Wie man das Hinwegziehen des Ritters und der Schönen Magelona erfuhr, und wie sie an allen Orten gesucht wurden.

Als es nun Tag worden, kam die Amme in die Kammer der Schönen Magelona, und tät allda lange Zeit verharren, wann sie vermeinet, sie schliefe noch. Und da sie sah, daß die Zeit vorüber war, in der sie gewohnet war, auf zu stehen, gedachte sie, dieweil sie also lang verzöge, sie würde schwach sein. Also ging sie für das Bette, da fand sie niemand, sondern das Bette war noch unzerbrochen, daran man kein Zeichen finden mochte, daß etwann wer darinne gelegen. Des erschrak sie sehr, und gedacht in ihr selber, daß sie der Peter hätte hin geführet. Und ging als bald in die Herberg des Peter, und fraget nach ihm; da erfuhr sie, daß er hin war. Da fing die Amme an, sich so jammerlich zu stellen, daß sie vermeinet zu sterben. Und ging als bald in der Königin Kammer, und saget ihr, wie sie die Schöne Magelona hätte gesuchet in ihrem Bette, aber hätte sie nicht gefunden, sie wüßte auch nicht, wo sie wäre.

Als solches die Königin von der Ammen höret, erschrak sie und ward zornig, ließ sie überall suchen, so lang, bis solches der König erfuhr. Und kam das Geschrei, der Ritter mit den Schlüsseln wäre hinweg. Da gedacht sich der König, der Ritter hätte sie mit sich hin geführet. Und ließ der König als bald mit Macht auf bieten, nach zu folgen und zu suchen; und so man den Ritter überkäme, gebot er, man sölle ihm ihn lebendig bringen. Wann er wollt ihn strafen, damit die ganze Welt darvon wüßte zu sagen.

Da nun die Untertanen hätten verstanden den Willen ihres Herren, gingen sie heim. Und nahmen ihr Harnisch und Waffen, zerteilten sich hin und wieder auf dem Wege und suchten mit großem Fleiß. Und blieben der König und die Königin unmutig bei einander; wann der ganze Hof ward betrübet, in Sonderheit die Königin; die wollt verzweifeln und schrie und weinet gar jammerlich.

In dem schicket der König nach der Ammen, und saget ihr: „Es mag nicht gesein! Du mußt etwas darvon wissen, daß dann kein Mensch!“ Da fiel die gute Amme dem König zu Füßen und sprach: „Aller gnädigster Herr, so ihr in mir möget finden, daß ich in dieser Sachen einerlei schuldig bin, so bin ich zufrieden, daß ihr mich lasset töten eines grausamen Todes, wie ihn euer Hof erkennen wird. Dann als bald ich solches erfahren, hab ich's meiner gnädigen Frauen, der Königin, angezeiget.“

Da ging der König in sein Gemach, aß und trunk nichts den ganzen Tag vor Trauern. Es war auch erbarmlich, zu sehen der Königin Wesen, samt anderen Jungfrauen und Frauen des Hofes, auch durch die ganze Stadt Neapel.

Nun suchten die Untertanen hin und her treulich, aber sie konnten nichts finden, noch erfahren von den Zweien. Und kamen also eines teils in sechs Tagen wieder, die anderen in fünfzehen Tagen. Erfuhren und funden nichts, darum der König fast zornig ward.

Nun wollen wir hie verlassen, weiter von dem König zu sagen; und wollen uns wenden, zu sagen von der Schönen Magelona, die da lag im Holze und schlief.