Seine Worte, meine Unfähigkeit, die Lage zu übersehen, bedrückten mich schwer. Doch ich hielt an meiner Hoffnung an ein baldiges Ende fest. Dieser Allesbesserwisser! Gottlob, daß er nicht recht zu haben brauchte.

Den Hakenkreuzlern ins Stammbuch

Kein Glaube hat sich als so ominös erwiesen, als wie der Glaube, das auserwählte Volk zu sein. Ihm wurde auf Jahrhunderte der Fluch des Ghettos zuteil, der auf den größten aller Morde zurückführt. Seht ihr nicht, wie sich für eure Verblendung und eure Missetaten über eure Köpfe hin das Ghetto profiliert, das euch abseits stellt? – Kein Mord bleibt ungesühnt, auch wenn der Täter entwischt. Haken-Kreuzler in der Tat!

Zum Wandel der Zeiten

Das jüdische Problem ist reich an Geheimnissen. Auf vielfache Weisen, auch auf Weisen, die wir vielfach übersehen, tritt es immer stärker in den Vordergrund. Vielleicht sind gewisse typische Christusmenschen jüdischer Abkunft das Unverjudetste, was es gibt. Ihrer wurden in Deutschland während der letzten Jahre eine Anzahl um die Ecke gebracht. Ist da nicht der Moment gekommen, uns über die Juden zu äußern, statt diese ausschließlich von sich reden zu lassen? Man gestatte es uns ganz ohne Empfindelei: es ist immer so langweilig, was ein Volk über sich selber sagt. Räumen wir auch mit allen gefälligen Fiktionen auf, als sei der Haß der Juden für uns in Frage. Vielmehr bildet die Attraktion, welche unsere Typen, je ausgesprochener sie sind, auf sie ausüben – das Wort ist heraußen –, einen Bestandteil des Rätsels, dessen endliche Lösung mit unserer endlichen Erlösung insgeheim verwoben ist. Aber die Judenfrage ist eine Christenfrage. Das Wort ist nicht von mir.

Man mißverstehe nicht absichtlich folgende einfache Bemerkungen zum schwierigsten aller Themen: Wie jeder hochgezüchtete Deutsche das lebendige Gegenteil ist von einem Boche, also ein Anti-Boche, so ist nicht nur der Unterschied, sondern der Gegensatz zwischen dem losgelösten und dem, was wir den stofflichen Juden nennen wollen, so groß, daß wir in jenem den eigentlichen Anti-Semiten erkennen dürften. Freilich nicht nach Art der Haken-Kreuzler, die das Verjudetste sind, was es heute gibt. Man kann es ihnen nicht oft genug wiederholen, auch wenn sie einen dafür auf ihre Liste setzen.

