Am Rialto gab es ein Gedränge. Doch jetzt saß ich am äußersten Ende des Bootes. Das Glück stieg und schwellte in mir empor, und ich gewährte ihm ganz. Wir hatten im Schatten angelegt, und vor mir war ein schwerer Palast, die rostbraunen Gardinen herabgelassen. Aber ein Luftzug bewegte sie; sie blähten sich wie Segel, bereit, dem Winde zu folgen. Warum erhöhte sich da meine Lust? – Die Welt ist nie so heimatlos, Venedig noch nie so kostbar gewesen.

Ich hatte beim Einsteigen den Corriere della Sera erstanden, aber vergessen, ihn zu lesen. Er glitt jetzt von meinen Knien zu Boden, und ich hob ihn auf. Zuoberst auf der ersten Seite standen die Worte: Rathenau assassinato. Sie setzten das Auge unverzüglich außer Spiel und schalteten es aus. Von all den Palästen sah es keinen einzigen mehr.

Fürwahr, ihr Freunde, ein wunderbarer Richter ist der Tod. Mit zeitloser Geschwindigkeit hat er die Maske von uns gerissen, die Schale zerbrochen und den tauben oder süßen Kern in uns geprüft und kundgetan. Da sind „gute Bekannte“, von deren Sterben man Notiz nahm, ohne mit der Wimper zu zucken; da ist ein anderer, scheinbar Fernerstehender, dem wir durch die Umstände oder durch gewisse Eigenschaften, die uns in Schach hielten, nie wirklich nähertraten. Und da trifft uns sein Tod wie der eines nahen Freundes, als hätten wir ihn immer geliebt. Es zeigt sich, daß alle seine Schuldscheine zerrissen, jeder Schatten durch starke Wesenheiten überboten sind, und es will plötzlich nicht mehr gelingen, uns seiner Fehler auch nur zu entsinnen. Was ist geschehen? Es gibt Fehler, die nichts Inherierendes sind.

Rathenau gehörte, wie der während des Krieges verstorbene Robby Mendelsohn, zu den ganz wenigen feudalen Juden, die in Deutschland zu finden sind. Hier ist der Punkt, wo jeder Mensch von Ressentiment (sei es aus Rasse oder sonstigen Gründen) ihn mißverstehen mußte. Undenkbar – denn es war nichts Kleinliches in ihm, nicht einmal in seiner Eitelkeit –, daß er den Nekrolog geschrieben hätte, der ihm von Harden zuteil wurde. Selbst was er Richtiges enthält, ist daneben. Rathenaus Ehrgeiz war ohne eine Spur von Subalternität. Als er zur Regierung gelangte, zeigte es sich, daß er nicht nur seinem Talent, sondern auch seiner Natur nach dazu berufen war. Dies gab seiner Gestalt das ungemeine Relief: mochte er diesen oder jenen Fehler begehen, er war an seinem richtigen Platz. Und die antike Glorie seines Todes entsprach ihm wirklich.

Daß er übrigens bis in das Jahr neunzehnhundertundachtzehn an den Sieg Deutschlands glaubte, habe ich von ihm selbst anders gehört. Im Frühjahr neunzehnhundertundsechzehn besuchte er mich einmal in München, im Herbst desselben Jahres fuhren wir die Strecke Romanshorn-Buchloe zusammen, im Januar neunzehnhundertundsiebzehn sah ich ihn zum letzten Male in Berlin. Es war hier und dort fast dasselbe Gespräch:

„Lassen Sie heute die Hände“, sagte er, „von der Politik. Sie ist des Teufels Kessel. Sie wissen nicht, was vorgeht, und Sie können nicht dagegen an.“

„Warum tun Sie nichts?“

„Weil nichts zu machen ist, die Dinge müssen ihren Lauf nehmen. Erwarten Sie immer das Ärgste, und Sie werden es noch übertroffen sehen. Es gibt keine Dummheit, die man unterlassen wird. Den Unterseebootkrieg? Ja, der kommt auch,“ fuhr er in seiner gleichmäßigen Stimme fort, „und dann der Krieg mit Amerika. Und zuletzt wird man ihn verlieren. Auch das.“

„Das sagen Sie,“ rief ich, „und sehen zu?“

„Weil alles vergebens ist. Später, viel später erst, werde ich vielleicht eingreifen können. Ich warne Sie“, fing er wieder an – und nahm seine Belehrungen wieder auf.