An einem Vormittage zu Anfang des November 1862 schritten zwei stattliche Männer durch die Straßen der preußischen Hauptstadt. Der eine war im Zivilanzuge mit dem dunklen Schlapphute auf dem mächtigen Haupte, der andere trug den Militärpaletot; sein ernstes, entschlossenes Gesicht mit dem kräftigen grauen Schnurrbart bekundete Festigkeit und Mut.
Die beiden waren sich eben begegnet und hatten sich die Hand geschüttelt, dann waren sie nebeneinander hergegangen, und der Offizier sagte:
»Nun, wie war’s bei der Abschiedsaudienz in Paris, lieber Bismarck?«
»Das will ich Ihnen kurz berichten, bester Roon. Am 1. November fuhr ich höchst feierlich in St. Cloud vor und überreichte unter allem herkömmlichen Zeremoniell dem Kaiser mein Abberufungsschreiben, wobei ich ihm zugleich mitteilte, daß Seine Majestät mich am 8. Oktober zum Ministerpräsidenten und Minister der Auswärtigen Angelegenheiten zu ernennen geruht haben. Napoleon war sehr liebenswürdig und gutmütig, aber einen Einblick in unsere Verhältnisse scheint er ebensowenig zu haben wie große wissenschaftliche Kenntnisse; ich glaube, daß er bei uns nicht einmal das Referendarexamen bestehen würde. Der Kaiser meinte, nachdem wir hier in Preußen erst einmal den Konflikt zwischen der Regierung und dem Abgeordnetenhause in der Frage der Heeresreform haben, würde es wohl nicht lange dauern, und es würde einen Aufstand geben in Berlin und Revolution im ganzen Lande, und bei einer Volksabstimmung hätte der König alle gegen sich. Ich sagte ihm, das Volk baue bei uns keine Barrikaden, Revolutionen machten in Preußen nur die Könige. Wenn der König die Spannung, die freilich vorhanden sei, nur drei bis vier Jahre aushalte, so habe er gewonnenes Spiel. Wenn er nicht müde würde und mich nicht im Stiche ließe, würde ich nicht fallen. Und wenn man das Volk anriefe und abstimmen ließe, so hätte er schon jetzt neun Zehnteile für sich. – Der Kaiser soll nach meinem Weggange geäußert haben: »Ce n’est pas un homme serieux« (das ist kein ernsthafter Mensch).«
»Und Sie haben in allem recht: daß wir in der Frage der Heeresverstärkung zum Besten Preußens nicht nachgeben dürfen, ist für uns selbstverständlich; sollen wir einmal dem Staat des großen Friedrich wieder die gebührende Stellung und vor allem seine Führerrolle in Deutschland sichern, so brauchen wir ein starkes Heer. Und daß wir das Volk auf unserer Seite haben, beweisen die zahlreichen Abordnungen aus allen Teilen des Landes, die an den König kommen, um gerade jetzt ihn der Treue und der Zustimmung seiner Untertanen zu versichern.«
»Gewiß, auch ich beharre fest bei dem, was ich in der Kammer schon gesagt, und es ist meine tiefinnerste Überzeugung, daß Preußen nicht, wie so oft schon, den günstigen Augenblick für sich verpassen darf aus Mangel an Kraft, und daß die großen Fragen der Zeit zuletzt nicht durch Reden und Majestätsbeschlüsse entschieden werden, sondern durch Blut und Eisen. Darin werde ich mich nicht irremachen lassen, und ich hoffe, die Zukunft wird mich verstehen.«
Die beiden Männer kamen an dem Schaufenster einer Buchhandlung vorüber, und Bismarck blieb stehen:
»Lassen Sie uns sehen, was es Neues gibt!« Da hingen wunderliche Bilder, Karikaturen, welche den Ministerpräsidenten in mancherlei Situation darstellten, als feudalen Junker, welcher mit dem Besen die großen Städte wegfegt, als Hausknecht, der den Saal der Abgeordneten reinigt u. a.
Der alte General biß sich auf den grauen Schnurrbart und fand in seinem Unmute kein Wort, Bismarck aber lachte:
»Sie sorgen damit besonders liebevoll für meine Popularität, und einzelnes ist wirklich gar nicht übel; ärgern kann ich mich über dies Zeug beim besten Willen nicht, ändern werden sie damit an mir auch nichts.«