Da wir von Perspektive und von Romantik sprechen, treten wir doch bitte einen Schritt zurück, kneifen wir ein Auge zu, und sehen wir ins Leere, in die Ferne; dorthin, wo sich über den Fluß die massive Brücke schwingt. Denn nicht lange, und der Schnellzug saust plötzlich darüberhin, aus dem Hals der Lokomotive windet sich ein brauner Rauch zur krausen Barocksäule empor, und die locker aneinandergeschmiedeten Wagen rollen fröhlich mit lautem, schnell verhallendem Geräusch und wie ein gefährliches Spielzeug vorbei. Ein kurzer Pfiff, wie ein Angstschrei, und nichts ist mehr, als die schwarze Wölbung eines Tunnels, durch die sie geradewegs ins Innere des Felsens drangen. Und nun meine Zeitgenossen, bitte ich Sie: Ist die Ritterburg, deren efeuumrankter Turm vom Berge niederschaut, suggestiver? Kann sie unserer Phantasie die Seele eines Zeitalters mächtiger, unmittelbarer entgegenhalten, wie der soeben vorübergerauschte Zug, dessen Fenster wir einen Augenblick in der Sonne flimmern sahen? Fühlen wir uns da nicht blitzschnell den vielfachen Existenzen ein, die er dahinträgt, reißt er da nicht unsere Teilnahme zu Schemen des Lebens hin, vertraut und unbekannt – verklungen schon, wie angesichts des verwitterten Burgtores das Bild des Jagdtrosses, der über die Zugbrücke lärmte; melancholischer auch in der zerrinnenden Vielfältigkeit seiner steigenden und fallenden Linien. Denn wie Lose in einer Urne sind unsere Leben in jener kleinen Eisenbahn zusammengeworfen. Wieviel vergrämte, bekümmerte und schwere Herzen trug sie nicht schon dahin! Wieviel Verliebte starrten schon durch ihre Scheiben in die fliehende Gegend hinaus und erfaßten mit magischer Schärfe den Baum, den zuckenden Steg, Dörflein und Wald, während sie doch nur das Bild der Kreatur, an die sie dachten, vor Augen hatten! Verträumte Flammen des Hoffens, der Illusion, von der Bewegung gefächelt, wie Blumen, die im Zephir stehen. Es ist eine Zeit, es ist ihr bewegter, ruheloser Schild, der nachts als funkelnde Schlange mit runden, feurigen Drachenaugen seinen Weg erkannt und viel Romantik in sich verdichtet. Und es ist, als sei nichts klein, als sei alles interessant an den Wesen und ihren Schicksalen, solange die Bahn sie hinträgt und gleichsam dem Alltag entreißt. Nur daß sie noch nicht, wie die viel besungene Burg, ihren Dichter gefunden hat, die eilige Besiegerin der Fernen, die, rastlos, immer auf der Flucht, unsere Epoche gestaltet, deren Schienen unsere Welt aufackerten und uns erst zu eigen machten.
Und ein Ding, so verlockend anzusehen, unterhält so wüste Möglichkeiten; einer so glorreichen Erfindung sollte jener Fortschritt verwehrt bleiben, der sich heute auf allen Gebieten des äußeren Lebens – von dem fabelhaften Aufschwung unseres Schiffahrtwesens nicht zu reden – so glücklich geltend macht. Man fährt schon in Rußland und auf der transsibirischen Eisenbahn sehr angenehm – es ist also möglich. Warum sollten wir hier nicht auch wie in so vielem Vorbildliches stellen? Wie schön, welche Freude wären die Eisenbahnwagen, die einmal ein Künstler wie Adolf Hildebrand entwarf. – Wo sind sie?
