Und sie schritten weiter, bis an die Ecke der nächsten großen Straße; hier wollte Bismarck sich verabschieden, Roon aber sagte:

»Nein doch, Verehrtester! Wenn Sie ein Stündchen Zeit haben, so nehmen Sie mit uns das Frühstück ein; meine Frau wird sich herzlich freuen – das wissen Sie!«

»Ich bin ohnehin schon mehr bei Ihnen als daheim in meiner Junggesellenwirtschaft – aber Sie wollen’s nicht anders, und ich kann mir’s gefallen lassen, solange ich hier noch allein stehe.«

Kurze Frist darauf saß er mit Roon zu Tische, und das Gespräch drehte sich nicht mehr um die leidige Politik. Der General äußerte, sich behaglich zurücklehnend in seinen Sessel: »Wenn ich mir das hätte träumen lassen, lieber Bismarck, als ich in Pommern als blutjunger Leutnant mit der Flinte hinauslief in die Felder oder Terrainaufnahmen machte und Sie als frischer, prächtiger Junge mich begleiten, daß wir einmal nebeneinander am Ministertische sitzen würden, Sie noch dazu – mit allem Respekt zu melden – als Präsident –«

»Weiter können wir nun allerdings nicht kommen, und meine gute Mutter, die schon auf Kniephof immer einen Diplomaten aus mir machen wollte, sollte doch einigermaßen ihre Freude an mir haben.«

»Na, dafür hat jetzt Frau Johanna diese Freude!« bemerkte Frau von Roon.

»Ja, meine gute Johanna! Sie kennt aber nicht bloß die Freuden, sondern auch die Leiden des Diplomatenlebens. Ach, wie ich mich danach sehne, endlich wieder die Meinen hier um mich zu haben in meinem einsamen Hause in der Wilhelmstraße, das glauben Sie kaum. Ich habe meiner Frau auch geschrieben, daß ich alle Tage bei den guten Roons esse, und wenn sie und meine Fuchsstute nicht wären, ich mir gar zu vereinsamt vorkäme. Dabei wie Leporello: Keine Ruh’ bei Tag und Nacht! Da wollte ich vor kurzem einige Tage wenigstens mich bei Malwine auf Kröchlendorf erholen, arbeitete bis tief in die Nacht hinein, und wie ich fertig war, goß ich statt des Streusandes die Tinte über die Geschichte, daß sie mir nur so an den Knien hinunterfloß, und die nächsten Tage brachten wieder so viel Arbeit, daß ich meinen schönen Gedanken aufgeben mußte. Aber alles für König und Vaterland! Unserem guten König!«

Er hob sein Glas mit dem funkelnden Wein, und hell klang es durch den Raum.

Dann kamen wiederum Tage heftiger Kämpfe. Das Abgeordnetenhaus war am 14. Januar 1863 wieder zusammengetreten, aber eine Verständigung über die von dem König gewünschte, von Bismarck als unbedingt notwendig verfochtene Heeresreform wurde zunächst nicht erzielt, ja, die Spannung zwischen der Regierung und den Kammern wuchs noch, als in Polen ein Aufstand gegen Rußland ausbrach und Preußen nur einen Vertrag mit demselben schloß, wonach bewaffnete polnische Banden und revolutionäre Flüchtlinge auch über die preußische Grenze verfolgt werden durften. Da die polnische Bewegung überall große Sympathien hatte, mußte sich Bismarck heftige Angriffe gefallen lassen, sogar auf seine »preußische Ehre«, und wohl nur wenige verstanden diesen meisterhaften politischen Schachzug des fernblickenden Staatsmannes, der sich für künftige Vorkommnisse die Freundschaft des mächtigen östlichen Nachbars sichern wollte.

In jenen Tagen war es, daß er in einer Gesellschaft dem englischen Gesandten, Sir Andrew Buchenan, begegnete, der ihn wegen des geschlossenen Vertrages interpellierte.