Und weiter ging’s: rechts der Berg von Lucca, in seiner Vereinzelung die wühlende Trauer dieser Ebene noch mehr akzentuierend. Seitwärts starrte auf halber Höhe das grausame Weiß von Carduccis Heimatsort. Wer mochte diese Felder bis zu ihrem Ende durchmessen? Führte denn ein Weg hinauf zu diesem grellen und gewürfelten Kranz von Mauern? Bogen nicht alle Straßen von ihnen ab?

Mein schlammüberzogener Wagen indessen gelangte nach Pisa, und von neuem, Gott sei Dank, waren wieder Paläste zur Rechten und Paläste zur Linken, oder sogar mitten auf die Straße gestellt, wie um sie zu versperren. Unter einem geklärten Firmament wurde sodann das Grundstück aller Grundstücke erreicht, auf welchem der Campo Santo und die Kathedrale, der schiefe Turm und das Battisterium zusammen stehen.

War ich zwischen den hohläugigen Häusern so vieler Ortschaften gefahren, um unvorbereitet und unvermittelt zu diesen schwebenden Kolonnaden, diesen singenden Säulenreihen emporzusehen, die kein Spiel der Phantasie, kein Abbild je vorwegnehmen könnte? Zum Schächer hatte mich der Anblick all der Dörfer herabgedrückt, dem aber nun die Verheißung sich erfüllte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“

Was begab sich hier und was vernahm das überwältigte Gemüt? Was für Knospen bersteten ihm? Welches „Sesam, tu dich auf!“ ließ Pforten der Hoffnung in ihren Angeln drehen? Ich setzte im Sturm über die Stufen des Turmes, den roten Streifen am Himmel und der spürbaren Nähe des Meeres entgegen. In der Nacht trieb es mich noch einmal zurück. Der Mond war aufgegangen. Der sonst so Teilnahmslose schien mit einbezogen. Auf mein Wort, er spielte voll herab. Ein Campo Santo, eine Kathedrale, ein schiefer Turm? Oft vernommene Worte! Was bedeuteten sie? – Die Harmonie der Sphären, es ist die Sphärenharmonie, von welcher dieser flache Rasenplan mit diesem schiefen Turm, diesem Dom, diesem Battisterium verhaltenen Atems rätselhaft erdröhnt.

Hierher, ihr Kommissionen! Unter diesem Himmel würdet ihr nicht vergebens tagen. Es ist der Himmel desselben Landes, das mit einer solchen Vergangenheit, in Rom das Denkmal Viktor Emanuels, diesen giftig weißen Höllenbraten, ansetzte und heutigentages keine Maler, keine Architekten mehr erzeugt. Wäre es nicht wichtig, die Gründe hierfür zu suchen? – Der Zauber italienischer Kunst lag in ihrer Gedanklichkeit. Weltumspannendes zieht seine Linien in den Madonnengesichtern und macht sie noch zarter, zerbricht sie fast. Wo ist die Seele hin des Jacopo della Quercia oder jenes Ignoto Fiorentino, dessen Bild in den Uffici hängt? Die abgründigsten Stellen der Chaconne von Bach greifen nicht tiefer. Welche Beziehung zur Unsterblichkeit! Und was für Italiener sind das gewesen?

Auch um Siena aufzusuchen, wählte ich eine Vollmondnacht. Der Zug stieg wie zwischen hell beschienenen Vorhöfen des Himmels an, von immer frischeren Winden umstrichen. Und bei der Ankunft ging es erst recht aufwärts, die lange Stadtmauer entlang, zur steil gewundenen Via Cavour, die zur Linken, mit allen Schauern, die herrliche Piazza del Campo in der Versenkung hinter sich läßt. Die Cafés waren noch offen, festlich trieb der fahnenumwehte Faszismus unter dem mitternächtigen Mond. An einer besonders stolzen Kreuzung von Palästen, Standbildern und Säulen warf mich ein pestilenzialischer Gestank aus der Ekstase. Die Spaziergänger schienen ihn nicht zu bemerken. Gemütlich wogte der Korso an einer Passerelle auf und nieder, die zwischen Negerkabusen noch ein Skandal gewesen wäre.

