Jedoch der Übergang zu ihr schien mir beschwerlicher als sonst; und lebendiger freilich, doch scheinhafter auch dünkte sie mir; und wesenhafter jene Schatten als wir beide, der Weg zu ihnen der direktere, wenn auch ungangbar; und unsere Gemeinschaft wie unser Zusammensein, ob es auch alle Saturnalien des Todes in Nichts zerstreute, war ephemer; Cassildas Nähe war illusorisch. Denn unübersteiglich dumpf und trennend war die Welt der Körper. Die ganze Kälte und Abgetrenntheit, der sich jedes einzelne Wesen überantwortet sieht, ging mir auf, während Cassilda sich schläfrig redete und dann vom Bett herunterstieg, um ihr eigenes Zimmer wieder aufzusuchen.

Nacht für Nacht verging in dieser Weise: erst der ausgedehnte Abend mit Rita, welche die Scheite und Pinienzapfen entfachte, unser Abschied an der Tür, sodann das lange Gegenüber, das schweigsame Duell bis zu den Morgenstunden, der schwere Schlaf bis in den Vormittag. Zuweilen das Auftreten der ruhelosen Cassilda, unsere Gespräche unter dem Baldachin, bis sie den Fuß zu Boden setzte und mich verließ. Ich merkte die Kurve jener Nächte nicht sogleich, noch das verminderte Grauen, mit welchem ich mich dem Saale zurückwandte, wenn Rita entschwand, noch daß mein streitsüchtiger Arm erstarkte. Sondern wie ein Stoß traf mich die aufgekeimte Sympathie. – Es war nicht nur die Müdigkeit, welche das Auge immer erloschener in den Tag hineinsehen ließ, den ohnehin so trüben Novembertag. Sondern sie hatten auch ihren sehr vernehmlichen Lockruf, diese Nächte, und ihre gefährliche Lust. Wie löste sie den blinden Drang, nur ja zu leben, nur ja nicht zu sterben, wesensverschieden von den Gestorbenen zu sein! Und nun – statt des Sturmes und der Furcht – orphische Schwingungen herüber und hin. – Aber plötzlich, war es Ungeduld, Widerwille oder Scheu? – zerriß ich alle Fäden, die fein wie Spinnweben nach mir zogen, und von einer Stunde zur anderen war ich entschlossen, diesem Hause zu entfliehen. Um Mittag stand mein Koffer bereit, triumphierend hatte ich ihn abgeschlossen; da ereignete sich ein Zwischenfall, der mich noch für eine letzte Nacht in diesem Zimmer zurückhielt und zugleich meinem Aufenthalt in der „Italia liberata“ einen unerwarteten Abschluß verlieh.

IV

„Heute wird nicht gefahren!“ rief Cassilda in den Saal, „es sind vier deutsche Studenten angekommen, zu Fuß, von Rom. Und wie abgerissen sie sind! Aber ihre Schuhe werden im Dorfe frisch besohlt! Sie übernachten in der Fattoria, und sie wollen uns vorsingen heute abend.“ Ihr melodisches Lachen hatte einen metallnen Sprung wie eine Glocke. „Nein, wie sie essen können!“ brach sie aus.

Mein erster Impuls war, mich vor diesen deutschen Studenten zu drücken. Ich fand es nicht am Platze, ich fand es nicht an der Zeit, daß sie gerade jetzt und ausgerechnet dieses Land auf solche Weise bereisten, Obdach erbittend von Ort zu Ort, in Scheunen nächtigend (und was für Scheunen!) oder dann auf Gutsherrschaften nach dem Ökonomiegebäude mitleidig verwiesen. Konnte man besiegter auftreten? Zum Teufel auch! Man schuldete etwas seiner Vergangenheit! Entstammten sie nicht einem stolzen Volk? Es hatte nicht mit zagen Bettlerschritten auf diesem Boden vorzudringen gepflegt! Und war ihre Rolle nicht neu? Was besaßen sie für Gründe, sich so unschwer in dieselbe zu finden? Aber natürlich mußte ich helfen, sie zu empfangen.

Übrigens – dem einen oder anderen wurde wohl bei einem Baumeister auf dem Reißbrett zu schaffen gegeben; aber Studenten waren es keine, und ihre Naivität schien entschuldbarer, sobald man sie sah. Auch deutete nichts darauf hin, daß sie seit einem Vierteljahr zumeist auf dem Stroh italienischer Bauernhöfe schliefen, sondern sauber und adrett, ja schmuck, bei aller Dürftigkeit, standen sie abends zur Serenade aufgepflanzt, vornean der Lautenspieler, blond wie Dornröschen und das Gesicht schneeweiß.

Der Tenor mit seinem schmalen, fahlen und windschiefen Kopf schien auf ein romantisches Erlebnis mit Rübezahl zurückzuschauen und immer noch daran zu denken; der dritte glich auf ein Haar dem braven Knappen Fridolin, und nur der vierte, ein Magdeburger, war Realpolitiker.

Durch das offene Fenster leuchtete im Kerzenscheine der weiß gedeckte Tisch, Gläser, noch mit Chianti gefüllt, halbgeleerte Riesenschüsseln mit Makkaroni. Es war ihre vierte Mahlzeit. „Bevono poco, ma che appetito!“ berichtete der Verwalter. Sie standen in Hausschuhen. Ihres Stiefelwerkes hatte sich der Herzog angenommen. Bis zum nächsten Mittag sollten sie es gesohlt zurückerhalten. Cassilda war guter Dinge. Melodisch schlug die zersprungene Glocke ihres Lachens an. Die Luft war lau. Wir saßen in Tüchern und Mänteln um das Ökonomiegebäude gruppiert. Durch das immergrüne Laub der Bäume sah der Mond. Und das Konzert begann. –

Selten hatte ich etwas so Erschütterndes gehört. Wie aus einem Wunderhorn ergoß sich der Wohllaut dieser staunenswert geschulten Stimmen. Wälder fingen an zu rauschen, verzückte Büsche über den Vater Rhein gebeugt, Kähne von Wellen hoch emporgehoben, Seen der Gebirge; blanke Scheiben einer Herberge dem müde Gelaufenen entgegenfunkelnd ...

Es mehrten sich jetzt unter den Bäumen magisch angezogene Gestalten, sie traten näher, standen unbeweglich.