Ich achtete nicht mehr der Lieder, sie waren nur noch die Begleitung zu dem Sturm in meinem Innern. Wie aus einem tiefen Brunnen tauchte ich empor, als die Sänger innehielten. Man umringte sie, von allen Seiten kam Applaus. Der Nachtwind strich unter einem milden Himmel, Kerzenschein flackerte über den Tisch, welcher die Platten, den Chianti, die halbgefüllten Gläser trug; alles war wie in einer gesitteten, idyllischen Welt. Nur ließ der Magdeburger seine Kameraden nie zu Worte kommen.
Nach einer Weile wurden sie gebeten, weiterzusingen. Ich saß zwischen der Mutter des Herzogs, einer Französin, und einer jungen Deutschen in Schwesterntracht, die unter ihrem Häubchen mit runden Augen Welt und Dinge betrachtete. Der Lautenspieler mit dem schneeweißen Angesicht wartete auf ein Zeichen des Magdeburgers, bevor er in die Saiten griff. Die Aussprache der vier war nicht sehr deutlich. Nur das Wort Kikeriki kehrte jetzt nach jeder Strophe vernehmlich wieder. Plötzlich gerieten die Schatten unter den Bäumen in Bewegung; einige traten mit fast drohender Gebärde vor. Was ist das für ein Lied? fragte ich die kleine Diakonissin. Sie kannte es gut. Kikeriki sei der Spitzname der Italiener während des Krieges gewesen. Ein Kriegslied also! – Es schien ihr spaßig. Zum Glück ging seine Pointe unserem Halbkreis verloren, und es wurde geklatscht. Nur der Herzog sah wie mit versteinerter Pupille geradeaus.
Eigentlich schienen die drei den Magdeburger gar nicht zu mögen. Aber man erlebte jetzt ein Stückchen deutscher Geschichte: nämlich sie gehorchten ihm doch.
„Bis daß das Auge bricht, bis daß das Auge bricht“, hieß der nächste Refrain. Entgeistert lehnte der junge Lautenspieler an der Mauer, und ferne war sein Sinn. „Bis daß das Auge bricht, bis daß das Auge bricht“, sangen die vier, als läge in der Vorstellung etwas, worin sie schwelgten. „Comme c’est triste“, sagte die Mutter des Herzogs. Unter den Bäumen aber waren keine Schatten mehr zu sehen.
„Ich verstehe nur die Ritornelle“, sagte ich leise zur Diakonissin.
Die war schon wieder im Bilde. „Schießen tun sie, bis daß das Auge bricht“, sagte sie und lachte schelmisch. Sie fand nichts dabei. „Bis daß das Auge bricht“, sekundierte die Laute mit unerhörter Melancholie. Dann schloß das Konzert mit einem Hoch auf den Herzog. Ich mußte noch hören, wie der Magdeburger ihm versicherte, sie fänden überall eine so gute Aufnahme; bei den Bauern jedoch würden sie erst gefragt, ob sie wirklich Tedeschi seien, denn wenn sie Francesi wären, wiese man sie vor die Türe. Über diesen seinen Beitrag zur Politik war er sichtlich befriedigt. Cassilda lachte. Ihr konnte es egal sein. Mir war es zuviel. Ich floh in den Park. Sein Dunkel nahm mich auf. Wie der rasende Ajax, ein pazifistischer Ajax, köpfte ich Sträucher, schlug auf die Hecken wie auf einen imaginären Konferenztisch, traf drakonische Maßregeln, untersagte und befahl. „Ich habe keine Lust an Völkern“, schrie ich die Pinien an. Und kein Angehöriger eines fremden Staates durfte mir auf drei Generationen bei Verlust aller Ämter eine Landsmännin heiraten. Noch am Traualtar war sie von seiner Seite zu reißen. Wie besinnungslos fuhr ich in die Äste, teilte das Gezweige rings um mich her, als sähe ich schon hier in diesem Lande die Mädchen nicht nur schön und liebenswürdig, sondern auch wieder versonnen, wieder unschuldigen Auges und gedankenvoll wie seine Madonnen von einst. Und als sähe ich schon berückend unkonventionell gewordene Französinnen, komplett aus der Art geschlagene Engländer und weltkundige Deutsche die ihnen verlorengegangene Welt nicht zurückerobern, sondern zurückgewinnen. Nichts stünde dann jener Stunde der Einkehr mehr im Wege, in der sich jede Nation auf die innerhalb ihrer Grenzpfähle begangenen Infamien, auf die Niederlagen ihrer Gerechten, auf die Triumphe ihrer Lügner und Verhetzer als der einzigen Schmach besänne, welche sie treffen kann. Das Tausendjährige Reich wäre jede Stunde einzuläuten. Aber es geschehen keine Wunder dem Verblendeten, um ihn der Hölle zu entreißen, die er sich bereitete. Noch immer litt das Himmelreich Gewalt.
Wo aber sah ich den Weisen, ach, der noch Hoffnungen frönte? Er kehrt sich ab, begibt sich seines Anteiles und glaubt nicht mehr an diese Welt. Doch wehe, sie ist die unsere! – Wie ihr heutiger Zustand Werk und Schlagwort einzelner ist, so könnte nur Wort und Tat einzelner ihre Rettung bereiten. Wenn sie auch nicht die Saat aufschießen sehen, die sie streuen, noch die Mühle, an der sie mahlen. Der Tod wird sie erlösen. Denn die Not dieser ohnmächtigen Zuschauer ist nur vergleichbar mit der des Schemen, das in seinem Drange, vielleicht sich kundzugeben, vielleicht zu rufen, doch ohne einen Laut, uns anblickt vielleicht, doch ohne gesehen zu werden, flehende Arme vielleicht nach uns ausstreckt, durch die wir schreiten als durch leere Luft. Wie vorstellbar war doch mit einem Male ihre heiße, verzehrende Wut!
Der Park war jetzt in Nacht versunken. Nacht hing an den Zweigen, kein Gesang durchbrach sie mehr, die Vögel, die Schlangen, die Bäume, sie waren eins, sie ruhten. In dichte Wolken hatte sich der Mond gebettet, kaum ein hellerer Schein dort, wo er schlafend lag. Unenträtselt fügten sich die Rhythmen der Gestirne, spielte sich dem Auge der Marsch der Sterne ab, geheimem Schlüssel entspannt.
Ich eilte dem Hause zu. Finster die Terrasse, leer die Halle. Wie lange war ich verweilt?
In meinem Saale aber entsandten die Flammen des Kamins ihren warmen Hauch bis zu den sonnenfarbenen Stühlen. Sie standen erwartungsvoll. Rita hatte es aufgegeben, auf mich zu warten, aber Spätrosen auf den Tisch gestellt; ein Rosenstrauch leuchtete im Schein des Feuers. Ich sah mich um. Von neuem rauschte draußen der Regen. Bitterkeit und Süße wellte jetzt empor und ließ mich die Arme ausbreiten. Zum Fest war die pulsierende Luft um mich her. Hoch ins Leere aufgerichtet unter köstlichen Schauern lauschte ich ihr von meinem goldenen Bette entgegen. Die im Park ausgekostete verwandte Qual, sie war es, die wie mit Leierklängen die Schatten dieses Saales versöhnte. Blumenleicht! Wie von Blumen war die Schulter umweht, milde und barmherzig unser Abschied, als seien wir uns teuer geworden.