Vielleicht würde es mir mit dem Mailänder Dom ähnlich ergehen.
Allein ich kam über den Krankheitsherd seiner Fassade nicht hinaus; die schönen Paläste, die sich auch hier vorfinden, kommen dagegen nicht an. Die in Triangelform ausgehauene Schweizer Stickerei, welche sie überragt, schlug eine Dominante für Mailand an. Sie ist heute noch verantwortlich für gewisse Hüte, Kleiderarrangements, Farbenzusammenstellungen, Loggien und Neubauten, denen man anderorts nicht begegnet, denn sie hat fortwirkend das Auge der Mailänder so sicher gefälscht, wie sich das der Venezianer bildete. Die ärmste Frau aus dem Volke hüllt dort bis an das Ende der Zeiten ihre ungefähre Kleidung in das Dekorum eines schwarzen Schals, zum Zeichen, daß sie einen höheren Rang einnimmt als die Kollegin, welche in Schürze und Kittel zwischen scheußlichen Mietskasernen ihre Sohlen schief tritt, während die Elektrische hinter ihr daherpoltert. Ihr Bewußtsein ist ein Reflex der Wundergassen, durch die sie wandelt. Er leuchtet von den beseelten Stirnen der venezianischen Kinder. Laut sind nur die melodischen Rufe der Gondoliere. Man erschrickt hier vor groben Stimmen, oder sie wirken komisch.
Für den Militarismus freilich war diese Stadt wie jede andere lediglich eine Zielscheibe für erfolgreiche Bombenwürfe, und nichts könnte ihn besser kennzeichnen, als seine Kanonenauffahrt gegen ihre Fragilität. Von seinen Bekennern sagte ich ja schon, daß ihre Nasen stumpf ausliefen, wie die Nasen der Hunde, ebenso unfähig wie Hunde, den geistigen Gang der Dinge zu spüren.
Ich schreibe diesen Brief im Abendwinde der Piazzetta, nach einem ersten flüchtigen Rundgang in den giardini publici. Dort stehen ein halb Dutzend Gebäude oder mehr den Bildern aller Länder gastlich, allzu gastlich offen. Die schon geäußerten Erwägungen drängen sich von neuem auf: Überschüssiges, Ausschußware, als eine Folge der Quantität, die sich auf Kosten der Qualität behauptet, infolgedessen höherer, nicht zu vermeidender Ramsch auch hier. Die guten Bilder, oder wenigstens die guten Künstler, auch die guten Plastiker kannte man.
Überall läuteten schon die Wächter den Schluß der Ausstellung ein, sehr verfrüht, wie mir schien, aber sie waren es wohl müde, vor so viel Bildern herumzustehen. Gott, o Gott! Was sollte ich über diese Ausstellung schreiben? „Ich komme schon!“ rief ich, England durchrasend, dem Türhüter zu. Nach Holland fliehend, läutete mich schon wieder einer hinaus. Aber ein erster Rundgang sollte es ja sein. Also rasch nach Ungarn, dazu reichte es noch. –
Seid mir gegrüßt, ihr Glocken!
Ich stand wieder auf dem Vaporetto; konnte es etwas Überwundeneres geben, etwas, das sich in dem Maße überlebt hatte, etwas den Bildern selbst Unzuträglicheres, wie solche Massendarbietungen? Nur Separatausstellungen haben noch einen Sinn. Der Eindruck einer Überzahl von Bildern verschiedensten Ursprungs hingegen ist dem eines großen Geschreies vergleichbar. Wir möchten uns die Ohren zuhalten: sie reden alle zugleich und fallen einander ins Wort, wobei die Unwichtigsten, wie das so geht, am lautesten sind. Welch eine stillere Kunst fürwahr ist die Musik! Und wäre es nicht an der Zeit, solche Bilderparlamente ein für allemal zu schließen? Hier geht es doch wirklich nicht um Demokratie. Lohnt es sich, so weise man diesen und jenen Malern einen Raum. Wenn nicht, so mögen sie erst ausreifen, sofern sie das Malen nicht aufstecken; jedenfalls verschone man uns mit ihrem Lärm. Auch dem Nichtssagenden, wie allem, was es gibt, hat der Weltkrieg neue Lichter aufgesteckt. Vor Leuten, von welchen sich einer acht Jahre früher anöden ließ, ergreift er heute erschrocken die Flucht, und die Menschengruppen sondern sich heute reinlicher ab, es ist wahr.
Montag, 26. Juni
Wieder auf dem Vaporetto. Nur für Stehplätze an der Sonne ist noch Raum, einer Julisonne kann man wohl sagen, und es ist Mittag. Mein Sonnenschirm ist an der Grenze geblieben, und mein Fächer im Hotel. Es fällt mir plötzlich ein, daß man damals, als es sich noch ausbreiten konnte in der ganzen Welt, und seine Schiffe in allen Häfen einliefen, so oft sagen hörte: Deutschland müsse seinen Platz an der Sonne haben und er sei ihm verwehrt. Barmherziger Gott! Wie ist es heute zusammengepfercht! Warum ich gerade heute so viel hinüberdenke? Ist es das überfüllte Boot?
Es glitt den Canal Grande entlang, und das Auge stillte sich an den unsterblichen Palästen, den gewaltigen wie den schmächtigen, der Musik ihrer Formen, dem Zusammenklang ihrer Farben; denn sie sprachen zu ihm. Ja, es fühlte sich angerufen von diesen geschwungenen Brücken, sie fingen an, ihm die intimste aller Gefolgschaften zu bilden; diese Gassen, in den Gewässern aufgetan, die Stufen, die hinab in ihre Stille führten, und ihre Pforten, so traumhaft umspült, sie zogen alle mit ihm; und die Gärten, die Mauern, tief von den Ästen überhangen, und jene Kinder dort, zwischen den Säulen der Terrasse, so schlank, so zart gekleidet, und die so still hielten ... Und die berückende Dame, die uns in ihrer Gondel kreuzte, deren Rosenherz vorfrüh gebrochen ist, und lange vor Sommers Ende den Herbst erlebte. Welcher Stoß hat es getroffen, und wird es sich erholen? Sie gibt die schweren Kelche ihrer Augen, die von der Süße und Qual der Rosen beladenen, dem Lichte preis, fesselnder in ihrem unverminderten, doch schon verfallenen Zauber, wie alle Jugend. Sie ist vorbeigezogen.