Tags zuvor 25. Juni, Sonntag

So schön sah ich Venedig noch nie! Es schimmerte von weitem, das Schiff hatte eben vom Lido abgestoßen, und der Himmel verdunkelte sich, aber ein magischer Umsturz aller Farben – dem Fabelreiche entnommen – setzte sich in Szene. Einer Laune folgend, schien die Sonne ins Meer hinabzufahren, um aus den Tiefen zu dieser Stadt emporzuleuchten, daß sie in pfirsichgelbem, in grünstem Gold erglühte, ermattete. Ein zartes Rosa schlug melodisch an, eine Kuppel trug sich, Feuer fangend, wie ein Edelstein, und vor den toll erblauenden Lagunen fuhren Türme leidenschaftlich auf. Venedig zuckte, flammte und erlosch, von einer schwarzen See verschlungen. Das Vaporetto, allen Ufern entzogen, vom Sturme eingehüllt, wurde der Schauplatz eines Wolkenbruches und war so dicht besetzt, daß keiner von seinem Heringsplatz wegrücken konnte. Ströme liefen den Längsseiten entlang und gurgelten in die Schuhe. An der Peripherie stehend und vom Wind halb erstickt, erhaschte ich gerade noch meinen Hut, als er über Bord fliegen wollte. Von allen Köpfen rann das Wasser. Da schlug ein Blitz wie ein Riesenschwert hart am Schiffe vorbei in die Wellen, und im selben Augenblick setzten Rufe und Wehklagen von Frauen und Kindern ein, das merkwürdigste Lamento, einem Sirenengeheul nicht unähnlich. Was jetzt vor sich ging, war die regelrechte Generalprobe einer großen Panik; denn das Schiff hatte keinen Schaden erlitten. Es schien zu stoppen, legte aber langsam die gewohnte Straße zurück, und nur der Gedanke an den Untergang löste also diese Angst und dies rührende Flehen der Kinder aus, die, an ihre Mütter gepreßt, unausgesetzt nach ihnen riefen. Väter waren plötzlich etwas Unvorhandenes in der Welt. Aber dieser Präventivjammer, war er nicht seltsam angesichts der Tatsache, daß wir in einer viertel Stunde landen würden, während Schiffe, die solche Klagetöne entsandten, zu Tausenden untergegangen waren mit Menschen, welche auch vermeinten, ihnen könne und dürfe dies nicht widerfahren, und mit demselben starken Willen wie hier sich an das Leben klammerten, bevor sie ertranken. Und waren wir darum weniger Kandidaten des Todes, weil jetzt das Schiff ohne Havarie das Ufer erreichte, der seltsame Choral verstummte und Gelächter sich vernehmen ließ, als sei alles gewonnen? Dem Wolkenbruch war ein heftiger Regen gefolgt. Meinen Hut, der einer ersäuften Ratte glich, in der Hand haltend, stürzte ich blindlings auf einen offenen Eingang los. Es war die dem Landungsplatz gerade gegenüberliegende Pforte des Hotels Danieli. Ein großer, breitschulteriger Herr starrte mich an, als sei der Genius des Regens durch den Schornstein zu ihm hereingefahren. Dann aber geleitete er mich, ohne eine Frage zu stellen, die Treppe hinauf, schloß eine Tür auf, läutete einer Cameriera, die alle meine Sachen mit fortnahm, und ich war allein in einem großen Doppelzimmer, das plötzlich stockfinster wurde, weil jetzt der Blitz irgendeine Leitung beschädigte, so daß alle Klingeln und alles Licht im Hotel versagte. Nun war ich bis zu diesem Tage mit meinem Italienisch pompös ausgekommen. Vergessene Worte aus meiner Kindheit waren mir in Scharen wieder zugeflogen. Und ich fing sie ein, wie sie gerade kamen, duzte groß und klein, weil mir die Verben nur en gros einfielen, spickte sie dafür mit magaris und c’è casos und ma comes und ma ches, alles in rüstiger Bearbeitung, wie frische Salatblätter, und mit einer so draufgängerischen Volubilität, als müßte mir doch endlich jemand sagen: „Nein, wie Sie gut italienisch reden!“ Allein, das neueröffnete Konto meines Wortschatzes hatte angesichts des Bewußtseins als Dachrinne, statt, wie es in meinem Biglietto gratuito stand, als „critica del Berliner Tageblatt“ in questo albergo aufzutreten, eine plötzliche Sperre erlitten. Während ich zähneklappernd durch die strahlende Halle vorüberströmte, hatte mir zwar meine rinnende Stirn noch einige Kontenance gegeben. Als ich aber zwei Stunden später, nach Verbrauch vieler Handtücher, in getrockneten und heiß gebügelten Kleidern und mit einem menschlichen Angesicht im Bureau des Hotels bei dem breitschulterigen Herrn vorsprach, da war mein Italienisch, wie der Federkranz auf meinem Hute, von mir weggeweht, und gefaßt, aber in einem fürchterlichen Kauderwelsch erkundigte ich mich nach dem Preis. Ma niente! sagte er, ganz Kaufmann von Venedig und mit einer Geste, welche diese ganze Stadt zum Hintergrunde hatte.

Mit der Hitze ist es übrigens, wie ich vermutet habe. Heiß ist heiß und kalt ist kalt. Mehr als heiß kann es nicht geben, und ein Eisenbahnwagen in der Sommersglut zwischen Offenburg und Frankfurt bietet nicht die Spur größerer Kühle als Verona um dieselbe Jahreszeit.

27. Juni, Dienstag