Wie die Schön Magelona lag auf des Peters Mantel und schlief, und da sie erwachet, da fand sie sich alleine in dem Holz.

Als nun die Schön Magelona nach Lust hätt geschlafen, (wann sie war müde und hätt die ganze Nacht gewachet, des sie nicht gewohnet war), wachet sie auf, und gedacht, sie wäre bei ihrem aller liebsten Peter, und vermeinet, sie hätte ihr Haupt in seinem Schoße. Da saß sie auf und saget: „Mein aller liebster Peter, ich habe wohl geschlafen, ich glaube gänzlich, ich habe euch verdrießlich gemachet.“ Und sah um sich, so fand sie niemand. Sie stund auf und erschrak sehre, fing an, mit lauter Stimme zu rufen durch das Holz: „Peter! Peter!“ Aber niemand wollte ihr antworten.

Da sie niemand höret noch sah, wäre nicht Wunder gewesen, daß sie von allen ihren Sinnen kommen wäre. Da fing sie an zu weinen, und ging also durch das Holz rufen: „Peter! Peter!“ als laut sie immer rufen mochte. Da sie nun lang hätt gerufen und gesuchet, da ward sie heiser im Halse von dem Rufen, und stieg ihr ein Schmerz und Wehe in das Haupt, daß sie vermeinet, allda zu sterben. Und fiel also in einer Ohnmacht auf die Erden, als wäre sie tot.

Darinne blieb sie eine lange Zeit, und als sie wieder zu ihr selber kam, da setzet sie sich nieder, und fing an die jammerlichsten Klagen, die je ein Mensch gehöret. Und saget: „Ach, mein aller liebster Peter, mein liebstes Lieb und Hoffnung, wo hab ich euch verloren! Warum seid ihr von mir geschieden, und habt mich also verlassen, euer getreue Gesellin? Ihr wisset doch wohl, daß ich ohn euch nicht habe wollen leben in meines Vaters Hause, da ich also reichlich gehalten ward. Ach wehe und aber wehe, wie möget ihr gedenken, daß ich möge leben in dieser Wildnis und Wüsten! Ach wehe, mein edelster Herre, in welcher Irrung gehet ihr um, daß ihr mich also verlassen habet in diesem rauhen Busch, darinne ich eines jammerlichen Todes sterben werde! Ach wehe und aber wehe, was habe ich euch zu Mißfallen getan, daß ihr mich habt geführet aus meines Vaters Haus, des Königs von Neapel, mich also in großen Ängsten und Schmerzen zu töten! Habt ihr doch mir also große Liebe erzeiget! Ach, mein aller liebster Peter, habt ihr an mir etwas gefunden, das euch nicht hätte gefallen? Fürwahr, ich hab mich zu viel gegen euch entdecket. Ich hab solches getan aus großer Liebe, die ich zu euch getragen habe; wann nimmer mehr kommet mir ein Mensch also tief in mein Herze als ihr. Ach, edelster Peter, wo ist euer Adel, wo ist euer edels Herze, wo ist euer Glauben und Zusage! Fürwahr, ihr seid der greulichste Mensch auf Erden, der je von einer Mutter geboren ward, wie wohl mein Herze nichts Böses von euch kann und vermag zu sagen. Ach wehe, was kann ich mehr für euch tun! Fürwahr, ihr seid der ander Jason, und ich die ander Medea.“

Ging also verzweifelt hin und her und suchet den Peter durch das Holz, und kam, da sie die Pferde fand. Als sie die Pferde ersah, da fing sie an, auf ein Neues zu klagen und weinen. Und saget: „Fürwahr, mein aller liebster Peter, ich erkenne itzt, daß ihr nicht mit Willen seid von mir geschieden; des bin ich ganz sicher. Ach wehe, mein getreuer Liebhaber, und ich Ungetreue, daß ich euch also geschmähet habe! Darum mein Herze betrübet ist bis in den Tod. Ach, welch Abenteuer hat uns von einander geschieden? Seid ihr tot, warum bin ich mit euch auch nicht tot! Fürwahr, es ist keiner armen Tochter nie ein so groß Unglücke wider fahren als mir. Ach Glücke, du verfolgest itzunder nicht die Getreuen und Frommen, und je höher die Personen sein, je mehr du mit ihnen zu kriegen hast. O gütiger GOTT, der Du bist ein Licht aller Ungetrosten und Verlaßnen, ich bitte Dich, Du wollest mich arme Jungfrauen trösten. Behalte und behüte mir meine Sinne, meinen Verstand und Vernunft, damit ich nicht verliere Leib und Seele! Lasse mich sehen meinen aller liebsten Herrn und Gemahel zuvor, ehe ich sterbe! Ach wehe, möchte ich erfahren, wo er wäre. Und so ich ihn wüßte zu Ende der Welt, ich wollte ihm nach folgen. Ohn allen Zweifel glaube ich, diese Widerwärtigkeit hat uns geben der Böse Geist, dieweil unser Lieb ist nicht gewesen unordentlich noch zerbrochen, und dieweil wir nicht haben willigen wöllen in seine böse Anfechtung. Und halte es darfür, daß er ihn darum geführet habe in ein fremd Land, unser beider guten Willen zu brechen.“

Solche Wort saget die Schön Magelona in ihr selbst und beklaget ihr Unglücke und ihren aller liebsten Peter. Ging also hin und her durch das Holz wie eine verlassene Frau, und horchet, ob sie etwas möchte hören nah oder weit. Darnach stieg sie auf einen Baum und sah sich um, ob sie möchte etwas sehen und erkennen, und sah nichts auf Erdreich, dann Holz am Land und Port des Meers, und auf der andern Seiten sah sie nichts anders, dann das tiefe Meer.

Also blieb die Schön Magelona ganz traurig und beschwert diesen ganzen Tag ohn Trinken und Essen. Da nun die Nacht kam, suchet sie einen großen Baum, auf den stieg sie mit großer Marter und Pein. Darauf blieb sie die ganze Nacht sitzen, aber sie ruhet und schlief wenig; wann sie hätt große Sorge vor den wilden Tieren, die würden ihr einen Schaden zu fügen. Und also vertrieb sie die ganze Nacht: itzt weinet sie, darnach gedacht sie, wo er möchte hin kommen sein, und darnach gedacht sie, was sie tun wölle, oder wo hinaus. Wann sie hätt sich in ihrem Herzen für gesatzet, sie wölle nicht wieder heim ziehen zu Vater und Mutter, wann sie forcht den Zorn ihres Vaters. Und beschloß endlich bei ihr selbst, sie wölle ihren aller liebsten Peter suchen durch die Welt.

Wie die Schön Magelona herab stieg von dem Baum und kam, da sie die Pferde fand, band sie auf und ließ sie laufen.