Da saget sie ihr: „Wisset, liebe Pilgerin, daß wir haben einen Herrn dieses Landes von hinnen bis gen Aragonia, und heißet unser Herr der Graf von Provincia. Er ist mächtig und hält sein Land in gutem Fried, also, daß nie kein Mensch vernommen hat, daß jemand wäre ein Verdruß geschehen; wann er befiehlt, Sicherheit und Gerechtigkeit zu halten in seinem Lande. Er und die Gräfin sein also freundlich und holdselig gegen den armen Leuten, daß es Wunder ist. Aber sie sein sehr betrübt und zornig, und wir alle mit ihnen, als die Untertanen, von ihres Sohns wegen, der Peter genannt, der da ist der edelst Ritter dieser Welt; wann er ist bei zwei Jahren von hinnen gezogen, sich zu üben in der Welt in Ritterspielen, und seit dieser Zeit ist nichts mehr von ihm gehört worden. Sie besorgen alleine, er sei tot, oder ihm sei ein großes Unglück wider fahren, was dann ein großer Schaden wäre.“ Und fing an also zu erzählen die Guttaten und Tugend des edeln Ritters.
Als solches die Schön Magelona vermerket, und höret von dem Grafen und der Gräfin, und daß der Peter nicht heim kommen war, da erkennet sie, daß der Peter nicht williglich von ihr kommen war, und daß solches hätte ein böses Unglücke getan. Und fing an, aus Mitleiden zu weinen. Und die gute Frau, da sie bei war, vermeinet, sie weine aus Mitleiden, und hielt sie desto lieber; und mußte die Nacht bei ihr schlafen.
Wie die Schön Magelona sich füget auf einen Port der Heiden, zu dienen den armen Leuten in einem kleinen Spital, und wartet, ob sie von ihrem lieben Peter was möchte erfahren.
Die selbe Nacht setzet sich die Schön Magelona im Herzen für, dieweil der Peter nicht heim kommen war, sie wölle sich an einen Ort wenden, da sie dem allmächtigen GOTT andächtiglich möchte dienen, damit sie ihr Jungfrauschaft desto baß möchte unbeflecket behalten. Und verhoffet, daß sie da von ihrem aller liebsten Peter eher etwas möchte erfahren, dann anders wo. Und tät also fragen, ob in dem Lande wäre ein Ort, da man andächtiglich möchte GOTT dienen. Die gute Frau, ihre Wirtin, saget, daß nahe wäre ein Insel des heidnischen Ports, dar alle Schiff und Kaufmannschaft hin kämen aus allen Landen. Darhin kämen auch viel armer Menschen, krank und schwach.
Also ging die Schön Magelona, den Ort zu beschauen, und gefiel ihr wohl. Ließ von dem Geld, das sie hätt, ein klein Kirchlein bauen und ein klein Spital mit dreien Betten. In der Kirchen ließ sie machen einen Altar in der Ehre Sankt Peters, ihrem aller liebsten Peter zu Gefallen, und gab der Kirchen den Namen: St. Peter von Magelon.
Da nun die Kirche, auch das Spital gebauet war, da tät sie sich hinein und dienet den armen kranken Menschen mit großer Andacht; und führet also ein scharfes Leben, daß die Leute der Insel und auch die Umliegenden sie hielten für eine heilige Fraue; man nennet sie auch die heilige Pilgerin. Es kam groß Opfer von viel Leuten in das Kirchlein. Und ward also weit bekannt, daß der Graf und die Gräfin, des Peters Vater und Mutter, selber in großer Andacht kamen, die Kirchen zu besuchen.
Also begab sich eines Tags, daß sie alle beide dar kamen, die Kirchen und Spital zu besuchen, und sahen der Spitalerin Wesen. Sagten wider einander, sie müsse eine heilige Frau sein. Als die Spitalerin die zwei ersah, ging sie zu ihnen als eine, die sich wohl zu halten wußte, und erbot ihnen Ehr und befahl sich ihnen beiden. Ob dem empfingen der Graf und die Gräfin ein groß Gefallen, und gefiel ihnen ihre Weise wohl.
Darnach zog die Gräfin die Spitalmeisterin auf einen Ort, und redeten viel mit einander von mancherlei Dingen, und kam also weit, daß die Gräfin ihr saget, wie sie betrübet wäre um ihren Sohn, und fing also an, herzlich zu weinen. Die Spitalerin tröstet sie auf das Beste, so sie mocht, wie wohl nötiger wäre gewesen, sich selber zu trösten, dann die Gräfin. Jedoch ward die Gräfin durch die Spitalerin gar gestillet, und saget zu ihr, sie hätte ein groß Gefallen in ihren Reden, und sprach, sie wölle oft zu ihr kommen; und alles, was sie bedürfe, das sölle sie begehren, das wölle sie ihr nicht versagen. Darum saget ihr die Spitalerin großen Dank.
Also zog die Gräfin wieder heim, und bat die Spitalerin, sie wölle GOTT treulich bitten, damit sie erführe, wo ihr Sohn wäre. Das zu tun verhieß ihr die Spitalerin mit gutem Herzen, und schieden also von einander. Und die Spitalerin ging hin und wartet der armen Leute, wie sie dann Gewohnheit hätt, und führet ein hart Leben.