Von der Kirche weg ging alles im Oberammergauer Passionsschritt auf eine stimmungslose Turnhalle zu, in welcher die Konzerte abgehalten wurden. Die des ersten Tages habe ich vergessen. Was den Durchschnitt der Aufführungen überragte, überragte ihn so bestimmt, daß die Besprechungen vermutlich recht gleichförmig ausgefallen sind. So wird jeder Kritiker Hába hervorgehoben haben, aber nicht die überraschende Sinnfälligkeit seines Quartetts im Vierteltonsystem. Durch seine innere Notwendigkeit leuchtete es ebensosehr wie durch seine meisterliche Kürze ein. Denn keine Musik verträgt Längen schlechter als die neue. Wohl haben wir die der nachwagnerischen Programmusik noch voll im Gedächtnis. Aber bei ihnen konnte man einschlafen, seine eigenen Gedanken spinnen. Wir kennen die Klippe der tonalen Kompositionen; die der atonalen heißt Katzenmusik. Mit halbem Hinhören wird man sie nicht los. Mit Snobismen führe hier die ganze Hölle auf. Zwar keimen sie bereits, jedoch – gottlob! – sie wucherten noch nicht. Die Atmosphäre Donaueschingens war noch sehr sympathisch. Der Dollarstand war fern, von Nationalismen keine Rede. Es drehte sich wirklich alles nur um die Sache. Diese Jugend, ganz sich selbst überlassen, war ganz sich selbst. Viel eher schien sie sich der kontemplativen Landschaft anzupassen, so daß ein fast zeitloses Stimmungsbild entstand. Einem jungen Belgier wurde zugejubelt, als gäbe es nur eine Kameradschaft auf der Welt, und als Sieger des musikalischen Turniers ging der Tscheche Hába und der Spanier Jarnach hervor.

II

Ich suchte, außer um mich umzuziehen, tagsüber mein „Privatquartier“ nicht auf. Im „Lamm“ war ein leerer Saal. Dort saß ich am zweiten Nachmittag, als aus einem Nebenraum Musik ertönte. Alt oder neu? Beides, oder weder dies noch das, aber so reich, so ergreifend, daß ich zur Tür ging und sie öffnete: um ein Pianino saß eine kleine Schar, und man probte die Oper eines Komponisten, dessen Namen ich zum ersten Male hörte: Rudi Stephan. Im Kriege gefallen. Natürlich.

III

Daß Jarnachs Quartett den Glanzpunkt des letzten Tages bildete, auch dieses werden sehr viele geschrieben haben, denn es konnte kein Zweifel darüber bestehen. Zu wenige aber bemerkten vielleicht, daß hier ein wahrer Schüler Busonis die Probe seines Talentes gab. Der wahre Schüler ist immer nur der, welchem sein Lehrer Wegweiser, aber nicht Gängelführer bleibt. Wie es des wahren Schülers ist, seine eigenen Wege auf der ihm gewiesenen Bahn weiter zu verfolgen, so des wahren Meisters, jene Bahn zu brechen. Mit dem so viel gebrauchten Worte „Anreger“ scheint mir bei Busoni entschieden zu wenig gesagt. Man mag sich zu ihm stellen wie man will, heute schon gebietet sein Werk vor allem Distanz; diese aber, finde ich, wird nur von den paar ganz erlesenen Kennern eingehalten. Bei den anderen vermisse ich sie. Distanz schließt die Kritik nicht aus, ist aber immer eingedenk. Busonis Tragik liegt darin, daß er sich wieder an den Anfang aller Dinge stellte, keiner in unseren Tagen machte es sich so schwer. Vielleicht ist es schon für Jarnach eine Lust zu komponieren: seinem edlen Kolorit, seiner bedeutenden Sprache ist die Arena geöffnet. Armer Busoni! Wie rührend ist er, wenn er feiert! Die Schauer der Angelangtheit, jener Orgel-Tokkata, „Bach-Busoni“ überschrieben, weihevoll wie ein erhobener Kelch, die göttliche Melancholie, der er in seiner Tokkata frönt, und sein Perpetuum mobile, in welchem Seite achtunddreißig mit einem Male die Flöte Pans einsetzt – wie selten sind die Feste, die er sich gewährt. Seine wahren Schüler haben es schon leichter. Gerodet liegt das unbetretene Land vor ihnen, die Ufer von Gestrüpp frei.

IV

Es dalberte der Satrap von Donaueschingen – laßt ihn uns so nennen – im Grase seines Gartens mit den Musikern herum. Er hatte sich aus Zeitungspapier einen Helm gedreht, und den Musikern desgleichen. Dann hieß es: Augen links und stramm gestanden unter dem Papierhut, und so wurde die Parade abgenommen. Ja, und so lobe ich mir das Militär.

V

Aber es kam noch viel schöner. Am letzten Abend, als alle Konzerte glücklich hinter uns lagen, standen im Kurhaus noch einige Gelegenheits-Kompositionen Paul Hindemiths in Aussicht. Man saß bei Wein oder Tee und Kuchen, als das Amarquartett mit der bescheidenen Bitte aufzog, man möge eine Weile nicht servieren; sie gedachten noch einiges zum besten zu geben.

„Es darf nicht serviert werden!“ rief in unbändiger Fröhlichkeit der Satrap durch den Saal. Und nun ertönte als erstes ein Militärmarsch, ein Militärmärschlein sage ich, ein goldiges Militärmärschli, dessen geringelte Ritornelle, dessen Ringelschwänzchen von einer Ritornelle die ulkigste, witzigste, übermütigste und zugleich saftigste Verhöhnung war, welche militaristischer Dünkel und Stupidität jemals erfuhren. Der Komponist spielte in sich hinein, machte seinen runden, lustigen Kopf, und sooft die Ritornelle seinem Bogen entquirlte, ging unwiderstehliches Gelächter durch den ganzen Saal. Oh! Hätte man solchen Rattenfängern von Hameln eher gelauscht!