Nachmittags bei der Fürstin, in der Hoffnung, ihre nüchterne Atmosphäre würde mir Ernüchterung bringen.
„Et la Calicie“, sagte sie. „Ah! ils se valent bien tous, allez!“
Mir wurde nicht besser, und ich ging.
Über der Kornhausbrücke hing sehr niedrig eine Mondsichel, so wunderbar ausgeprägt, so sprechend, so beseelt, so festlich!
27. MÄRZ. Nicht nur in meinem, nein, ich darf es sagen: mehr noch im Namen der vielen in Deutschland (oder der wenigen, gleichviel!), welche sich nicht äußern konnten, wollte ich gegen die neueste Kraftprobe der Herren Militärs protestieren, und es dabei genau so halten wie die oberste Heeresleitung, nur umgekehrt: das heißt mit eben derselben Arroganz über militärische Notwendigkeiten hinwegsehen, wie sie über menschliche und moralische. Meine Wohnung aber, meine Sachen, meine zurückgelassenen Briefe, ein gewisses Schlößchen im bayrischen Vorgebirge, das selbst mitten im Kriege so zauberhafte Kreise zog, dies alles sah ich vielleicht nicht wieder. Und, die Trennung von meinen Freunden, meine Geborgenheit? Hier war ich so fremd! Warum aber verhielt sich dies alles bleich, ohne Licht, unvorhanden, ohne Resonanz, da mir doch wohl bewußt war, daß es wieder in ganzer Kraft ausziehen würde? Wie jene rein umrissene und sehnsuchtsvolle Mondsichel, die gestern über der Brücke so tief am Himmel hing und ihn beherrschte. Was weiß er noch von ihr, sobald die Sonne brennt? So waren alle Beweggründe, die mich zurückhielten, von einer stärkeren Forderung entkräftet und verdrängt.
29. MÄRZ. Kaum war an diesem 29. März mein Protest an das Journal de Genève abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale übler Vorbedeutung, die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein umstellt halten, auf einem Rad, als hätte es höchste Eile, entgegensauste.
30. MÄRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbühne die Kulissen: Verstummtes, Unterdrücktes belebt sich aufs neue, findet wieder Farbe und Gestalt.
31. MÄRZ. Eine Antwort. Schon! — „Die vielen Zuschriften, der Raummangel . . . meinen Brief jedoch gedächte man zu bringen.“ Es steht nichts von einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen fahre ich nach Genf zu Romain Rolland.
1. APRIL. Sonntag. Unter strömendem Regen bin ich nach Champel gefahren. Rolland wußte schon, warum ich kam. Er war zufällig auf der Redaktion gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt für dessen Veröffentlichung.
Ich sprach dann beim Journal de Genève vor und erwirkte, daß der Protest am übernächsten Tage erscheinen würde. Somit war die Sache erledigt, und ich ging.