wie interessant ist gerade der Kopf der Contadina, ihr verlorenes Profil unter dem kleidsamen Schleier, der übrigens das Glanzstück ihres sonntäglichen Staates geworden ist. Sollte er den Faszisten nicht einen Wink bedeuten, zu einer Hebung einer progressiven Aufklärung des niederen Standes zu schreiten? Wie brach liegt da ein weites Feld vor ihnen, denn von ihnen, den Faszisten, reden wir! Der große Anhang, den sie im eigenen Lande fanden, hat seinen besonderen Grund: Die Bewohner der Dreckshäuser, deren Fenster wie schwarze Löcher den im Auto Vorbeisurrenden anstarren, wissen es seit vielen Jahrhunderten nicht anders, als daß es Paläste gibt in ihrem Glanz – und ihre eigene Unterkunft mit all dem Unrat, der sie umgibt. – Sie wissen es nicht anders. Der Gedanke an eine Verschönerung der Lebenshaltung, des Rahmens, in welchem sie sich abspielt, liegt noch weitab. Sie wissen es nicht anders. Hier liegt der springende Punkt. Der Italiener aus dem Volke ist höflich, ohne servil zu sein, er wäre sehr bildungsfähig. Vorläufig ist er leicht erregbar und wild. Der Tiefstand seiner Kaste beruht nicht auf Unterdrückung, sondern auf Vernachlässigung (wie überall hat sich der Bauer schwer bereichert). Nichts ist von so grausamer Trauer wie die italienische Ebene, als wüßte auch die Natur von diesen trostlosen Dörfern. Die Grausamkeit nicht nur der Natur, auch des Lebens selbst brütet über ihre herbstlichen Felder hin. Welkes Weinlaub schlingt sich da von Stock zu Stock, Kränzen gleich über eine Erde hingeworfen, die nur ein Friedhof ist. Wie lachend ist Zentraleuropa, verglichen mit der Straße, die nach Pisa führt! Der Bolschewismus aber in dem sozial so unbalancierten Italien hätte Europa den Rest gegeben. Eine solche Verfinsterung und Vergiftung seines Blutes so nah an seinem Herzen hätte es nicht ertragen.
Fahrten durch italienische Dörfer oder den piccolo borgo boten jedesmal dasselbe Bild: in den Hauptstraßen, und war es noch so spät, stand eine aufgeregte und heftig gestikulierende Menge, von Fahnen umweht (ich sah drei Wochen hindurch die Ortschaften nie anders als beflaggt, alle Fenster bewimpelt). Der Grad der Erregbarkeit dieses Volkes war unschwer zu ermessen: es in die Hand nehmen und auf die Schlösser losmarschieren lassen, um den Besitzern Ovationen zu bereiten, war ebenso leicht, wie dieselben Scharen denselben Weg, jedoch als ebenso viele Brandstifter anzuführen und den Conte oder Marchese niederzuknallen. Als ich den beängstigend langen Zug die Zypressenallee heraufziehen und im Scheine der Fackeln den Riesenperystil und die Boskette belagern sah, glaubte ich wieder alle zu erkennen, die so oder so hätten sein können: bestialische Mörder oder fanatische Beschützer dieses Padrone di casa, der mitten in seinem pranzo unterbrochen und hervorgeholt wurde (just als sollte er aufgeknüpft werden) und – nicht ahnend, daß er noch schutzbedürftig sei, die Evvivas, Alas alas, alalas! seiner Retter schnell gefaßt mit einer Ansprache quittierte. Und dann flossen Ströme von Chianti. Und so machte der Faszismus Karriere. Kunststück! Es ist wahr, daß er Italien gerettet hat. Laßt ihm noch seine kindliche Erpichtheit, es nachträglich Wort haben zu wollen. Das indolente Rom träumte in den Tag, als es plötzlich, von seinen anrückenden Befreiern aufgeschreckt, schnell die Schienen aufriß und sich wie hinter Zugbrücken gegen sie verschanzte. Ohne bedroht gewesen zu sein außer von seinen Befreiern, ward es dann sehr peremptorisch befreit und es gab über Nacht eine Roma Liberata.
II
Wieder fuhr ich zwischen den hohläugigen Häusern der Dörfer dahin, auf der Straße, die nach Pisa führt. Von der aufgeweichten Erde war das Auto überspritzt. Man hätte die Sonnenstrahlen fangen mögen, so schnell erbleichte ihr Gold und schöpfte der Sturm wieder Atem. Denn am Himmel war Krieg.
Die plötzlich auftauchende Gestalt eines Camiccia Nera schreckte mich da – Halt gebietend – aus meinen Novemberträumen. Er streckte den Arm vor mir aus, wie ihn die Legionen des Cäsar zum Gruß ausgestreckt haben sollen, und mit den Worten „Capitano Fascista“ schwang er sich theatralisch und elegant, aber ohne weiteres neben den Chauffeur.
Ich war wieder einmal gerettet.