Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft, aber See und Himmel strahlten in frühlinghafter Bläue. In mir derselbe jähe Szeneriewechsel.
Ein erstickend schwerer Vorhang riß magisch in die Höhe. Nicht der Salève, der sich hier an allen Straßenecken türmte, sondern die bayrischen Berge in ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und die betrübten und bestürzten Mienen meiner zurückgelassenen Freunde. Es war die Trennung von ihnen, das Exil. Drüben im Vorgebirge das Schlößchen, das wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten träumte, die schöne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort verbrachten Herbst- und Sommerwochen.
Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer erkaufte Ruh!
4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie Rolland, den er immer anschwärzt, sich verhielt.
5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den Mut zu finden, es zu entfalten.
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Ich übergehe die nächsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfaßt, um Gemütsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch. Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird härter. Nur im Hinblick einer Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstärkter Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen zum Schicksal überhaupt, dürfen wir dabei verweilen. Kein größerer Wahn als der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen seinen Genüssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele Männer oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren überstand, nein, sondern wer die Gefährlichkeit des Daseins, dessen Gefährdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablässig bereitet und immer die Hefe zurückläßt, um sich neu zu mischen, nur wessen Auge geschärft wurde für die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der weiß über diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewußtsein — bitter wie die Aloe —, daß er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging, anderen nicht zur Lehre dienen wird.
Das erste war übrigens, daß mich die Fürstin ans Telephon rief: „C’est désastreux! quelle folie!“ sagte sie unverblümt; und als ich sie besuchte: „Je dis ce que je pense, mais est-ce que j’écris, moi? — Pas si bête!“ empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee.
Dann aber kam Besuch: eine offiziöse Engländerin, deren Mann mit atrocités allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich einluden. Wie schwül mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich gehörte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Fürstin mich mit einer ihrer Brüskerien zurückhalten konnte, war ich ausgerissen und die Treppe hinabgeeilt.
Fortunio, der mir auf der Straße begegnete, nahm dieses typische Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saßen zusammen, als Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwärme, die unbedingt etwas anderes scheinen möchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit entgegenstreckend, brachte er mir rückhaltlose Schmeicheleien zu herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fühlte, wie bitter sie mir mundeten, lenkte das Gespräch auf andere Dinge.