Als die Spitalerin solches von der Gräfin verstanden hätt, fing sie an, inniglich mit ihr zu weinen, und sprach: „Gnädige Frau, ich bitte euch, so ihr die Ringe habet, ihr wollet mich sie sehen lassen.“

Die Gräfin zog's herfür und gab's ihr zu besehen. Da sie die Ringe ersah, erkennet sie die selben balde. Und wäre nicht Wunder gewesen, daß ihr Herz vor Leide wäre zerbrochen in ihrem Leibe. Jedoch, wie eine tugendreiche und weise Tochter, die ihre Hoffnung alleine in GOTT setzet, saget sie: „Gnädige Frau, ihr sollet euch nicht bekummern; wann die Dinge, so nicht gewiß sein, sollen anders verhoffet werden. Wie wohl das die Ringe sein, die ihr eueren liebsten Sohn geben habet, so kann und mag es doch wohl sein, daß er sie verloren hat, oder einer andern Person geben. Darum ich euch bitte, ihr wollet euch nicht mehr betrüben oder bekummern. Darinne werdet ihr euerem Herrn zu Gefallen tun; wann ihr mehret ihm seine Schmerzen, als bald er euch siehet betrübet und traurig. Und kehret euch gegen GOTT dem Allmächtigen, und danket Ihm um alles, das Er euch erzeiget!“

Also tröstet die Spitalmeisterin die Gräfin auf das Beste, so sie vermocht, wie wohl ihrer Schmerzen nicht weniger waren, dann der Gräfin; sie wäre auch wohl Trostes notdürftiger gewesen.

Die Gräfin gab große Gaben in das Spital, GOTT für die Seele ihres Sohns zu bitten, so er tot wäre; so nicht, daß sie etwas Guts von ihm erführe, und zog also wieder heim. Und die Spitalerin blieb also fast traurig, und fiel auf ihre Knie für den Altar Sankt Peters und bat GOTT, so er lebendig wäre, ihn zu führen in aller Sicherheit zu seinen Freunden. Wo er aber tot wäre, wolle sich GOTT seiner armen Seelen erbarmen und ihr gnädig sein. Und blieb also lang in ihrem Gebete.

Nun wollen wir auf hören, zu reden von dem Grafen, der Gräfin und der Spitalerin, und wollen reden von dem Peter, der da war am Hofe des Sultans.

Wie der Peter eine lange Zeit blieb an dem Hofe des Sultans, und durch seine Geschicklichkeit regieret er den Sultan und den ganzen Hof; wann jedermann hätt ihn lieb.

Der Peter blieb eine Zeit lang an dem Hofe des Sultans zu Babilonien, und ward von ihm geliebet, als wäre er gewesen sein eigener Sohn. Der Sultan mochte auch kein Freude haben, der Peter wäre dann bei ihm. Doch hätt der Peter allwegen sein Herze zu der Schönen Magelona; wann er wußte nicht, wo sie hin war kommen. Also nahm er sich eines Tags für, Erlaubnis zu nehmen von seinem Herrn, seinen Vater und Mutter zu besuchen.

Und begab sich eins mals, daß der Sultan ein groß Feste hielt; und war fröhlich und gab vielen Menschen große Gaben. Da ersah der Peter die Zeit, und fiel für ihm auf seine Knie und sprach also: „Herr, ich bin lange Zeit gewesen an euerm Hofe, und durch euer sonderliche Gnade bin ich in viel Sachen, so ich euch für getragen, von euch erhört worden. Hab auch viel anderen Leuten ihre Sachen aus gerichtet, aber mir meiner halben zu geben, habe ich euch noch nie gebeten. Darum ich auf dies mal euer Gnaden bitten wollte, mir etwas zu geben, so ich nun begehren werde, und mir solches nicht ab zu schlagen.“

Als ihn der Sultan sah also demütiglich bitten, sprach er zu ihm: „Lieber Peter, es ist nicht weniger: was du für einen andern begehret hast, habe ich dir gütlich bewilliget; wie viel mehr, so du für dich selber willst bitten, will ich mit einem fröhlichen Herzen dir geben, was du begehrest. Darum begehre, was du willst; es soll dir von mir nicht ab geschlagen werden.“