Als nun der Tag herfür brach, da stieg sie vom Baum und ging an den Ort, da sie die Pferde fand, die da noch angebunden waren, band sie auf mit weinenden Augen und saget: „Als ich in mir gedenke, wie euer Herr ist verloren und mich in der Welt tut suchen, also will ich auch, daß ihr in die Welt laufet, wo ihr hin wollet.“ Und zog ihnen die Zäume ab, und ließ sie also laufen durch das Holz, wo sie hin wollten. Und ging darnach also lang im Holze, und suchet einen Weg, bis sie fand die Landstraße, die da ging gen Rom.

Und da sie sich auf der Landstraßen fand, wandt sie sich wieder bald dem Holze zu und suchet einen Ort, wo es dichte war, und setzet sich hinein. Der Ort war hoch gelegen, darum sie möchte sehen, wer hin und wider ginge; aber sie mochte man nicht sehen. Da sie nun eine Zeit lang da blieb, da sah sie auf dem Wege eine Pilgerin kommen.

Der rufet sie zu ihr; die kam als bald und fraget, was sie begehre. Da bat sie die Pilgerin, sie wölle ihr geben ihren Rock und die anderen Kleider um ihre schönen Kleider. Da solches die Pilgerin höret, gedacht sie bei sich selber, sie wäre nicht alleine im Holz ohn Leute, und vermeinet, die Schön Magelona spotte ihr. Und sprach: „Gnädige liebe Frau, so ihr wohl bekleidet seid, sollt ihr darum der armen Leute Christi nicht spotten! Wann solcher schöner Rock, den ihr an traget, zieret euch den Leib; aber mein Rock, hoffe ich, werde mir meine Seel zieren.“ Da sprach die Schön Magelona zu ihr: „Mein liebe Schwester, ich bitte dich, du wollest keinen Verdruß haben. Wann ich sag es aus gutem Herzen, und will gerne mit dir frei markten.“

Nun, als solches die Pilgerin verstund, daß sie redet aus einem guten Herzen ohn allen Spott, da zog sie sich aus und gab ihr die Kleider, des gleichen die schön Magelona die ihren; und bekleidet sich mit den Kleidern der Pilgerin also wohl, daß man ihr nicht viel von dem Angesicht mochte sehen. Und was sie nicht verbergen mocht, da nahm sie einen nassen Speichel und Erdreich und beschmieret sich, damit sie nicht erkannt würde.

Wie die Schön Magelona gen Rom kam in der Pilgerin Kleidern, und wie sie ihr Gebet tät vor dem Hohen Altar von St. Peters Kirchen.

Die Schön Magelona nahm ihren Weg gen Rom in diesen Kleidern, und ging also lang, bis sie in die Stadt kam. Als bald sie dar kam, ging sie des ersten Gangs in Sankt Peters Kirchen. Und kniet für den Hohen Altar und fing an, inniglich zu weinen und seufzen. Verbracht also ihr Gebet, und saget: „O allmächtiger ewiger GOTT, Jesu Christe, der mich hast aus Deiner Mildigkeit gesatzet in große Lust, und hast mich zu gesellet dem Edelsten dieser Welt, den ich mehr geliebet habe dann kein Mensch, und durch Dein Macht und Gewalt hast verschaffet, daß wir von einander sein geschieden durch Abenteuer; mein GOTT, es ist unser Sünden Schuld, dieweil wir Sünder sein. Jedoch, o allmächtiger, ewiger GOTT, es gedünket mich, Du solltest ihn mir nicht geben haben, dieweil Du mir ihn wieder hättest also wollen nehmen. Hierum bitte ich Dich aufs Demütigest bei Deiner Menschwerdung, als Du uns gleich bist worden, doch ohn alle Sünde, und durch Dein milde Barmherzigkeit, es sei Dein Willen und Gefallen, Du wollest mir meinen aller liebsten Peter und Gemahel wieder geben, dem ich durch Dein Göttliche Schickung bin verehlicht worden. O Du gütiger Jesu Christe, der Du bist ein Tröster aller Betrübten, ich bitte Dich, Du wollest diese, Deine arme Tochter, trösten! Wann ich wende mich zu Dir aus gutem Herzen und Willen. Ach, Du gütiger und getreuer GOTT, ich bitte Dich, Du wollest behüten meinen aller liebsten und getreuesten Gemahel Peter, der Dich in allem seinem Tun und Wesen hat geehret. So er lebendig ist, Du wollest verhelfen, daß er zu mir komme, und ich zu ihm! Und daß wir hinfür mögen unser Leben enden in gutem Frieden und getreuem Sakrament der Ehe! Hilf, daß wir nicht also verloren um ziehen in dieser Welt! Hilf, daß unser getreue Lieb nicht also schnödiglich verloren werde! Erzeige uns beiden Dein milde Barmherzigkeit!“

Als sie ihr Gebet hätt also vollendet, da stund sie auf, und wollt in ein Herberg gehn. Da ersah sie ihren Vetter in die Kirchen treten, der da war ihrer Mutter Bruder, und sie tät suchen in großer Ehr und Gesellschaft. Darob sie sehr erschrak, doch nahmen sie ihr nicht wahr; wann es kunnt sie unter ihnen keiner erkennen in dieser Kleidung. Und ging also wie eine Pilgerin in das Spital. Darinne blieb sie fünfzehen Tage wie eine arme Pilgerin, und ging alle Tag in die Kirchen Sankt Peters und verbracht allda ihr Gebet in großer Traurigkeit und großem Weinen. Und verhoffet, GOTT der Allmächtig würde sie endlich erhören.

In dem, als sie allda blieb, da fiel ihr zu, sie wölle in das Land Provincia ziehen; wann sie verhoffet, da von ihrem aller liebsten Peter desto eher etwas zu hören. Und beschloß also bei sich, und machet sich auf den Weg, und zog also lang, bis sie kam in ein Stadt, genannt Genua. Da erfraget sie den Weg gen Provincia, welcher der kurzest und sicherst wäre. Und ward ihr geraten, sie sölle auf dem Meer fahren; der Weg wäre der kurzest und sicherst.

Und als sie an den Port des Meeres ging, da fand sie zu allem Glücke ein Schiff ganz zubereit, das wollt gehn zu einem Port, genannt Toten-Wasser. Sie überkam mit dem Patron und zog mit ihm darhin. Als sie nun darhin kam, da ging sie eines Tags durch die Stadt wie eine arme Pilgerin. Da rufet ihr eine fromme Frau und nahm sie in ihr Haus um GOTTes willen. Und aßen und tranken miteinander den selben Tag. Da fraget die gute Frau die Schöne Magelona viel von ihrer Wallfahrt. Also saget sie ihr, wie sie käme von Rom wallfahrten. Darnach fraget sie wieder die Schön Magelona von der Gewohnheit und Eigenschaft des Landes, und ob fremde Leute möchten sicher wandern.