„Aber“, sagte mir kopfschüttelnd, mit erhobenem Finger, ein mehrfacher Aufsichtsrat, „sehen Sie denn nicht ein, daß die kolossalen Anstrengungen, welche von seiten der Schiffsagenturen zur Hebung desselben geschehen sind, absolut notwendig waren, um das Verkehrsmittel überhaupt in Schwung zu bringen, und daß es ohne die rücksichtsvolle Behandlung der Passagiere, welche Sie so sehr rühmen, niemals florieren könnte, während unsere Eisenbahnen – ob nun etwas für sie geschieht oder nicht, und mögen sie noch so rückständig bleiben, ja noch unerträglicher werden – einen stets wachsenden Zudrang erfahren werden, da es kein anderes großes Verkehrsmittel gibt – es sei denn das Auto oder der Luxuszug, der ja auch“, schloß er zutreffend und mit einem süffisanten Lächeln, „mehr oder minder nur für Autobesitzer (er war selbst einer) in Betracht kommt.“
Nun möchte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister fragen, ob dies ein anständiges Argument war.
Donaueschingen im Sommer 1923
I
Ich glaubte es meinem Interesse für die Musik schuldig zu sein, daß ich nach Donaueschingen fuhr. Die Hitze war mörderisch, die Züge so überfüllt, wie sie nur hart vor einer Tariferhöhung zu sein pflegten. Der Rauch billiger Zigarren mischte sich in den herrschenden Dunst. Tief verdrossen saß ich in der Dichterklasse. Wo sonst? Zum Lesen war es zu dunkel in der einbrechenden Nacht, die Beleuchtung spärlich wie für Sträflinge, und alles winterlich trübe bis auf die Hitze.
In Titisee wurde die Tür aufgerissen, und es quetschten sich noch zwei junge Leute herein: der eine war blaß und mickerig: erster Handlungsgehilfe, letzter Bankbeamter, man wußte nicht recht. Auch beim andern nicht, dessen hübsches, rundes und zierliches Gesicht bunt war wie eine Forelle.
„Sie Lümmel!“ sagte er plötzlich zu dem bläßlichen Handlungsgehilfen oder Schaltervolontär. „Sie Lümmel! So ein Lümmel!“ Man horchte auf. Denn welch ein überraschender Wohlklang, welch bezauberndes Organ! War er wenigstens ein kommender Bühnenstar, wartete seiner wenigstens ein Ruf aus der Großstadt? Er sprach das reizendste und geschmeidigste Deutsch, aber so blitzschnell, daß vieles, was er sagte, im Geräusch des Wagens und des Gelächters unterging. Wir vernahmen jetzt etwas von einem Onkel, der dem „Lümmel“ einen Dollar schenkte, worauf vier Kellner ausgesandt wurden, um nach den Kursen zu schauen. Hitze, Rauch, billige Zigarren, alles war vergessen: wir saßen im Parkett. Chaplin war nicht anmutiger. Donaueschingen kam nur zu bald. Die anderen lachten vielleicht noch bis Mainz, den ganzen Rhein entlang. Wohin fuhr der junge Mann? Was war er? Vielleicht verkaufte er Handschuhe und Krawatten die Woche über. Seine übersensible Lustigkeit rührte geradezu. Ein Künstler unleugbar, aber der arme Kerl ahnte es vielleicht nicht. Die Laufbahn kam wohl nicht in Frage für ihn. Ja, ja, ein neuer Typ!
Ich dachte noch an ihn, als ich auf dem Bahnhof stand. Donaueschingen lag in tiefster Schwärze. Die drei Personen, die sich eingefunden hatten, mich abzuholen, versicherten mir alle zugleich, sie seien drauf und dran gewesen, im Hotel ein Zimmer für mich zu finden. So war es auch mit jener Dame, die immer so lange Geschichten erzählte, deren Pointe immer war, daß sie fast ertrunken, eigentlich nur durch ein Wunder nicht abgestürzt, bei zweiundvierzig Grad Fieber um ein Haar gestorben wäre usw. Kurz gesagt: das Wort „Privatquartier“ schlug jetzt an mein Ohr, und ich mußte nehmen, was sich mir bot, oder die Krönungsmesse des schon nahenden Morgens versäumen. Um neun Uhr früh, bequem an einen Pfeiler lehnend, freute ich mich zum erstenmal, daß ich gekommen war. Ein feines Städtchen dieses Donaueschingen. Die Solisten sangen so schön und stilvoll, daß ich schon Berühmtheiten in ihnen vermutete, statt dessen waren es Einheimische, deren Namen niemand kannte.