Da sie genug mit einander hätten geredet von mancherlei, da wollt der Peter sie versuchen, und sprach zu ihr: „Edelste aller liebste schönste Magelona, ihr wisset, daß ich von euert wegen lang aus bin blieben von Vater und Mutter. Darum, aller liebstes Lieb, dieweil ihr des ein Ursach seid, wollt ich euch bitten, ihr wollet mir erlauben, heim zu reiten, so es euch gefiele. Wann ich bin es sicher, daß sie große Sorg und Schmerzen für mich tragen, dieweil sie nicht wissen, wo ich bin. Ich mache mir auch solcher Beschwernis ein Gewissen.“ Solches tät der Peter allein, zu erfahren, wie sie sich darinne wollt halten.
Als die Schön Magelona hätt vernommen ihres liebsten Peters Rede, stunden ihr alsbald die Augen voller Wassers, und begunnten die heißen Zähren, ihr das schöne Angesicht naß zu machen, und verwandelt sich all ihr Farbe, und ward ganz bleich. Und sprach mit schwerem Seufzen und Weinen zum Peter: „Fürwahr, aller liebster Peter, alles das, so ihr mir gesaget, ist wahr und billig. Wann die Natur gebietet, daß sich der Sohn gebe untertan und gehorsam dem Vater und Mutter, damit er nichts wider sie handele, das ihnen entgegen sei. Aber mich tut beschweren, daß ihr euer aller Liebste wollt hinter euch lassen, die ohn euch weder Ruh noch Rast mag haben in dieser Welt. Ich laß euch auch fürwahr wissen, so ihr von mir hin ziehet, ihr werdet balde von meinem Tod erfahren; also durch euert wegen werde ich sterben. Darum, mein aller liebster Herr und Freund, ich bitte euch freundlich, ihr wollet mir euer Hinziehen nicht verbergen. Wann als bald ihr hinziehet, will ich mich auch darzu schicken. Wann ich weiß wohl, daß ich nicht lang darnach werde leben; also wäret ihr ein Ursach meines Todes. So es aber vonnöten ist, daß ihr hin ziehet, bitte ich euch freundlich, mein aller liebstes Lieb, ihr wollet mich mit euch nehmen, und nicht hinter euch lassen zu meinem großen Schaden.“
Als nun der Peter die Schöne Magelona kläglich höret reden, ging es ihm nahe zu Herzen, und gedauchet ihn, sein Herz wolle ihm in seinem Leibe springen. Und saget zu ihr: „Ach, Magelona, mein aller liebstes Lieb, weinet nicht, und bekummert euch nicht mehr! Wann ich hab mir für gesatzet, nimmer aus diesem Lande zu ziehen, sondern das Ende zu erharren, wie es mit uns ergehen werde. Ich wollte auch den Tod viel lieber leiden, dann euch verlassen. So ihr aber mit mir wollet, so seid sicher, daß ich euch in aller Zucht und Ehr will führen, und stäte halten die Zusage, die ich euch getan vor dieser Zeit.“
Als die Schön Magelona solches von dem Peter verstund, ward sie wieder erfreuet, und saget zu ihm: „Mein edeler Herr und Freund, dieweil ihm also ist, als ihr anzeiget, so rate ich, wir ziehen von dannen aufs Kürzest und Heimlichst, so es geschehen mag. Von wegen zweier Ursachen: die erste ist, daß es ist zu besorgen, ihr werdet verdrossen, länger zu verziehen, und daß ihr endlich kein Lust mehr hättet, hie zu bleiben, und zöget hin und ließet mich hinter euch. Die ander ist, daß mein Vater mich willens hat, in Kürze zu verheiraten und vergeben. Daraus ich empfinde, daß er mir eher wird den Tod geben; wann ich will keinem andern vertraut sein dann euch. Darum, mein aller liebstes Lieb, bitt ich euch freundlich, ihr wollet aufs Kürzest dartun und Mittel suchen, damit wir mit einander hin kommen; wann hie länger zu verziehen, möchte uns schädlich sein. Wann ich hab mein Herze ganz in euch gesatzet, daß ich euch nimmer wollte verlassen. So habt ihr auch gesaget, ihr wollet mich züchtiglich und ehrlich halten bis zu unserm Verlöbnis.“
Da fing der Peter auf ein Neues an, schwur und verhieß ihr's, also zu halten. Also beschlossen sie, den dritten Tag nach dem ersten Schlaf mit einander hinweg zu ziehen. In dem sollt sich der Peter schicken mit aller Notdurft, und sollte kommen mit den Pferden zu dem kleinen Pförtlin bei dem Garten und allda ihr harren. Sie bat ihn auch fleißig, er wölle gute starke Pferd mitbringen, damit sie auf das Schnellest aus dem Lande ihres Vaters kämen. Wann sie sprach: „So mein Vater solches inne würde, so wird er uns nach folgen; und so er uns überkäme, so besorge ich, er würde uns beide töten lassen.“
Also nahm der Peter Urlaub und seinen Abschied von der Schönen Magelona, und bat sie freundlich, sie wölle geschickt sein, und nicht lang verziehen. Von diesem Rat und Beschluß wußte die Amme gar nichts; wann sie war nicht darbei gewesen, als sie es beschlossen hätten. Auch wollte die Schön Magelona nicht, daß sie es sollte wissen. Wann sie hätt große Sorg, sie würde es nicht verschweigen, sondern solches verhindern; darum hielt sie es heimlich. Der Peter ging also von ihr hinweg in seine Herberg, und schicket alles, das ihm vonnöten war, doch verborgen. Und ließ seine Pferd auf das Beste beschlagen.
Wie Peter die Schön Magelona hinweg führet.
Nun, da es kam um die bestimmte Zeit auf den ersten Schlaf, kam der Peter zu dem Pförtlin des Gartens mit dreien Pferden, unter welchen eines war geladen mit Wein und Brot und ander Speise auf zween Tage, damit sie nicht durften Essen suchen oder Trinken in den Herbergen. Er fand die Schöne Magelona ganz alleine, die hätt zu sich genommen Gold und Silber, was ihr vonnöten war. Und saß auf ein schönes gutes englisch Zelterlin, das da sanft ging von Vorteil. Darnach saß der Peter auf ein schönes gutes Pferd, und ritten beide eilends ohn Abstehn die ganz Nacht über, bis daß der Tag anbrach.
Da nun der Tag kam, suchet der Peter die Hölzer gegen dem Meer zu, damit sie nicht gesehen würden von jemand, und damit man von ihnen nichts möchte erfahren. Und da sie nun tief genug im Holz waren, da hub der Peter die Schöne Magelona von dem Pferde herunter, und zog hernach den Pferden ihre Zäume ab und ließ sie weiden und grasen. Und ging er und sie sitzen auf das grüne Gras unter einen Schatten. Und sagten von ihrer Abenteuer, und baten GOTT fleißig, daß Er sie wolle beschützen und endlich führen, da sie hin begehrten, ihr Fürnehmen zu verbringen. Und als sie beide lang mit einander hätten geredt, da überkam die Schön Magelona großen Willen, zu schlafen und ein wenig zu ruhen, wann sie hätt die ganze Nacht nicht geschlafen, auch war sie müde worden von dem Reiten. Also leget sie ihr Haupt in des Peters Schoß und fing an zu schlafen.