Das ganze Frankenland von der französischen bis zur österreichischen Grenze ist für den deutschen Wanderer noch immer zu sehr Terra incognita, besonders die Gegend der Main- und der pfälzischen Franken. Doch auch bei den blinden Hessen sind noch die verschwiegenen Malerwinkel und die verzauberten Welten altväterlichen Lebens zu finden, die ihre schlichte Schönheit nicht jedem kecken Wegfahrer offenbaren, sondern gesucht, mit frommem Gemüt durchwandert und in aller Stille geliebt werden wollen. Dort liegen hinter den dichten Wällen schwerbeladener Obstbäume versteckte Dörfer mit launig dicken Kirchtürmen oder vorlaut über das grüne Gewoge schauenden Rokokozwiebeln von Gemeinden mit guten Pfründen; und wer es versteht, sich da hineinzuschleichen, der bekommt zum Lohn den ganzen unberührten Reiz ländlichen Friedens und Segens beschert.
Phot. E. Braun.
Fuldaschleife bei Kragendorf.
Herbere Töne und tiefere Noten schlägt schon das Land um den Teutoburger Wald herum an, so sehr manche Striche noch an die Milde des Taunus oder der Rhön gemahnen. Wie eine Insel von fremder Eigenart steigen an der Mosel die vulkanischen Eifelberge mit ihren ossianisch-schwermütigen Maarlandschaften hervor. Erst in den hannöverschen Landen, wo die deutsche Tiefebene ernstlich ihre guten Rechte geltend macht und wo auch die rauhen Paradiese der niederdeutschen Heide beginnen, nimmt die Landschaft wieder Formen und Färbungen an, die den Wanderer zunächst überraschen und dann, wenn er seine Augen eingestellt hat, beglücken.
Phot. W. Noelle.
Alter Bauernhof in der Lüneburger Heide.
Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem Dampfer in der Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer eintönig erscheinen. Und beim Wandern durch die nicht restlos befriedigende Synthese des Teutoburger Waldes, dessen viele trotzige Einsiedlereichen mit ihrem unwiderstehlichen Baumzauber sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe dürftigen Tannenforst doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft fühlen, da müssen schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens aus dem Gymnasium das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann kommt Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das ist etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder und die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen zur Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der geht noch in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur empfänglich für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder, wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes Wort) und für den Kunstkenner der Biedermeierzeit einzig in Betracht kamen, als rascher Genuß des Auges wie als dauernder Schmuck des Hauses. Daran aber erkennt man den objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von welcher politischen Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal heroischen Klang und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was in jener so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, wo die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen weiden, die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die Heimat sind, bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken nämlich über die schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der Wasserkante, besonders der Niederweser und der Niederelbe, wo ein im Kampf mit dem »blanken Hans« der Nordsee hart und still gewordenes Bauernvolk einer endlosen Rohr- und Schilfwildnis weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes abgerungen hat und dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller Trotz und Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist jetzt die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen noch jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche, die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den von der Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. Dort in Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den Binnenländer ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft fast empörend geordneten Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter Vielfältigkeit verleiht: das Wasser, das Meer. Mögen die Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade, die Linden beschnitten sein wie Weidenstrünke und diese selbst, oft Baumstämme von ansehnlicher »Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen Köpfen, alles tun, um das Landschaftsbild »uninteressant« zu machen, schon das »Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische Raffinement gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus kurzem gutgebundenen und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh, zärtlich umhegt von Bäumen und Büschen, ist ein kleines Wunder eines »Heims«. Und doch wie bitter und hart ist dort noch das Verhältnis vom Mensch zum Menschen, besonders vom Herrn zum Knecht! Aber gerade, als wollte die Natur hier das Unerbittliche, Schweigsame im Menschen mildern, hängt der sonnendurchglänzte Wasserdunst des Meeres oder der stundenbreiten Flußläufe über die Erde dort unten Gold- und Silbernetze, deren Wirkung die Landratte sich nicht vorstellen kann. Breit verschwimmend im Lichtglanz, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit einem verschwenderischen Farbenreichtum prunkt, so erscheint alles Geradlinig-Eckige im Land der Marschen. Und wer nicht die alten Fleten am Hamburger Hafen, die engen, kanaldurchzogenen Gassen der alten Lagerhäuser hansischer Großkaufleute der Vergangenheit gesehen hat, wie sie im lichtdurchglühten Wasserdunst und im sonnengeröteten Qualm der Dampfer zu Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem Ultramarin werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte Zauberer aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen Warenspeichern machen können.