Schauderhafte alte Kokotten kamen die Wunderbauten entlang. War dies das Siena, zu dem ich wie auf Knien gepilgert war? Die Gassen stiegen in ehernen Schleifen zwischen den senkrechten Palästen empor, und es war, als müsse sogleich ein Gipfel, eine Fernsicht kommen. Aber der höchste Platz war ganz von Zinnen und Arkaden und Türmen umstellt, und nur sie und der Dom sahen ins Weite. Er thronte in der Mitte, und seine überladene Fassade (mauvais gout du XIVe oder Restaurierungen?) konnte die Schönheit des Ganzen nicht beeinträchtigen. Ringsum war Leere. Ich stand allein. Unten in der Via Cavour blieben die Cafés noch lange überfüllt, die Lichter und Fahnen in ihrem Braus, und der Gestank der Passerelle inmitten des elegantesten Viertels tobte nach allen Richtungen.

Ich durchschritt ein anderes Siena freilich als das, welches seine Pracht entstehen sah. Allein die Verwandtschaft war nur suspendiert und jederzeit wieder anzutreten. Das reizvolle Lokal, einem hohen Gewölbe ähnlich, in dem ich zu Mittag aß, war von poetischer Sauberkeit, in Zartheit und Geschmack. Ich verließ Siena wie im Traum. Kein Zweifel, es war noch sein altes Tageslicht, derselbe getönte und schweifende Himmel hüllte es ein wie dereinst. Was aber war heute von der großen Gemeinschaft der einstigen Meister Italiens geblieben? Nur ganz vereinzelt, ohne Gefolgschaft der inneren Vereinsamung anheimgestellte Künstler, wie hier Gabriele d’Annunzio, dort Ferruccio Busoni. Der Rest ist die Leere der Straße, die nach Pisa führt. Und der Grund? – Ich will ihn euch ins Ohr sagen: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und Italien war mit Athen, mit Byzanz und dem germanischen Norden aufs bräutlichste vermählt. Wie ein Baum trat es in die überschwenglichste Frühlingspracht. Man reiste damals langsam, es ist wahr. Und dennoch entblühten das Tuchersche Jagdschloß zu Nürnberg, Maria im Gestade zu Wien und die diminutive Maria della Spina zu Pisa einer selben Familie. Denn das nationalistische Schisma hatte noch nicht – in entgegengesetzter Richtung – den Wettlauf mit den Blitz- und Orientzügen aufgenommen. Und für die verheirateten Völker bestand noch nicht, wie heute, die Gefahr, daß die einen in Problematik verarmen und sich zermürben, die anderen in Gesten und Parolen sich exteriorisieren, jedes auf seine Weise sich überschlagen und auf toten Geleisen sich heiß laufen würde. Der Hain der Musen war noch nicht zu einem Theater abgeholzt, auf dessen Brettern die Auftretenden in ihre eigenen Kulissen hineinreden und die Geltung ihrer Worte immer mehr zerschichtet sehen. Die Talente, die noch treiben, dürfen uns über die um sich greifende Wüste, die uns alle bedroht, nicht hinwegtäuschen. Zwar ist der vielgenannte „Untergang des Abendlandes“ kein Begriff, sondern nur ein willkürliches Postulat. Aber die kurzsichtig sich aufwerfenden Abendländer drängten den Gedanken des Abendlandes ganz und gar zurück, statt in ihn einzugehen. Die Vorherrschaft bald dieser, bald jener Abendländer hat die Verwirrung angestellt. Auf diese Abendländer, statt auf ein Abendland, das außer Kraft gesetzt wurde, wäre diese These zu stellen, statt mit einer These, die es nicht gibt, die Unnachdenklichen zu verführen und die Begriffe noch mehr zu verheeren.

Aber laßt mich zurückkehren zur hochgelegenen Villa, die Carducci besang, die sich stolz abkehrt von den Feldern, welche sie beherrscht, und ihre Pinienhaine und Boskette im Auge behält. Laßt mich euch eine Geistergeschichte erzählen, wie ich sie in diesem Hause erlebte.

III